Erstmals: NATO schießt ukrainische Drohne ab
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Erstmals: NATO schießt ukrainische Drohne ab

Am 19. Mai schoss eine NATO-F-16 über Estland erstmals eine ukrainische Drohne im Ukraine-Krieg ab. Die baltischen Staaten tragen seit März 2026 die Kollateralschäden ukrainischer Langstreckenangriffe auf russische Ölinfrastruktur. In Lettland kostete das bereits die Regierung das Amt.

20. Mai 2026, 6:58 Uhr 946 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Russland schoss nicht auf die Drohne. Eine NATO-Maschine tat es. Am 19. Mai vernichtete eine rumänische F-16 über dem Süden Estlands eine ukrainische Langstreckendrohne, die nach Angaben Kiews von russischen GPS-Störsendern vom Kurs abgebracht worden war. In Lettland hatte eine ähnliche Drohne zwölf Tage zuvor ein Öldepot getroffen und eine Regierung zu Fall gebracht.

Von Litauen bis Estland: Die Eskalation seit März

Am 23. März 2026 stürzte eine ukrainische Langstreckendrohne in einem Waldgebiet im litauischen Bezirk Varėna ab. Sie war offenbar vom Kurs abgekommen, wahrscheinlich während eines Angriffs auf das russische Ölterminal Primorsk an der Ostseeküste. Zwei Tage später drangen weitere ukrainische Drohnen in lettischen und estnischen Luftraum ein; eine traf den Schornstein des Kohlekraftwerks Auvere im Nordosten Estlands, rund zwei Kilometer von der russischen Grenze. In Finnland fanden Behörden am 29. März eine ukrainische AN-196-Drohne mit nicht gezündetem Sprengkopf nördlich von Kouvola. Finnische Pioniere sprengten ihn kontrolliert.

Alle drei baltischen NATO-Mitglieder sowie Finnland hatten innerhalb einer Woche Vorfälle zu verzeichnen. Das Warschauer Centrum für Oststudien stellte bereits im März fest, dass die Abweichungen dem Muster russischer GPS-Störsysteme entsprechen. Kiew wies zunächst die Verantwortung zurück; Kyjiws Außenministerium erklärte, keine ukrainische Drohne sei absichtlich nach Finnland oder in die baltischen Staaten geflogen worden.

Am 7. Mai überquerten erneut zwei Drohnen die lettische Grenze aus russischem Territorium kommend. Eine detonierte an einem Erdöldepot in der Stadt Rēzekne, 40 Kilometer tief in NATO-Gebiet. Die Tanks waren leer, Verletzte gab es keine. Am 17. Mai stürzte eine weitere Drohne in einem Feld nahe dem Dorf Samanė im litauischen Distrikt Utena ab. Sieben Tage nach dem Rēzekne-Vorfall trat die lettische Premierministerin zurück.

Rēzekne und der Regierungssturz in Riga

Premierministerin Evika Siliņa reagierte auf den Rēzekne-Einschlag, indem sie Verteidigungsminister Andris Sprūds zur Rechenschaft zog: Seine Behörden hätten die Drohnen nicht früh genug abgefangen. Sprūds trat am 10. Mai zurück. Das reichte der linksorientierten Progressiven Partei, dem kleinen Koalitionspartner, nicht: Sie warf Siliņa vor, den Minister zum Sündenbock gemacht zu haben, statt systemische Versäumnisse einzuräumen. Die Progressiven entzogen der Koalition ihre parlamentarische Unterstützung. Am 14. Mai trat Siliņa mitsamt ihrem gesamten Kabinett zurück.

Lettland führt seitdem eine geschäftsführende Regierung bis zu den geplanten Parlamentswahlen im Oktober. Die Frage, welche Behörde für die Frühwarnung und den Abfang solcher Drohnen zuständig ist, bleibt politisch offen. Das leere Öldepot in Rēzekne kostete kein Menschenleben. Es kostete eine Regierung.

Russlands elektronische Waffe gegen die Allianz

Was im Hintergrund passiert, ist technisch gut dokumentiert. Russische Streitkräfte betreiben entlang der Ostseeküste und an der Grenze zu Finnland leistungsfähige Störsender, die GNSS-Signale der GPS- und Galileo-Systeme überlagern. Ukrainische Langstreckendrohnen, die auf russische Ölterminals und Häfen an der Ostsee zielen, navigieren entlang dieser Satellitensignale. Wenn Russland die Signale mit falschen Koordinaten füttert, fliegen die Drohnen nicht mehr nach Russland, sondern nach Westen, in NATO-Territorium hinein.

