Rente ab 70: Bild-Alarm und die echten Szenarien
Wer nach 1990 geboren ist, gehört zur Generation, für die das Rentensystem neu verhandelt wird. Ein Bild-Bericht vom 19. Mai konkretisierte, was das heißen könnte: 68 Jahre Renteneintrittsalter in den frühen 2040ern, 69 in den frühen 2050ern, 70 um das Jahr 2061. Drei Kommissionsmitglieder dementierten sofort. Kanzleramtschef Thorsten Frei nannte es Spekulation und lobte die dahinterstehende Idee im gleichen Atemzug als „durchaus sehr vernünftig”.
Was Bild am 19. Mai berichtete
Der Bild-Bericht behauptete, die Rentenkommission werde eine schrittweise Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters von derzeit 67 auf 70 Jahre empfehlen: 68 Jahre ab den frühen 2040ern, 69 ab den frühen 2050ern, 70 ab rund 2061. Betroffen wären demnach alle nach 1990 Geborenen. Zusätzlich solle das Rentenniveau von 48 auf 46 Prozent des Durchschnittslohns sinken und die Frage, ob Beamte künftig in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen, bleibe ungeklärt.
Der Zeitpunkt war politisch heikel. Die 13-köpfige Kommission unter Co-Vorsitz der Sozialrechtlerin Constanze Janda und des früheren Bundesagentur-Chefs Frank-Jürgen Weise soll ihre Empfehlungen erst Ende Juni vorlegen. Dass Bild sechs Wochen vor dem Bericht interne Beratungen veröffentlichte, die ausdrücklich vertraulich sind, erzeugte Unmut sowohl in der Kommission als auch in Berlin.
Was die Kommissionsmitglieder dazu sagen
CDU-Kommissionsmitglied Pascal Reddig erklärte, er könne wegen der Vertraulichkeit keine Inhalte kommentieren, aber der Bericht sei „unzutreffend, da die beschriebenen Punkte noch nicht entschieden seien”. SPD-Vertreterin Annika Klose sagte, vieles sei noch offen, die Kommission brauche noch vier bis fünf Wochen, der Bericht sei „nicht korrekt”. Co-Vorsitzende Janda ergänzte schlicht: Die Kommission schließe ihre Arbeit erst Ende Juni ab, daher seien derzeit keine Empfehlungen endgültig beschlossen.
Parallel dazu trat Kanzleramtschef Thorsten Frei vor die Kameras und nannte den Bild-Bericht Spekulation. Dann sagte er, eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die steigende Lebenserwartung sei „durchaus sehr vernünftig”. Diese Kombination aus Dementi und Zustimmung zur Grundidee ist kein Widerspruch, sondern politische Arithmetik: Die CDU will den Inhalt nicht vorab festlegen, findet die Richtung aber richtig.
Was die Kommission tatsächlich prüft
Tatsächlich diskutiert die Kommission zwei Modelle. Das erste koppelt das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung: Steigt sie um ein Jahr, arbeiten Menschen zwei Drittel davon länger und erhalten ein Drittel länger Rente. Das entspricht dem niederländischen Modell, das dort seit 2022 gilt und einer Formel, die Ökonomin Veronika Grimm für den deutschen Sachverständigenrat entwickelt hat. Das zweite Modell orientiert sich nicht an der Lebenserwartung, sondern an der Zahl der Beitragsjahre.
Die Szenarien 68, 69 und 70 Jahre, die Bild nannte, ergeben sich rechnerisch aus dem Lebenserwartungsmodell, wenn die Lebenserwartung im historischen Tempo weitersteigt. Sie sind also keine willkürlichen Zahlen, aber auch keine festgelegten Kommissionsempfehlungen. Der Unterschied ist erheblich: Ein Modell sagt, das Renteneintrittsalter passe sich automatisch an die Demografieentwicklung an. Das andere sagt, Rente mit 70 sei das Ziel.
CDU-Politiker Sepp Müller, 37 Jahre alt und damit selbst in der betroffenen Generation, ging am weitesten: Es wäre „richtig”, wenn seine Generation in den 2050ern bis 70 arbeite. Das ist die offenste Zustimmung eines Politikers zu dem, was Bild als Skandalmeldung rahmte.
Gewerkschaften und SPD: Fundamentaler Widerstand
ver.di-Chef Frank Werneke bezeichnete eine Anhebung auf 70 als „Zumutung”, die effektiv auf Rentenkürzungen hinauslaufe. IG Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban warnte vor dem „Abbau der gesetzlichen Rente mit ernsthaften Folgen für Jung und Alt” und forderte stattdessen eine solidarische Reform. Der DGB hält fest, das Renteneintrittsalter dürfe nicht weiter erhöht werden, weil viele schon jetzt bis 65 oder 67 nicht mehr voll arbeitsfähig seien.
SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil hat bisher erklärt, die gesetzliche Rente müsse die Hauptsäule der Altersversorgung bleiben. Eine klare Ablehnung höherer Renteneintrittsalter per se hat er nicht formuliert. Innerhalb der SPD-Kommissionsfraktion ist die Lage komplizierter: Berichte aus Verhandlungskreisen deuten darauf hin, dass Teile der SPD eine Kopplung an die Lebenserwartung als Kompromiss akzeptieren könnten, wenn gleichzeitig die Rente mit 63 für langjährig Versicherte erhalten bleibt. Annika Kloses Dementi bezog sich auf den konkreten Bild-Bericht, nicht auf das Modell selbst.
Sechs Wochen bis zur Entscheidung, dann Sommerpause
Die Kommission hat bis Ende Juni Zeit. Am 10. Juli tritt der Bundestag in die Sommerpause, die bis Mitte September dauert. Im September stehen Landtagswahlen an. Das bedeutet: Für ein konkretes Rentenreformgesetz im Jahr 2026 blieben nach der Sommerpause nur wenige Wochen. Die WirtschaftsWoche warnte bereits, die frühen politischen Reaktionen auf den Bild-Bericht ließen „nichts Gutes für die Rentenreform erwarten”, weil öffentliche Eskalation den Kompromissspielraum verengt, bevor die Kommission überhaupt fertig ist.
Das Grundproblem bleibt: Nach 2031 läuft die gesetzliche Garantie für ein Rentenniveau von 48 Prozent aus. Ob und wie sie ersetzt wird, entscheidet die Kommission in den nächsten sechs Wochen. Ihr Bericht ist keine Gesetzgebung, sondern eine Empfehlung. Was die Koalition daraus macht, liegt bei CDU/CSU und SPD. Dass Kanzleramtschef Frei das Lebenserwartungsmodell vernünftig findet und seine Partei ein höheres Renteneintrittsalter für akzeptabel hält, deutet die Richtung an. Dass Gewerkschaften und Teile der SPD das als Angriff auf langjährig Versicherte sehen, zeigt den Widerstand. Ende Juni ist der erste Prüfstein.
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