Aktienboom, Alltagskrise: Trumps gespaltene USA
Benzin kostet in den USA 46 Prozent mehr als am Tag von Trumps Amtsantritt. Gleichzeitig hat der S&P 500 seit dem 20. Januar 2025 um 22 Prozent zugelegt. Dass beides gleichzeitig stimmt, ist kein Widerspruch. Es ist das Kennzeichen einer Wirtschaft, die für zwei verschiedene Amerika läuft.
Rekord an der Börse, Rekordpessimismus beim Verbraucher
Die Zahlen für Mai 2026 sind eindeutig. Der University of Michigan Consumer Sentiment Index fiel auf 44,8 Punkte, den niedrigsten Wert seit Beginn der Erhebung im November 1952. Vorläufig war er bei 48,2 geschätzt worden, die endgültige Revision trieb ihn noch tiefer. Gleichzeitig liegt der S&P 500 rund 22 Prozent über dem Stand von Trumps Inaugurationsfeier und sogar 30 Prozent über dem Schlusskurs am Wahltag im November 2024.
Die offiziellen Inflationsdaten geben diesen Pessimismus der Verbraucher nicht vollständig wieder. Die 12-Monats-Rate des CPI liegt bei 3,3 Prozent. Aber die Befragten des Michigan Survey erwarten für die nächsten zwölf Monate einen Preisanstieg von 4,8 Prozent. Langfristig, auf fünf Jahre, liegt die Inflationserwartung mittlerweile bei 3,9 Prozent. Diese Lücke zwischen offizieller Statistik und gefühlter Teuerung ist ein zentrales politisches Problem für jede Regierung, die wirtschaftliche Erfolge kommunizieren will.
Wer von Trumps Wirtschaft profitiert
Die Antwort auf die Frage, wer von den Kursgewinnen profitiert, ist klar. Laut Daten der US-Notenbank besitzen die reichsten zehn Prozent der Amerikaner 93 Prozent aller Aktien. Ein S&P-Anstieg von 22 Prozent ist für die meisten Haushalte eine abstrakte Zahl, kein konkreter Wohlstandsgewinn. Davon abgesehen profitieren bestimmte Branchen direkt von Trumps Politik: Die Verteidigungsindustrie freut sich über ein Verteidigungsbudget von 901 Milliarden Dollar, das der US-Senat im Dezember 2025 verabschiedet hat. US-Stahlproduzenten und fossile Energiekonzerne profitieren von Schutzzöllen und weitgehender Deregulierung.
Auf der anderen Seite steht, wer die Zeche zahlt. Trumps Zölle gelten seit dem sogenannten Turnberry Deal, den das EU-Parlament im März 2026 ratifizierte, mit einem Zolldeckel von 15 Prozent auf fast alle Importe. Das verteuert importierte Waren und erhöht den Kostendruck auf US-Unternehmen, die auf globale Lieferketten angewiesen sind. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) stellte fest, dass fast jeder fünfte verarbeitende Betrieb in Deutschland die Folgen der US-Zölle bereits konkret spürt. Im US-Fertigungssektor selbst stieg die Arbeitslosenquote seit Trumps Amtsantritt von vier auf 4,3 Prozent.
Den dramatischsten Preisanstieg aber hat der Iran-Krieg verursacht. Seit der Hormus-Blockade ab Frühjahr 2026 sind die Benzinpreise explodiert: von etwa 3,12 Dollar pro Gallone bei Trumps Amtsantritt auf 4,55 Dollar im Mai 2026. Das entspricht einem Anstieg von 46 Prozent. Für einen Haushalt, der monatlich 60 Gallonen verbraucht, bedeutet das über 80 Dollar mehr Benzinkosten pro Monat im Vergleich zu Januar 2025.
Das politische Dilemma
Trump hatte versprochen, die Energiepreise durch Förderung fossiler Brennstoffe zu senken. Tatsächlich liegt der Haupttreiber der Verteuerung außerhalb seines direkten Einflussbereichs: Der Irankonflikt, den seine Regierung mitinitiiert hat, ist nun der dominante Faktor für den globalen Ölpreis. Das stellt eine spezifische kommunikative Herausforderung dar: Die Regierung kann den Krieg nicht gleichzeitig als geopolitischen Erfolg und die Benzinpreise als unverschuldet bezeichnen.
Die Hans-Böckler-Stiftung hat in einer Analyse gezeigt, dass Trumps Zollpolitik einen Bumerang-Effekt produziert: Zölle, die US-Industrie schützen sollen, verteuern gleichzeitig die Produktionsinputs derselben Industrie. Wer Stahl schützt, belastet die Autoindustrie. Wer Chips schützt, verteuert die Elektronikproduktion. US-Verbraucher tragen diesen Widerspruch direkt im Portemonnaie.
Abseits davon ist die Bilanz des amerikanischen Wirtschaftswachstums positiv: Das BIP pro Kopf liegt auf einem Rekordhoch, der Konsum ist robust. Die NZZ hat das Paradox treffend beschrieben: Viele Amerikaner leiden unter Trumps Wirtschaftspolitik, dabei boomt die US-Wirtschaft. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Verteilungsproblem.
Q2-Earnings-Saison entscheidet im Juli über den nächsten Kursschub
Im späten Juli beginnt die Berichtssaison für das zweite Quartal 2026. Dann werden die großen US-Konzerne zeigen, ob die Kursgewinne der letzten Monate durch tatsächliche Gewinnsteigerungen gedeckt sind oder auf Erwartungen basieren. Analysten von Morgan Stanley haben vor einer möglichen harten Konjunkturlandung gewarnt, sollte der Konsum unter dem Inflationsdruck nachgeben. Monatliche Arbeitsmarktdaten werden zeigen, ob die Arbeitslosenquote weiter von 4,3 Prozent ansteigt. Und sollte eine Einigung im Irankonflikt die Benzinpreise senken, könnte sich das Michigan-Sentiment schnell erholen. Ob das passiert, hängt von Verhandlungen ab, die seit Wochen feststecken.
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