Libanons Scheinfrieden: 588 Tote trotz Waffenruhe
Der Waffenstillstand existiert auf dem Papier. In Südlibanon sterben täglich Menschen. Am Donnerstag verzeichneten Militärbeobachter 105 separate Hisbollah-Angriffswellen, mehr als an jedem anderen Tag seit Beginn des Libanonkonflikts Ende Februar 2026. Gleichzeitig kamen israelische und libanesische Vertreter in Washington zu direkten Gesprächen zusammen.
Wie der Libanonkrieg 2026 begann
Am 28. Februar 2026 töteten US-amerikanische und israelische Streitkräfte den iranischen Obersten Führer Ali Chamenei. Hisbollah reagierte unmittelbar mit intensivem Raketenbeschuss auf Nordisrael. Israelische Luftangriffe trafen Ziele in ganz Libanon, am 2. März begann eine israelische Bodenoffensive im Südlibanon. Der Libanonkonflikt 2026 ist damit direkte Folge des Iran-Kriegs und seines zentralen Moments: dem Tod Chameneis.
Seither wurden im Libanon knapp 2.900 Menschen getötet und mehr als eine Million Menschen in die Flucht getrieben. Israelische Streitkräfte haben erklärt, Hisbollah hinter die Litani-Linie zu drängen und eine Sicherheitszone im Südlibanon zu errichten, ein Vorgehen das dem im Gazastreifen ähnelt. Hisbollah verfügt nach unabhängigen Schätzungen noch über rund 15.000 Raketen, zehn Prozent des Vorkriegsarsenals von etwa 150.000 Geschossen. Was fehlt, wird durch faseroptisch gesteuerte Drohnen teilweise ersetzt.
Die Waffenruhe vom 16. April
Am 16. April verkündete US-Präsident Trump ein von Washington vermitteltes Waffenstillstandsabkommen. Es sah eine zehntägige Feuereinstellung vor und wurde am 23. April auf drei Wochen verlängert. Die Hisbollah war kein formaler Unterzeichner, was von Beginn an die entscheidende Schwäche des Abkommens war.
Bereits am Tag nach Inkrafttreten begannen Berichte über Verstöße. Israel behielt sich das Recht vor, "zur Selbstverteidigung zu handeln", eine Formulierung, die für fortgesetzte Luftangriffe auf Ziele in Südlibanon genutzt wurde. Libanons Staatsoberhaupt Joseph Aoun wandte sich mehrfach an Washington mit der Bitte, Israel zur Einhaltung des Abkommens zu drängen. Die UN dokumentierten anhaltende Kämpfe, ähnlich wie nach dem Waffenstillstand vom November 2024, wo mehr als 10.000 israelische Verstöße verzeichnet wurden.
Die Bilanz seit dem 16. April ist ernüchternd: mindestens 588 Menschen getötet, darunter 23 Kinder und 25 Frauen, bei einer offiziell gültigen Waffenruhe. Al Jazeera fragte in einer Analyse vom 11. Mai: "Ist selbst der Schein eines Waffenstillstands vorbei?"
Der intensivste Kampftag seit Kriegsbeginn
Der 14. Mai war nach Militärbeobachtungen der bisher intensivste Tag des Konflikts. Hisbollah führte 105 separate Angriffswellen auf israelische Positionen durch. In Meiss ej Jabal wurde ein Hisbollah-Kämpfer getötet, in Adamit traf eine Panzerabwehrrakete einen israelischen Zivilisten tödlich und verwundete fünf Soldaten. Israel führte seinerseits Drohnenangriffe im Südlibanon durch.
Was den Kampftag militärtechnisch bedeutsam macht, ist nicht nur die Zahl der Angriffswellen, sondern der Einsatz neuartiger Waffentechnologie. CNN berichtete Anfang Mai über faseroptisch gesteuerte Drohnen der Hisbollah, die israelische Elektronikstörer umgehen. Diese Geräte kombinieren modifizierte Zivildrohnen aus China oder dem Iran mit Sprengstoff und erlauben GPS-unabhängige Steuerung, ein erheblicher taktischer Fortschritt gegenüber früheren Modellen.
Gleichzeitig fanden in Washington direkte Gespräche zwischen israelischen und libanesischen Vertretern statt, begleitet von US-Vermittlern. Libanons Präsident Aoun hatte auf genau solche Gespräche gedrängt. Dass dieser diplomatische Kanal an einem der intensivsten Kampftage des Kriegs geöffnet war, zeigt den Widerspruch, in dem der Konflikt steckt.
Hisbollah wartet auf eine Entscheidung aus Teheran
Die entscheidende Frage ist nicht militärischer, sondern politischer Natur. Wann und unter welchen Bedingungen ist Hisbollah bereit, die Waffen niederzulegen? Die Antwort liegt nicht in Beirut. Der libanesische Außenminister hat öffentlich bestätigt, dass Hisbollah ihre Waffen nicht ohne eine Entscheidung aus Teheran aufgeben wird. Trump knüpfte im April ein Gesamtabkommen explizit an die Bedingung, dass der Iran die Finanzierung der Hisbollah einstellt.
Damit hängt die Zukunft des Libanons direkt vom Ausgang der Iran-Verhandlungen ab, die ihrerseits feststecken. Trump erklärte den Waffenstillstand mit dem Iran am 11. Mai für nahezu gescheitert, nachdem er Teherans Gegenvorschlag abgelehnt hatte. In Peking versucht Washington gerade, China als Druckhebel auf den Iran einzusetzen. Die Verhandlungsstränge Libanon in Washington und Iran in Peking sind damit de facto nicht voneinander zu trennen.
Foreign Policy schrieb am 11. Mai, dass die Entwaffnung der Hisbollah auch bei einem Waffenstillstand ein ungelöstes Problem bleibe, weil die schiitische Gemeinschaft im Libanon Hisbollah als sektarische Schutzorganisation sehe, nicht nur als Miliz. Selbst wenn Iran einen Deal unterschreibt, bliebe die innenpolitische Entwaffnung eine libanesische Aufgabe, die Washington nicht lösen kann.
Aktualisierungen
Update 16. Mai, 05:10 Uhr: Trotz 657 Toter seit Beginn der Waffenruhe am 16. April und des intensivsten Kampftags seit Kriegsbeginn am 14. Mai verlängerten Israel und der Libanon ihre Feuerpause am 15. Mai um weitere 45 Tage. Die dritte Verhandlungsrunde in Washington unter US-amerikanischer Vermittlung brachte zudem erstmals einen militärischen Sicherheitsdialog: Am 29. Mai werden Militärvertreter beider Seiten im Pentagon direkt miteinander kommunizieren, am 2. und 3. Juni folgen politische Gespräche. Die Grundkonflikte bleiben bestehen: Israels Vorbedingung der Hisbollah-Entwaffnung und Libanons Forderung nach vollständigem Truppenabzug stehen weiterhin unvereinbar nebeneinander.
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