Merz und die Rente: Wer gewinnt, wer verliert
Politik

Merz und die Rente: Wer gewinnt, wer verliert

Kanzler Merz hat die gesetzliche Rente zur bloßen Basisabsicherung erklärt. Für mehr als 50 Prozent der Deutschen ist sie die einzige Einkommensquelle im Alter. Ende Juni legt die Rentenkommission ihren Bericht vor und entscheidet, welche Seite recht behalten hat.

15. Mai 2026, 4:39 Uhr 818 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Als Friedrich Merz beim Jahresempfang des Bundesverbands Deutscher Banken die gesetzliche Rente zur bloßen Basisabsicherung erklärte, applaudierte der Saal. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel sprach kurz darauf von einer „ungeheuerlichen Dreistigkeit". Der Ort der Rede war kein Zufall: Die Botschaft des Kanzlers markiert einen Systemwechsel weg von der staatlichen Rente als Hauptsäule und hin zu einem Modell, das vor allem jene voraussetzt, die privat vorsorgen können.

Was Basisabsicherung eigentlich heißt

Merz meint keinen Einschnitt in laufende Renten. Er meint einen Systemwechsel für künftige Generationen. Sein Modell orientiert sich am Schweizer Dreisäulenprinzip: Die erste Säule, die staatliche Rente, sichert nur das Grundlegende. Die zweite Säule, betriebliche Altersversorgung und die dritte Säule, private Vorsorge, sollen den eigentlichen Lebensstandard sichern.

Im deutschen System gilt die gesetzliche Rente heute als Hauptsäule. Die Standardrente nach 45 Beitragsjahren mit Durchschnittseinkommen beträgt seit dem 1. Juli 2025 brutto 1.835 Euro, das sogenannte Rentenniveau liegt bei 48 Prozent des früheren Durchschnittseinkommens, gesetzlich gesichert bis 2031. Merz hat diese Garantie nicht angetastet. Was er ankündigt, ist das Danach: Nach 2031 soll die gesetzliche Rente strukturell zurückgestutzt werden, private und betriebliche Vorsorge müssten ein „viel größeres Ausmaß" annehmen als bisher.

Der Finanzsektor applaudierte. Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, nannte Merz' Einschätzung „realistisch" und verwies auf eigene Berechnungen, nach denen Rentner mindestens 58 Prozent des früheren Haushaltseinkommens benötigen, um den Lebensstandard zu halten. Michael H. Heinz, Präsident des Bundesverbands Deutscher Versicherungskaufleute (BVK), sprach von „uneingeschränkter Zustimmung".

Warum die SPD von „erbittertem Widerstand" spricht

SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf reagierte unmittelbar: „Wenn der Kanzler die gesetzliche Rente auf eine Basisrente herunterfahren will, wird er erbittertem Widerstand der SPD begegnen." Die SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas nannte eine anständige Rente nach einem Arbeitsleben eine „Frage der Leistungsgerechtigkeit". Dagmar Schmidt, stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, warnte davor, Unsicherheit und Angst zu säen.

Hinter der parteipolitischen Auseinandersetzung steht ein inhaltlicher Einwand: Wer vorsorgt, braucht Kapital. Geringverdiener, Frauen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, Langzeitarbeitslose und Menschen mit niedrigen Sparguthaben können keine substanzielle private Altersvorsorge aufbauen. Das Riestermodell gilt als Beleg für das Problem: Jahrelang staatlich gefördert, von der Mehrheit der Niedrigverdiener nie substanziell genutzt. Anja Piel, DGB-Vorstandsmitglied, nannte Merz' Aussagen eine „ungeheuerliche Dreistigkeit". Christiane Benner, IG-Metallvorsitzende, warnte vor Protesten.

Was die Zahlen über die Verteilung aussagen

Die durchschnittliche Zahlbetrag einer Altersrente liegt nach aktuellen Daten der Deutschen Rentenversicherung bei rund 1.180 Euro monatlich. Hinter diesem Mittelwert verbergen sich erhebliche Unterschiede. Männer im Westen erhalten 2026 durchschnittlich 1.451 Euro, Frauen im Westen 913 Euro. Im Osten sind die Rentenunterschiede zwischen Männern (1.525 Euro) und Frauen (1.325 Euro) geringer, aber die Ausgangsbasis ist niedriger. Für Frauen mit Teilzeitbiografien, Pflegepausen oder Niedriglohnphasen gilt: Kapitaldeckung aufzubauen setzt Überschüsse voraus, die viele monatlich nicht haben.

Genau diese Gruppe ist am stärksten auf die gesetzliche Rente angewiesen. Wer Merz' Dreisäulenmodell nach dem Maßstab Wer profitiert? bewertet, findet klare Trennlinien: Höherverdiener mit Spielraum für private Sparprodukte, Westdeutsche mit bestehenden Betriebsrentenansprüchen und Männer mit kontinuierlichen Erwerbsbiografien stehen auf der Gewinnseite. Die Verliererseite umfasst strukturell genau jene, die heute schon die niedrigsten Renten beziehen.

Ende Juni: Was die Alterssicherungskommission empfehlen wird

Die Alterssicherungskommission (ASK) unter dem Vorsitz von Prof. Constanze Janda und Frank-Jürgen Weise muss ihre Empfehlungen bis Ende des zweiten Quartals 2026 vorlegen, also bis Ende Juni. Ihre Untersuchungsfelder umfassen das Rentenniveau nach 2031, die Entwicklung der Beitragssätze, die Auswirkungen auf Frauen und Niedrigverdiener sowie die Renteneintrittsaltersfrage. Abgeordnete beider Koalitionsparteien sitzen in der Kommission: Pascal Reddig (CDU) und Annika Klose (SPD).

Was die Kommission empfiehlt, wird den Koalitionsstreit nicht beenden, aber strukturieren. Wenn die Kommission Merz' Richtung unterstützt, also eine stärkere Kapitaldeckung empfiehlt, bekommt er das Argument, sein Kurs sei auch wissenschaftlich gestützt. Wenn die Kommission die Risiken für Geringverdiener und Frauen betont, bekommt die SPD ihre Grundlage für weiteren Widerstand. In beiden Fällen ist klar: Die gesetzliche Rente als System steht nicht zur Disposition. Was zur Disposition steht, ist ihre Bedeutung als Einkommensquelle für jene, die keine zweite und dritte Säule aufbauen können.

Update 21. Mai, 05:04 Uhr: Zum 1. Juli 2026 steigen die Renten um 4,24 Prozent, der höchste Anstieg seit mehreren Jahren. Für eine Standardrente nach 45 Beitragsjahren bedeutet das rund 78 Euro mehr monatlich brutto. Gleichzeitig plant die Koalition, den Bundeszuschuss zur gesetzlichen Rentenversicherung im Haushalt 2027 um vier Milliarden Euro zu kürzen. Ohne Gegenfinanzierung müssten die Beitragssätze um 0,2 Prozentpunkte steigen, eine Mehrbelastung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen. Das ZDF-Politbarometer vom 7. Mai zeigt den Kontext: 69 Prozent der Deutschen bewerten die Koalitionsarbeit als schlecht, mehr als doppelt so viele wie noch im Mai 2025.

Quellen (10)

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