Reed Hastings verlässt Netflix nach 29 Jahren
Reed Hastings, der Netflix 1997 mitgründete und jahrelang als CEO führte, wird zur Jahreshauptversammlung im Juni seinen Sitz im Board of Directors aufgeben. Das gab Netflix am 16. April 2026 bekannt. Sein Abgang nach 29 Jahren markiert das Ende einer Ära, in der Hastings das Unternehmen vom DVD-Versand zur meistgenutzten Streamingplattform der Welt umbaute. Zeitgleich lieferte Netflix ein Quartalsergebnis, das Analysten in zwei Richtungen überraschte.
Von der DVD zur globalen Plattform
Hastings gründete Netflix 1997 zunächst als Versand für DVDs per Post, ein Modell, das er selbst später als überholt bezeichnete. Unter seiner Führung vollzog das Unternehmen den Schwenk zu Streaming, produzierte eigene Inhalte und expandierte in mehr als 190 Länder. 2023 gab Hastings die Co-CEO-Position ab und behielt lediglich den Vorsitz im Aufsichtsgremium. Das endet jetzt ebenfalls. Die operative Leitung liegt seit Jahren bei CEO Ted Sarandos und COO Greg Peters.
In seiner Erklärung schrieb Hastings, Netflix sei so stark aufgestellt, dass er sich nun neuen Projekten widmen könne. Laut der Pflichtmitteilung an die Börsenaufsicht SEC erfolgt der Rückzug nicht aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit dem Unternehmen.
2,8 Milliarden Dollar aus einem verlorenen Deal
Hintergrund des Strategieschwenks ist eine spektakuläre Bieterschlacht, die Netflix verlor und aus der es trotzdem als Gewinner hervorging. Netflix hatte versucht, Warner Bros. Discovery für rund 72 Milliarden Dollar zu übernehmen. Das Angebot wurde von Paramount Skydance mit einem höheren Gebot überboten, das als dem Aktionärsinteresse überlegener eingestuft wurde. Netflix zog sich zurück.
Da Paramount das Rennen gewann, griff eine vertragliche Regelung: Paramount zahlte Netflix eine Abfindung von 2,8 Milliarden Dollar. Netflix verlor die Übernahme, kassierte aber einen Betrag, den das Unternehmen nach eigenen Angaben für Investitionen in Content und den Ausbau seiner Werbetechnologie einsetzen will. Dieser Zufluss half Netflix dabei, im ersten Quartal 2026 einen Gewinn je Aktie von 1,23 Dollar auszuweisen und damit Analystenschätzungen deutlich zu übertreffen. Der Umsatz stieg um rund 16 Prozent auf 12,3 Milliarden Dollar.
Das war die gute Seite. Die schlechte: US-amerikanische Umsätze verfehlten die Erwartungen und die Guidance für das zweite Quartal 2026 fiel so schwach aus, dass die Aktie nach Bekanntgabe der Ergebnisse stark einbrach. Investoren interpretierten das als Signal, dass das Wachstum im größten Einzelmarkt an Grenzen stößt.
Kein Medienkonglomerat, kein Hastings
Der Rückzug von Hastings und das Scheitern der WBD-Übernahme weisen in dieselbe Richtung: Netflix wird kein Medienkonglomerat. Sarandos hat mehrfach betont, der Konzern konzentriere sich auf das Kerngeschäft Streaming, ohne in andere Medienbereiche zu diversifizieren. Die Möglichkeit, mit Warner Bros. Discovery Filmstudios, Kabelsender und eine riesige Archivbibliothek zu integrieren, war der ambitionierteste Expansionsversuch in der Geschichte des Unternehmens.
Dass Netflix daran scheiterte, Paramount aber nicht, verschiebt die Machtverhältnisse im globalen Streamingmarkt. Paramount muss nun Warner Bros. Discovery integrieren, ein komplexes und kostspieliges Vorhaben. Netflix dagegen kommt mit 2,8 Milliarden Dollar Abfindung und keiner Integrationsaufgabe davon. Wer den besseren Ausgang hat, ist unter Analysten umstritten.
Hauptversammlung im Juni
Auf der Jahreshauptversammlung im Juni endet Hastings' Mandat formal. Ob Ted Sarandos auch formal zum Chairman ernannt wird oder ob das Board eine Trennung von CEO und Chairman beibehält, hat Netflix noch nicht bekanntgegeben. Weitere Übernahmeambitionen hat das Unternehmen nicht kommuniziert.
Für Abonnenten ändert sich unmittelbar nichts. Die langfristige Frage ist, ob Netflix ohne den Expansionsdrang seines Gründers das Wachstum im gesättigten US-Markt stabilisieren kann. Die schwache Q2-Guidance deutet darauf hin, dass das schwerer wird als erhofft.
Aktualisierungen
Update 17. April, 04:39 Uhr: Parallel zu Hastings' Abgang hat Netflix in den vergangenen Wochen seine KI-Strategie konkretisiert. Das Unternehmen schloss im März 2026 die Übernahme des KI-Filmproduktions-Startups InterPositive ab, das von Schauspieler und Regisseur Ben Affleck mitgegründet wurde. Netflix zahlte laut Bloomberg und Variety bis zu 600 Millionen Dollar, abhängig von Performance-Zielen. Das 16-köpfige Ingenieurteam wurde vollständig in Netflix integriert, Affleck übernahm die Rolle eines Senior Advisors. Die Technologie zielt auf drastische Produktionskostensenkungen: VFX-Kosten sollen um bis zu 50 Prozent sinken, der Einsatz von Statistenvermittlern um bis zu 70 Prozent. Netflix plant, die Werkzeuge ausschließlich für eigene Produktionen einzusetzen. Die Übernahme zeigt, wohin Netflix nach dem Scheitern der WBD-Expansion investiert: nicht in klassische Medienarchive, sondern in KI-gestützte Produktionsinfrastruktur.