DAX
S&P 500
NASDAQ
Dow Jones
MSCI World
Gold
Silber
Brent
BTC
Apple
Microsoft
NVIDIA
Amazon
Alphabet
Meta
Berkshire
Broadcom
Tesla
TSMC
← Zurück zur Übersicht
International
Selenskyjs Syrien-Besuch: Strategisches Kalkül gegen Russlands Einfluss

Selenskyjs Syrien-Besuch: Strategisches Kalkül gegen Russlands Einfluss

Als erstes europäisches Staatsoberhaupt seit dem Sturz Assads besuchte Wolodymyr Selenskyj Damaskus. Die Ukraine und Syrien vereinbarten Sicherheitskooperationen, die direkt auf russische Interessen in der Region zielen.

8. April 2026, 18:45 Uhr 621 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Es war ein Besuch mit historischer Symbolkraft: Am 5. April 2026 traf der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in Damaskus ein und wurde dort als erstes europäisches Staatsoberhaupt seit dem Ende der Assad-Diktatur empfangen. Nur der Emir von Katar war vor ihm als ausländisches Staatsoberhaupt im neuen Syrien zu Gast gewesen. Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa bereitete dem Gast einen Empfang, der in seiner Förmlichkeit an eine Staatsvisite erinnerte.

Mehr als Symbolik

Hinter dem diplomatischen Zeremoniell steckt ein nüchternes strategisches Kalkül. In bilateralen Gesprächen auf Präsidentenebene sowie in trilateralen Verhandlungen unter Einbeziehung des türkischen Außenministers Hakan Fidan, der Selenskyj nach Damaskus begleitet hatte, ging es um konkrete Kooperationsfelder in den Bereichen Sicherheit, Militär und Wirtschaft.

Selenskyj sprach von neuen Beziehungen und neuen Chancen, al-Scharaa von Erfahrungsaustausch und verstärkter Wirtschaftskooperation. Doch der eigentliche Kern der Gespräche lag im militärischen Bereich: Es wird nun darüber verhandelt, dass die Ukraine und die Türkei die neue syrische Armee ausbilden. Al-Scharaa hatte zuvor die Umwandlung zweier ehemaliger russischer Militärbasen in Syrien in syrische Armeeausbildungseinrichtungen angekündigt.

Russlands syrische Achillesferse

Hier liegt die geopolitische Brisanz des Besuchs. Moskau unterhielt in Syrien zwei strategisch bedeutsame Stützpunkte: die Luftwaffenbasis Khmeimim und den Marinestützpunkt Tartus am Mittelmeer. Diese Basen waren zentral für Russlands Machtprojektion im östlichen Mittelmeer und in Nordafrika. Der Sturz des Assad-Regimes, das Russland jahrelang militärisch gestützt hatte, war bereits ein schwerer Rückschlag für den Kreml.

Die Aussicht, dass diese Basen nun unter ukrainischer und türkischer Beteiligung zu syrischen Ausbildungszentren umfunktioniert werden könnten, würde den russischen Einflussverlust in der Region zementieren. Zwar hatte al-Scharaa im Januar 2026 den russischen Präsidenten Putin getroffen und dabei keinen Abzug der russischen Truppen gefordert. Doch die neue Kooperation mit Kiew und Ankara verschiebt die Kräfteverhältnisse weiter zu Ungunsten Moskaus.

Die türkische Verbindung

Die Rolle der Türkei in diesem diplomatischen Dreieck ist entscheidend. Selenskyj hatte vor seinem Syrien-Besuch in der Türkei Station gemacht und dort mit Präsident Erdogan neue Schritte der Sicherheitskooperation vereinbart. Auch gemeinsame Gasinfrastrukturprojekte und die Erschließung von Gasfeldern standen auf der Agenda. Die trilateralen Gespräche in Damaskus unter Einbeziehung des türkischen Außenministers unterstreichen Ankaras Ambitionen, als Ordnungsmacht im Nachkriegssyrien aufzutreten.

