Polio: Nigeria auf der Zielgeraden zur Ausrottung
Im Jahr 1988 meldete die Weltgesundheitsorganisation über 350.000 Polio-Lähmungen bei Kindern weltweit. Im Jahr 2025 waren es weniger als 100. Dazwischen liegen 37 Jahre systematischer Impfkampagnen, politischer Widerstände, bürgerkriegsbedingter Abbrüche und technologischer Anpassungen. Nigeria, lange Zeit das Land mit den meisten Polioausbrüchen weltweit, hat 2025 die Zahl der impfstoffabgeleiteten Polio-Nachweise um 35 Prozent reduziert. Das reicht noch nicht für eine Zertifizierung. Aber es ist der erste konsistente Rückgang seit Jahren.
1988: 350.000 Fälle und der Beginn der globalen Kampagne
Als die WHO und ihre Partner 1988 die Global Polio Eradication Initiative gründeten, war Polio in über 125 Ländern aktiv. Die drei Wildpoliovirus-Typen, WPV1 bis WPV3, zirkulierten in Asien, Afrika und im Nahen Osten. Der Impfstoff existierte seit 1955 (Salk-Inaktivimpfstoff) und 1961 (Sabin-Schluckimpfung). Was fehlte, war Reichweite.

In den ersten zehn Jahren halbierten sich die Fallzahlen. WPV2 hatte seinen letzten natürlichen Fall 1999 und wurde 2015 von der WHO zertifiziert ausgerottet, WPV3 folgte 2019. Damit blieb ein einziger Wildpoliovirus-Typ übrig: WPV1, auf Pakistan und Afghanistan beschränkt. Was als globale Epidemie begann, war zu einem regionalen Restproblem geworden.
2020: Afrika erklärt sich frei von Wildpolio
Im August 2020 bestätigte die Africa Regional Certification Commission, dass das afrikanische Festland frei von WPV1 ist. Nigeria, das seinen letzten WPV1-Fall 2016 gemeldet hatte, war vier Jahre polio-frei geblieben. Das war das Zertifizierungskriterium. Es war ein Meilenstein, der in der damaligen Pandemieberichterstattung kaum Aufmerksamkeit bekam.
Doch der Rückzug des Wildvirus hatte eine neue Herausforderung sichtbar gemacht: cVDPV2, eine Form des Virus, die sich aus dem oralen Polioimpfstoff (OPV) entwickeln kann, wenn er in untergeimpften Bevölkerungen zirkuliert und mutiert. Nigeria wurde erneut zum Brennpunkt, diesmal für Ausbrüche eines Impfstoffvirus-Derivats. 2024 meldete Nigeria 94 der weltweit 265 cVDPV2-Nachweise, mehr als ein Drittel des globalen Aufkommens.
Nigeria 2025: Minus 35 Prozent im zweiten Jahr in Folge
Laut WHO Africa sind die cVDPV2-Nachweise in Nigeria 2025 gegenüber 2024 um 35 Prozent zurückgegangen. Die Wende gelang durch drei parallele Maßnahmen: gezielte Ausbruchsreaktionen in betroffenen Bundesstaaten, synchronisierte Grenzkampagnen mit Nachbarländern und der Einsatz von nOPV2, einem genetisch stabilisierten oralen Impfstoff, der deutlich seltener mutiert als sein Vorgänger.
Im Februar und März 2025 erreichten synchronisierte Grenzkampagnen in Nigeria, Niger, Kamerun und Tschad über 18 Millionen Kinder gleichzeitig. Im Februar 2026 führten Angola und Namibia eine koordinierte Grenzkampagne durch, die 230.000 Kinder unter zehn Jahren impfte. Die Strategie hinter solchen Aktionen ist simpel: grenzüberschreitende Übertragung lässt sich nur durch gleichzeitige Impfung auf beiden Seiten unterbrechen.

Pakistan, Afghanistan und der letzte Wildvirus-Strang
Während Afrika und Nigeria beim impfstoffabgeleiteten Virus Fortschritte machen, ist der Wildpoliovirus WPV1 auf Pakistan und Afghanistan beschränkt. Der WHO-Notfallausschuss hat als Ziel gesetzt, die endemische Übertragung bis Juni 2026 zu unterbrechen. Bis Mai 2026 wurden sechs WPV1-Fälle in der Region gemeldet. Das Ziel für Juni ist damit wahrscheinlich verfehlt, aber die genetische Diversität der zirkulierenden Stämme ist so gering wie nie zuvor.
Die Herausforderung in beiden Ländern ist politisch, nicht medizinisch. Zonen mit aktiven Konflikten, verbreitetes Misstrauen gegenüber Impfteams und politische Instabilität haben Ausbrüche wiederholt verlängert. Internationalen Gesundheitsorganisationen ist es 2024 und 2025 dennoch gelungen, Impfzugang in über 90 Prozent der Hochrisikogebiete zu sichern.
Was die Pockenausrottung über Polio lehrt
Die einzige vollständig ausgerottete Menschenkrankheit ist die Pocken, 1980 von der WHO zertifiziert. Der entscheidende Faktor war nicht ein besserer Impfstoff, sondern eine Strategie: Ringimpfung. Statt jeden Menschen zu immunisieren, wurden gezielt die Kontaktpersonen Infizierter geimpft, um Übertragungsketten zu durchbrechen. Möglich war das, weil das Pockenvirus kein Tierreservoir hat. Einmal unterbrochene Übertragung bedeutete dauerhafte Ausrottung.
Polio teilt diese Eigenschaft: Wildpoliovirus überlebt nicht in Tieren außer dem Menschen. Rinderpest, die zweite vollständig ausgerottete Krankheit (2011 bei Rindern), folgte demselben Muster. Beide Präzedenzfälle zeigen: Ausrottung ist möglich, wenn kein Tierreservoir existiert, ein wirksamer Impfstoff verfügbar ist und politische Kontinuität gesichert wird. Für Polio sind alle drei Bedingungen 2026 näher erfüllt als zu irgendeinem früheren Zeitpunkt.
Drei Bedingungen bis zur Null
WPV1 in Pakistan und Afghanistan muss unter die Schwelle der endemischen Zirkulation gebracht werden. Das erfordert anhaltenden Impfzugang in Konfliktgebieten, der 2024 und 2025 erstmals dauerhaft zu sichern schien. Die cVDPV2-Ausbrüche in Westafrika, besonders in Nigeria und im Tschadsee-Becken, müssen durch nOPV2-Kampagnen auf null gedrückt werden. Und die weltweite Surveillance muss stark genug bleiben, um jeden neuen Fall schnell zu entdecken. Ohne lückenlose Überwachung könnte ein einzelner unentdeckter Fall eine neue Übertragungskette starten.
Der WHO-Notfallausschuss tagt alle drei Monate, um den Fortschritt zu bewerten. Das nächste Treffen ist für September 2026 geplant. Ob das Juni-Ziel für WPV1 erreicht wurde, wird dann bekanntgegeben. Bis dahin gilt: Die Welt war noch nie so nah daran, die zweite Menschenkrankheit vollständig auszurotten.
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