Dnipro: 16 Tote, Selenskyj warnt vor Folgenacht
In der Nacht auf den 2. Juni feuerte Russland eine der größten Angriffswellen seit Kriegsbeginn auf die Ukraine: 73 Raketen und 656 Drohnen. Mindestens 22 Menschen starben, 130 wurden verletzt. Am Dienstagabend warnte Präsident Wolodymyr Selenskyj: Geheimdienstinformationen ließen einen weiteren Massenangriff für die Nacht auf den 4. Juni erwarten. Hinter der Warnung steht ein strukturelles Problem, das den Iran-Krieg und den Ukrainekrieg erstmals direkt miteinander verknüpft.
Der Angriff und seine Opfer
Die ukrainische Luftverteidigung schoss nach Militärangaben 40 der 73 Raketen und 602 der 656 Drohnen ab. 33 Raketen und 54 Drohnen erreichten ihr Ziel. Hauptziele waren Kiew, Dnipro, Charkiw, Poltawa und Saporischschja.
Am schwersten traf es Dnipro. Bürgermeister Borys Filatov meldete 49 beschädigte Wohngebäude, sieben davon nach seinen Worten praktisch vollständig zerstört. Aus den Trümmern eines vierstöckigen Hauses bargen Rettungskräfte die Leichen einer Frau und ihres achtjährigen Sohnes sowie eines dreijährigen Kindes. 16 Menschen starben allein in Dnipro, darunter auch Ersthelfer. Ukrainska Pravda und Ukrinform berichteten deckungsgleich über die Opferzahlen nach Abschluss der Rettungsarbeiten. In Kiew kamen sechs weitere Menschen ums Leben, in Charkiw wurden 14 Personen verletzt.
Nach dem Angriff forderte Selenskyj US-Unterstützung bei Patriot-Abfangraketen als absolut notwendig. Washington reagierte zunächst nicht öffentlich.
Warum der Iran-Krieg Ukraines Luftverteidigung schwächt
Bereits am 26. Mai hatte Selenskyj in einem fünfseitigen Brief direkt an Präsident Donald Trump und den US-Kongress geschrieben: Die Ukraine verfüge nicht über genug PAC-3-Abfangraketen, um russische Angriffe dauerhaft abzuwehren. Ballistische Raketen seien Moskaus verbleibendes Schlüssel-Kampfmittel, so das Schreiben laut Bloomberg.
Der Engpass hat eine konkrete Ursache: Die USA produzieren nach Angaben des Fachportals Foreign Policy derzeit 60 bis 65 Patriot-Abfangraketen pro Monat. Der seit Februar 2026 laufende US-Krieg gegen den Iran hat schätzungsweise die Hälfte der amerikanischen Patriot-Bestände verbraucht. Damit konkurrieren zwei Konflikte auf zwei verschiedenen Kontinenten um dieselbe knappe Rüstungsressource. Neue PAC-3-MSE-Raketen haben nach Vertragsabschluss eine Lieferzeit von 42 Monaten. Der im vergangenen Jahr geschlossene Raytheon-Vertrag für den Aufbau einer Produktionslinie in Deutschland sieht erste Raketen frühestens in drei Jahren vor.
Japan hat seine Rüstungsexportregeln 2025 gelockert, eine Lieferung eigener Patriot-Abfangraketen an die Ukraine schloss die japanische Regierung bislang jedoch aus. Selenskyj setzte am 3. Juni seinem eigenen Team ein internes Ultimatum: Innerhalb einer Woche sollen alle rechtlichen, finanziellen und technischen Fragen für den Kauf zusätzlicher Patriot-Systeme geklärt sein, andernfalls werde es personelle Konsequenzen geben, berichtete die Kyiv Post.
Verhandlungen ohne Ergebnis
Parallel zur militärischen Eskalation versucht der US-Sondergesandte Steve Witkoff, zwischen Russland und der Ukraine zu vermitteln. Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow fasste das Ergebnis mehrerer Gesprächsrunden zusammen: Es sei bisher keine Kompromissversion einer Friedensregelung gefunden worden.
Russland besteht auf dem ukrainischen Rückzug aus allen vier teilweise besetzten Regionen sowie der Anerkennung der Krim als russisches Territorium. Dazu kommen die Forderungen nach einem dauerhaften NATO-Ausschluss der Ukraine, der Einführung des Russischen als Amtssprache und der vollständigen Aufhebung westlicher Sanktionen. Die Ukraine akzeptiert einen Waffenstillstand, verlangt aber verbindliche Sicherheitsgarantien. Das einzige konkrete Ergebnis der bisherigen Verhandlungen ist ein Austausch von je 1.200 Kriegsgefangenen.
Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick, bezeichnete Putins Forderungen als Bedingungen eines Siegers, nicht eines Verhandlungspartners. Die ukrainische NGO Center for Civil Liberties, Friedensnobelpreisträgerin von 2022, warnte, ein Waffenstillstand ohne Sicherheitsgarantien sei eine Einladung zum nächsten Krieg.
Selenskyjs Warnung und das Muster dahinter
Selenskyj erklärte am Dienstagabend, seine Geheimdienstquellen deckten sich mit Informationen westlicher Alliierten: Russland bereite für die Nacht auf den 4. Juni einen weiteren massiven Angriff vor. Er appellierte an die Bevölkerung, Luftalarmsignale ernst zu nehmen.
Die Warnung folgt einem Muster der letzten Wochen. Am 24. Mai feuerte Russland 600 Drohnen und 90 Raketen auf Kiew, darunter eine Oreschnik-Hyperschallrakete. In der Nacht auf den 2. Juni folgte der Angriff mit 73 Raketen und 656 Drohnen. Putin setzt gezielt auf die Lücken in der ukrainischen Luftverteidigung: Je weniger Patriot-Abfangraketen vorhanden sind, desto größer ist die Chance, dass ballistische Raketen ihre Ziele treffen.
Ob die USA kurzfristig Patriot-Munition aus eigenen Beständen freigeben, hängt laut Foreign Policy unmittelbar davon ab, wie sich die Lage in der Straße von Hormus entwickelt. Beide Konflikte teilen nicht nur den US-Haushalt, sondern dieselben Abfangraketen.
Aktualisierungen
Update 4. Juni, 03:04 Uhr: In der Nacht auf den 4. Juni, vor der Selenskyj einen russischen Großangriff befürchtet hatte, startete die Ukraine stattdessen selbst einen der weitreichendsten Angriffe seit Kriegsbeginn: Hunderte Drohnen und Flamingo-Raketen aus ukrainischer Eigenproduktion trafen Ziele in St. Petersburg, rund 1.100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Der Marinestützpunkt Kronstadt wurde beschossen, die Korvette Boikiy der Baltischen Flotte laut ukrainischen Angaben schwer beschädigt; ein Ölterminal stand in Flammen. Der Angriff traf Putins Geburtsstadt unmittelbar vor Beginn des Petersburger Wirtschaftsforums (SPIEF). Selenskyj bestätigte auf X: „Wichtige Einrichtungen auf russischem Territorium wurden letzte Nacht getroffen.”
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