Ukrainischer Außenminister Andrii Sybiha bestätigte das Prinzip am 7. Mai öffentlich: Russland leite ukrainische Drohnen über GPS-Spoofing gezielt in den baltischen Luftraum um. Der militärische Nutzen für Russland ist gering. Die Drohnen detonieren außerhalb russischen Territoriums oder werden abgefangen, ohne russische Ziele zu verfehlen. Der politische Nutzen ist erheblich: Jeder Vorfall in NATO-Ländern erzeugt innenpolitischen Druck auf die jeweilige Regierung, belastet das Verhältnis zwischen Kiew und seinen Verbündeten und lenkt die Berichterstattung von russischen Drohnenangriffen auf ukrainische Städte ab.

Für die Ukraine ist die Situation ein Dilemma ohne einfachen Ausweg. Sie kann die Drohnenangriffe auf russische Energieinfrastruktur nicht einstellen, ohne einen strategischen Vorteil aufzugeben. Sie kann das GPS-Spoofing-Problem nicht allein lösen, weil die Störsender auf russischem Boden stehen. Und sie kann die politischen Schäden im Baltikum nicht vollständig begrenzen, solange die technischen Gegenmittel nicht greifen.

Was am 19. Mai in Estland geschah

Estnische Radaranlagen entdeckten die Drohne, bevor sie in den nationalen Luftraum eindrang. Verteidigungsminister Hanno Pevkur erklärte nach dem Abschuss, das Gerät sei „höchstwahrscheinlich für ein russisches Ziel bestimmt gewesen“, bevor es vom Kurs abkam. Eine rumänische F-16, im Rahmen der Baltischen Luftpolizeimission in Šiauliai stationiert, schoss die Drohne gegen 13 Uhr Ortszeit ab. Die Trümmer fielen in ein Sumpfgebiet zwischen dem Võrtsjärv-See und der Stadt Põltsamaa.

Estland entschied sich damit für etwas, das seine Nachbarn bisher vermieden hatten: den aktiven Abschuss. Lettland hatte die Drohnen vom 7. Mai nicht abgefangen. Litauen hatte bei früheren Vorfällen abgestürzte Drohnen geborgen, keine abgeschossen. Estland behandelte die ukrainische Drohne operativ wie eine feindliche.

Innerhalb von zwei Stunden nach dem Abschuss entschuldigte sich Kiew. Außenamtssprecher Heorhii Tykhyi erklärte, die Ukraine entschuldige sich „bei Estland und all unseren baltischen Freunden für solche unbeabsichtigten Vorfälle.“ Moskau drohte mit Vergeltungsmaßnahmen, ohne zu präzisieren, gegen wen.

Kiews Angebot: Experten statt Entschuldigungen

Die Ukraine hat vorgeschlagen, Luftabwehr-Experten in die baltischen Staaten zu entsenden, die helfen sollen, ukrainische Drohnen früher zu erkennen und abzufangen, bevor sie NATO-Luftraum erreichen. Das ist technisch sinnvoll: Ukrainische Operatoren kennen die Signalcharakteristika ihrer eigenen Drohnensysteme besser als ausländische Radarspezialisten. Zugleich ist das Angebot politisch ein Eingeständnis, dass die bisherige Lage nicht haltbar ist.

Was über das Angebot hinaus nötig ist, haben die Vorfälle der vergangenen acht Wochen klargemacht: Die NATO braucht ein gemeinsames Protokoll dafür, wie sie mit Drohnen eines Verbündeten umgeht, die durch feindliche Manipulation in den eigenen Luftraum geraten. Bis jetzt hat jedes Land einzeln entschieden, ob es landen lässt, abwartet oder abschießt. Diese Inkonsistenz nutzt Russland aus.

Beim G7-Gipfel in Évian vom 15. bis 17. Juni werden die Staats- und Regierungschefs die Gesamtlage des Ukraine-Kriegs bewerten. Ob sie auch ein Verfahren beschließen, das verhindert, dass NATO-Jets demnächst routinemäßig Drohnen von Bündnispartnern abschießen, ist die praktisch wichtigste Frage, die Estlands Abschuss aufgeworfen hat.

Update 20. Mai, 19:00 Uhr: Russlands Auslandsgeheimdienst SVR behauptete am 19. Mai, ukrainische Spezialeinheiten für unbemannte Systeme seien bereits auf fünf lettischen Militärstützpunkten (Adazi, Lielvarde, Daugavpils und weitere) stationiert und planten von dort Angriffe auf Russland. Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja drohte Lettland im Sicherheitsrat: Vergeltungsmaßnahmen seien unvermeidlich. Lettlands Außenministerin Baiba Braze wies die Behauptungen mit den Worten zurück, Russland lüge erneut; Staatspräsident Edgars Rinkevics erklärte, Lettland habe der Ukraine nie erlaubt, sein Territorium oder seinen Luftraum für Angriffe zu nutzen. SACEUR Grynkewich wies die russischen Vorwürfe mit dem Argument zurück: Wenn NATO-Staaten ukrainische Drohnen absichtlich in Richtung Russland durch ihren Luftraum ließen, würden sie diese nicht abschießen.

Quellen (11)

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