Für die Ukraine ergibt sich eine bemerkenswerte strategische Konstellation: Durch die Kooperation mit dem neuen Syrien kann Kiew Russland an einer empfindlichen Stelle treffen, ohne dass ein einziger Schuss fällt. Die ukrainische Militärexpertise, die im Kampf gegen russische Streitkräfte gewonnen wurde, wird zum diplomatischen Kapital in einer Region, in der Russland gerade Boden verliert.

Grenzen und Risiken

Dennoch wäre es verfrüht, den Besuch als diplomatischen Durchbruch zu feiern. Syrien befindet sich weiterhin im Übergang und die Stabilität des neuen Regimes ist keineswegs gesichert. Al-Scharaas Balanceakt zwischen verschiedenen Mächten, darunter auch Russland, könnte die versprochenen Kooperationen verzögern oder verwaschen. Zudem bleibt abzuwarten, wie der Iran und andere regionale Akteure auf die neue Achse Kiew-Ankara-Damaskus reagieren.

Für Selenskyj ist der Syrien-Besuch Teil einer breiteren diplomatischen Offensive im Nahen Osten, die darauf abzielt, die internationale Isolation Russlands zu vertiefen und neue Verbündete jenseits des westlichen Bündnissystems zu gewinnen. Ob diese Strategie langfristig aufgeht, wird nicht zuletzt davon abhängen, wie belastbar die neuen Partnerschaften in einer der unberechenbarsten Regionen der Welt tatsächlich sind.

KI-gestützt erstellt

Weitere Artikel

Politik

3,5 Milliarden für Beamte: Was hinter Dobrindts Besoldungsplan steckt

Das Bundesverfassungsgericht erklärte im November 2025 die Berliner Beamtenbesoldung für verfassungswidrig. Jetzt reagiert der Bund: Innenminister Dobrindt plant 3,5 Milliarden Euro Mehrkosten pro Jahr für Bundesbeamte, plus 707 Millionen Nachzahlung für 2025. Die Ausgaben sind kaum vermeidbar, kommen aber mitten in eine Phase erklärter Haushaltsdisziplin.

8 Quellen 4 Min. Lesezeit
International

Sudan am dritten Jahrestag: Berlin versucht Ausweg aus weltweiter Hungerkrise

Heute tagen in Berlin Außenminister aus mehr als 30 Ländern zur dritten internationalen Sudan-Konferenz, genau drei Jahre nach Ausbruch des Kriegs. 33,7 Millionen Sudanesen brauchen Hilfe, finanziert ist davon weniger als ein Sechstel.

10 Quellen 4 Min. Lesezeit
Good News

Fast 10.000 Wisente: Europas größter Landsäuger kehrt zurück

Vor zehn Jahren lebten nur rund 2.500 Europäische Wisente frei in der Wildbahn, heute sind es fast 10.000. Die Rückkehr des größten Landsäugers Europas überrascht auch als Klimaschutzbeitrag.

6 Quellen 3 Min. Lesezeit
International

Ungarn im Spionageverdacht: EU schließt Budapest von sensiblen Gesprächen aus

Ungarns Außenminister Péter Szijjártó soll seinen russischen Kollegen Sergej Lawrow während EU-Ratssitzungen in den Pausen regelmäßig über den Inhalt vertraulicher Beratungen informiert haben. Frankreichs Außenminister nennt das Verrat. Drei Tage vor der Parlamentswahl schließt die EU Ungarn von sensiblen Gesprächen aus.

9 Quellen 4 Min. Lesezeit
Gesellschaft Aktualisiert

30 Tote bei Massenpanik in Haitis berühmtester Festung

In der Citadelle Laferrière, einem UNESCO-Weltkulturerbe in Nordhaiti, starben mindestens 30 Menschen bei einer Massenpanik. Die Festung war mit Tausenden Besuchern heillos überfüllt. Unter den Toten sind überproportional viele junge Menschen und Schüler.

8 Quellen 4 Min. Lesezeit
Unterstütze uns!