Iran-Krieg leert US-Arsenal: Keine Tomahawks für Deutschland
Die USA werden die im Juli 2024 versprochene Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern in Deutschland absagen. Das berichtete Politico am 4. Juni unter Berufung auf drei Regierungsbeamte. Der Grund ist nicht nur eine politische Entscheidung Trumps, sondern auch militärischer Natur: Der Iran-Krieg hat die US-Arsenale so tiefgreifend geleert, dass US-Verteidigungsminister Pete Hegseth dem Kongress erklärte, der Ersatz der verbrauchten Munition werde „months and years“ dauern. Bei Tomahawk und Patriot rechnet das Pentagon mit Engpässen bis mindestens 2031.
Was die USA 2024 versprochen hatten
Beim NATO-Gipfel im Juli 2024 hatten die USA und Deutschland erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges die dauerhafte Stationierung weitreichender US-Waffensysteme auf deutschem Boden angekündigt. Konkret geplant waren Tomahawk Block V mit einer Reichweite von 1.600 bis 1.800 Kilometern, SM-6-Raketen und die Long-Range Hypersonic Weapon, betrieben von US-Kräften auf Typhon-Abschussgestellen. Der Beginn war für 2026 vorgesehen.
Deutschland hatte formell beantragt, das Typhon-System kaufen zu können. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius bestätigte, dass dieser Antrag seit anderthalb Jahren unbeantwortet beim Pentagon liegt. Eine Antwort ist offenbar nicht mehr zu erwarten, zumindest nicht die, auf die Berlin gehofft hatte.
Zwei Gründe, einer davon neu
Offiziell nennt das Pentagon als Hauptgrund die Furcht vor russischer Eskalation. Langstreckenwaffen mit den Reichweiten der Tomahawk in Zentraleuropa, so die Logik, könnten Moskau als Angriff auf russisches Territorium wahrnehmbar sein, selbst wenn sie als Abschreckungsmittel gedacht sind. Diese Argumentation war schon im Mai zu hören, als General Alexus Grynkewich, NATO-Befehlshaber für Europa, ankündigte, die USA würden weitere Verantwortung an europäische Verbündete übertragen.
Der zweite Grund ist neu und weniger diplomatisch: Die USA haben die Munition schlicht nicht. In den ersten Wochen des Iran-Kriegs wurden Tausende Tomahawk-Raketen und Patriot-Raketen verschossen. Hegseth erklärte dem Kongress, die Nachproduktion sei nicht in Monaten, sondern in Jahren zu rechnen. Bis 2031 rechnet das Pentagon mit anhaltenden Engpässen bei beiden Systemen. Waffen, die man selbst nicht hat, kann man nicht nach Deutschland schicken.
Was das für Deutschlands Verteidigung bedeutet
Deutschland steht damit vor einem doppelten Rüstungsloch. Trump hat in den vergangenen Wochen bereits den Abzug von 5.000 zusätzlichen US-Soldaten aus Deutschland eingeleitet, die eigentlich zur Verstärkung der NATO-Ostflanke kommen sollten. Jetzt entfällt auch die zugesagte Langstreckenkomponente.
Heimische Alternativen existieren derzeit nicht. Deutschland besitzt keine landgestützten Marschflugkörper mit vergleichbarer Reichweite. Taurus-Marschflugkörper des Typs KEPD 350 sind luftgestützt und erfordern Kampfflugzeuge als Trägerplattform: kein Ersatz für Typhon-Anlagen. Europäische Rüstungsprojekte zur Entwicklung eigener Langstreckenfähigkeiten laufen zwar an, sind aber frühestens in der zweiten Hälfte der 2030er Jahre einsetzbar.
Pistorius hat die Konsequenzen öffentlich anerkannt. Deutschland müsse eigene Kapazitäten aufbauen und dürfe sich nicht länger auf US-Systeme verlassen, die politisch oder logistisch nicht garantiert seien. Konkret ist das bislang nicht, denn die nötigen Investitionen übersteigen das, was der Sondervermögenshaushalt abdeckt.
Die strategische Logik hinter dem Iran-Krieg
Der Zusammenhang zwischen dem Iran-Krieg und Deutschlands Raketenlücke ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer US-Strategie, die globale Prioritäten in eine klare Reihenfolge bringt: Naher Osten vor Europa, Iran-Deal vor NATO-Verpflichtungen, Eindämmung von Russlands Reaktion auf Eskalationen im Nahen Osten vor Abschreckung auf der europäischen Ostflanke.
Diese Reihenfolge ist aus US-Sicht nicht irrational. Aber sie bedeutet, dass Deutschland und Europa für eine strategische Prämisse bezahlen, die sie nicht mitgestaltet haben. Der Iran-Krieg verbraucht die Munition, die für Europas Sicherheit vorgesehen war, ohne dass Berlin dabei am Tisch saß, als die Entscheidung fiel, ihn zu führen.
Bis 2031: Deutschland sucht eigene Antworten
Wenn die Schätzungen des Pentagon stimmen, bleiben US-Tomahawk-Bestände und Patriot-Bestände mindestens fünf Jahre knapp. In dieser Zeit muss Deutschland entweder mit bestehenden Fähigkeiten auskommen oder sich europäische Alternativen sichern. Die politische Botschaft ist klar: Die Ära der US-Garantie als selbstverständlicher Ersatz für eigene Verteidigungskapazität ist vorbei, nicht als politisches Programm, sondern als militärische Realität. Pistorius sagte, die Abhängigkeit von US-Systemen müsse verringert werden. Die Frage ist, wie schnell.
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