23 Kälber: Nordatlantik-Glattwale verzeichnen Rekord
Nur rund 70 Weibchen des Nordatlantik-Glattwals sind weltweit noch im fortpflanzungsfähigen Alter. 23 von ihnen haben in der Saison 2025/2026 ein Kalb zur Welt gebracht, die höchste Zahl seit 17 Jahren. Für eine Population, die auf 384 Tiere geschrumpft ist und vom Aussterben bedroht bleibt, ist das ein seltenes Zeichen biologischer Erholung.
Von 500 auf 384: Eine Population am Rand des Verschwindens
Der Nordatlantik-Glattwal (Eubalaena glacialis) gilt als eine der am stärksten gefährdeten Großwalarten der Erde. Die Population hat sich seit den frühen 2000er Jahren, als noch rund 500 Tiere lebten, auf heute 384 Individuen verringert. NOAA-Biologen kennen jedes Tier persönlich: Die Gesamtzahl ist so klein, dass individuelle Verfolgung über Fotos der Schwielen-Muster auf dem Kopf möglich bleibt.

Die Ursachen des Rückgangs sind bekannt. Schiffsanpralle töten die langsam schwimmenden Tiere auf den Hauptschifffahrtsrouten entlang der Ostküste der USA und Kanadas. Verstrickungen in die langen Seilleinen der Hummerfischerei können Wale ertränken oder über Monate erschöpfen. Zwischen 2017 und 2022 klassifizierten US-amerikanische und kanadische Behörden eine Serie von mehr als 30 Todesfällen als „Ungewöhnliches Sterblichkeitsereignis“ und erkannten, dass die Art ohne gezielte Eingriffe innerhalb weniger Jahrzehnte in der Wildnis verschwinden könnte.
Besonders kritisch: Von den verbliebenen 384 Tieren sind nur rund 70 Weibchen im reproduktiven Alter. Das macht jedes einzelne Kalb zu einem biologisch bedeutsamen Ereignis.
Dreizehn Mütter mit verkürzten Geburtsintervallen
Die Kalbungssaison 2026 war die aktivste seit 17 Jahren. NOAA-Forscher haben in mehr als 1.400 Flugstunden mit vier Überwachungsflugzeugen sowie mit drei Forschungsschiffen mehr als 500 Einzelsichtungen dokumentiert. Mehr als ein Viertel der Gesamtpopulation, nämlich 129 Individuen ohne die Neugeborenen, wurde allein in der Südostregion vor Florida und Georgia identifiziert.
Von den 23 Müttern waren 20 bereits aus früheren Saisons bekannte Individuen. Besonders aufschlussreich ist ein biologisches Muster: 13 dieser Mütter bekamen ihr letztes Kalb 4 bis 5 Jahre nach dem vorherigen, deutlich früher als die in den Krisenjahren üblichen 7 bis 10 Jahre. Das natürliche Geburtsintervall des Nordatlantik-Glattwals liegt bei 3 bis 4 Jahren, war aber in den Krisenjahren ab 2011 auf durchschnittlich 7 bis 10 Jahre angestiegen. Verkürzte Intervalle sind ein Zeichen dafür, dass die Weibchen ausreichend Nahrung aufnehmen konnten.
NOAA-Biologen haben berechnet, dass für eine stabile Erholung über mehrere Jahre hinweg rund 50 Kälber pro Saison nötig wären. 23 ist gut, aber erst die Hälfte des Ziels.

Buckelwal und Iberischer Luchs als Maßstab
Um die Bedeutung dieser Zahl einzuordnen, hilft ein Blick auf andere Artenschutzerfolge. Der Buckelwal wurde nach dem Internationalen Walfangstopp von 1986 von geschätzten 5.000 Tieren auf heute über 80.000 erholt, einer der größten Meeresschutz-Erfolge des 20. Jahrhunderts. Der Iberische Luchs hat sich nach gezielter Zucht und Wiederansiedlung von unter 100 Tieren im Jahr 2002 auf über 2.000 Exemplare im Jahr 2024 erholt, ein Zuwachs von mehr als 2.000 Prozent in zwei Jahrzehnten.
Was den Nordatlantik-Glattwal von diesen Erfolgen unterscheidet: Sein Lebensraum fällt mit einem der verkehrsreichsten Schifffahrtsgebiete der Welt zusammen. Artenschutz kann hier nicht allein durch Jagdverbote gelingen, sondern erfordert die Umgestaltung wirtschaftlicher Aktivitäten auf See. Die IUCN listet die Art als „kritisch gefährdet“ (CR), eine Kategorie, die nur einen Schritt vom Aussterben in der Wildnis entfernt ist.
Schnelle Schiffe und Hummerfallen: Die bleibenden Risiken
Zwei strukturelle Probleme bleiben nach der guten Kalbungssaison ungelöst. Erstens: Schiffsanpralle. Die NOAA hat sogenannte Slow Zones ausgeweitet, Gebiete mit verpflichtender Geschwindigkeitsbegrenzung für Schiffe über 65 Fuß. Neue Regelvorschläge, die automatische Transpondersysteme zur Walerkennung vorschreiben würden, sind noch nicht verabschiedet. Die Umsetzung scheiterte bisher an Widerstand der Schifffahrtsbranche.
Zweitens: Verstrickungsrisiko durch Hummerfischerei. Die sogenannte „ropeless fishing“-Technologie, bei der Bojen erst auf Funksignal an die Oberfläche steigen, ist serienreif, aber noch nicht flächendeckend vorgeschrieben. US-Regulierungsbehörden haben bisher auf eine Pflichteinführung verzichtet.
Die Kalbungssaison 2026/2027 wird zeigen, wie viele der 23 Jungtiere ihre ersten zwölf Lebensmonate überstehen. NOAA veröffentlicht die Überlebensdaten im Frühjahr 2027. Bis dahin zählt jede Sichtung.
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