Pilze binden ein Drittel aller CO₂-Emissionen
Unter fast jedem bewachsenen Fleck Erde, unter Wäldern und Weizenfeldern, arbeiten Milliarden unsichtbarer Fäden: Mykorrhizapilze. Sie verbinden Pflanzenwurzeln miteinander, transportieren Nährstoffe und ziehen Kohlenstoff in den Boden. Wie viel Kohlenstoff, hat Dr. Toby Kiers von der Vrije Universiteit Amsterdam über zwanzig Jahre erforscht. Das Ergebnis, veröffentlicht in einer Studie aus 194 Datensätzen und 61 begutachteten Arbeiten: 13 Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr. Kein Klimaplan der Welt berücksichtigt diese Senke. Im April 2026 erhielt Kiers den Tyler Prize for Environmental Achievement, einen der renommiertesten Umweltpreise, dotiert mit 250.000 Dollar.
Was Mykorrhizapilze tun
Mehr als 90 Prozent aller Landpflanzenarten leben in Symbiose mit Mykorrhizapilzen. Die Pilze wachsen in und um Pflanzenwurzeln herum und bilden ein ausgedehntes Fadennetzwerk im Boden, das Myzel. Die Pflanze liefert den Pilzen Zucker, den sie durch Photosynthese produziert. Die Pilze liefern im Gegenzug Phosphor, Stickstoff und Wasser aus dem Boden, die Pflanzenwurzeln allein nicht erreichen könnten. Das ist eine der ältesten Partnerschaften der Evolutionsgeschichte, älter als fast alle Landpflanzen selbst.

Bei diesem Austausch fließt ein erheblicher Teil des Kohlenstoffs, den die Pflanze aus der Atmosphäre aufnimmt, nicht zurück in die Luft, sondern wandert durch das Myzel in den Boden. Das SPUN-Institut (Society for the Protection of Underground Networks), das Kiers leitet, hat zusammen mit 29 wissenschaftlichen Institutionen das erste globale Modell dieser unterirdischen Kohlenstoffflüsse erstellt. Das Ergebnis: 13,12 Milliarden Tonnen CO₂ fließen jährlich von Pflanzen in mykorrhizale Netzwerke, etwa 36 Prozent der jährlichen fossilen Emissionen der Menschheit.
Was die Zahl einordnet
Die 13 Milliarden Tonnen sind keine hypothetische Größe, sondern eine Messung des gegenwärtigen Zustands. Zum Einordnen: Die Nettobindung aller Wälder weltweit liegt laut Daten des World Resources Institute bei etwa 7,6 Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr. Die Ozeane binden im Nettoeffekt etwa 25 Prozent der jährlichen menschlichen Emissionen, rund 10 Milliarden Tonnen. Mykorrhizapilze spielen in derselben Größenordnung wie diese beiden Klimasysteme zusammen, tauchen aber in keinem offiziellen Klimamodell, keiner nationalen Emissionsbilanz und keiner internationalen Klimarahmenkonvention auf.
Kiers warnt davor, die 13 Milliarden Tonnen als dauerhaft gesicherte Speicherleistung zu verstehen. Der Kohlenstoff, der in Myzelnetzwerke fließt, bleibt nicht alle darin. Er zirkuliert durch das Bodenleben, kehrt teilweise in die Atmosphäre zurück. Die zentrale Forschungsfrage lautet: Wie viel bleibt netto im Boden? Die bisherigen Messungen erfassen die Flüsse, nicht die endgültige Bilanz. Dieses Wissen wird in den nächsten Jahren präziser werden.

Bei der UN-Konvention über biologische Vielfalt (COP16, 2024 in Cali) unterzeichneten 13 Länder darunter Deutschland, Chile und das Vereinigte Königreich das Fungal Conservation Pledge, Pilze in Naturschutzgesetzen gleichrangig mit Pflanzen und Tieren zu behandeln. Das ist ein politisches Novum: Kein Naturschutzrecht der Welt hatte Pilze bisher als eigene schützenswerte Kategorie erfasst.
Was Pilzschutz konkret braucht
Die Zahlen zeigen, was intensive Landwirtschaft zerstört: Tiefes Pflügen, Pestizide gegen Pilze und synthetische Dünger (die Pflanze von der Pilzsymbiose unabhängig machen) schädigen das Myzel. Felder ohne intakte Mykorrhizanetzwerke verlieren ihre Fähigkeit, Kohlenstoff zu binden. Groundwork BioAg, ein Agrarunternehmen, das Mykorrhizapilze als Bodenimpfstoff für Landwirte anbietet, dokumentierte in einer Pilotstudie 2023 auf fünf Millionen Acres in 17 Ländern eine Sequestrierungsrate von 3,89 Tonnen CO₂-Äquivalent pro Acre. Die zugrundeliegende Methodik wurde durch den unabhängigen Zertifizierer SCS Global Services nach Verra-Standard validiert.
Was fehlt, ist die institutionelle Infrastruktur. Kein nationales Naturschutzgesetz erfasst Mykorrhizapilze als schützbare Einheit. Es gibt keinen globalen Myzel-Atlas, der zeigt, wo die dichtesten Netzwerke liegen und wo sie am stärksten bedroht sind. SPUN hat begonnen, einen solchen Atlas aufzubauen, die Datenlage ist lückenhaft. Kiers argumentiert, dass Pilze in landwirtschaftliche Bewirtschaftungsentscheidungen einbezogen werden müssen: Pflugverbote auf bestimmten Böden, Reduktion fungizider Pestizide, Anreize für pilzfreundliche Anbaumethoden. Das sind keine grundlegenden Verbote, sondern Anpassungen, die vorhandenes Wissen umsetzen. Die 13 Milliarden Tonnen sind nicht das Ergebnis von Schutzprogrammen. Sie sind das, was die Erde leistet, wenn man sie lässt.
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