Ukraine nutzt Drohnenstärke als Verhandlungskapital
Russland hat kein sicheres Hinterland mehr. Das ist die eigentliche Botschaft des Mai 2026. Ukrainische Drohnen treffen Raffinerien in Zentralrussland, Marineboote im Kaspischen Meer und Chemiefabriken im Ural. Gleichzeitig sitzt Kiews Chefunterhändler Rustem Umerov in Florida und spricht mit US-Sondergesandtem Steve Witkoff über Sicherheitsgarantien. Selenskyj verfolgt eine Doppelstrategie: militärischer Druck und diplomatische Öffnung zugleich.
186 Treffer in 48 Stunden
Russland tötete am 14. Mai mit einem Raketenangriff auf Kyjiw 24 Menschen, darunter Kinder. Die Antwort kam in der Nacht. Nach Angaben von Major Robert Brovdi, Kommandeur der ukrainischen Unmanned Systems Forces (USF), erzielten seine Einheiten innerhalb von 48 Stunden insgesamt 186 Präzisionstreffer gegen 46 russische Militärziele. Es war ein gezielt inszenierter Vergeltungsschlag, der dokumentiert und veröffentlicht wurde. Selenskyj wollte, dass diese Zahl die Runde macht.
Die Raffinerieangriffe des Monats hatten bis zum 23. Mai nach Berechnungen unabhängiger Energieanalysten rund 25 Prozent der russischen Raffineriekapazität beschädigt oder zeitweilig außer Betrieb gesetzt. Die Raffinerie Kirishinefteorgsintez in der Region Leningrad war seit dem 5. Mai vollständig stillgelegt, die Syzran-Raffinerie mit einer jährlichen Kapazität von 8,5 Millionen Tonnen wurde mehrfach in Brand gesetzt, Anlagen in Rjasan und Saratow jeweils bis zu 15 Mal angegriffen, wie der Tagesspiegel auf Basis von Reuters-Daten berichtete. Russlands Öleinnahmen finanzieren den Krieg zu mehr als 30 Prozent. Wer Raffinerien trifft, greift die Kriegskasse an.
Das Kaspische Meer als neue Reichweitenprobe
Am 17. Mai trafen ukrainische FPV-Drohnen ein Patrouillenboot der Klasse Svetlyak (Projekt 10410) des russischen FSB-Grenzschutzes nahe Kaspiysk in Dagestan. Das Euromaidan Press bestätigte den Angriff: Es war das vierte russische Schiff, das die Ukraine allein im Mai 2026 im Kaspischen Meer getroffen hatte. Das Kaspische Meer liegt über 1.000 Kilometer von der ukrainischen Frontlinie entfernt.
Diese Schläge verfolgen keine taktische, sondern eine strategische Logik. Der FSB-Grenzschutz im Kaspischen Meer ist für die Kriegsführung in der Ukraine marginal. Aber der Angriff demonstriert etwas anderes: dass ukrainische Drohnen mittlerweile jede russische Infrastruktur in erreichbarer Entfernung bedrohen können, nicht nur die in Frontnähe. Russland hat erstmals ernsthaft damit zu rechnen, auch dort Verluste zu erleiden, wo es sich bisher sicher wähnte.
Bisher galt das Kaspische Meer als strategisches Rückzugsgebiet für russische Marinekräfte: weit genug von der Front, um ungestört operieren zu können. Diese Annahme ist obsolet. Ukrainische FPV-Drohnen, die über tausend Kilometer fliegen können, machen deutlich, dass der Krieg keine geografischen Schutzräume mehr kennt. Es ist ein Signal, das Moskau bei jedem weiteren Gespräch über Sicherheitsgarantien berücksichtigen muss.
Gespräche in Florida
Während die Drohnenkampagne eskalierte, reiste Umerov Anfang Mai nach Miami. Sein Gegenüber war Steve Witkoff, Trumps Sondergesandter für den Ukraine-Konflikt. Bloomberg und Euronews bestätigten die Reise unabhängig voneinander. Die Themen: Sicherheitsgarantien für die Ukraine nach einem möglichen Kriegsende, ein Gefangenenaustausch in größerem Maßstab sowie die Frage eines territorialen Einfrierens der Frontlinien.
Der Austausch läuft bereits auf militärischer Ebene. Am 15. Mai übergaben Russland und die Ukraine je 205 Kriegsgefangene, die erste Phase eines geplanten Tausend-für-Tausend-Austauschs. Es ist das größte Austauschereignis seit Beginn des Krieges und ein Signal, dass beide Seiten zumindest in humanitären Fragen kommunizieren können, selbst während die Drohnenangriffe weiterlaufen.
Umerovs Gesprächsthemen in Miami sind nicht neu. Seit Beginn der Trump-Administration diskutieren Kyjiw und Washington über drei Kernfragen: Welche Gebiete gibt die Ukraine offiziell auf? Welche Sicherheitsgarantien erhält sie als Ausgleich? Und wer überwacht einen möglichen Waffenstillstand? Auf alle drei Fragen gibt es noch keine Antwort, die für beide Seiten akzeptabel wäre. Russland besteht auf ukrainischem Rückzug aus der Oblast Donezk, die Ukraine besteht auf einer Einfrierung der bestehenden Frontlinien.
Die inhaltliche Kluft bleibt groß. Russland besteht auf der Übergabe der gesamten Oblast Donezk, die Ukraine will die Frontlinien einfrieren. Witkoff hat laut Fox News in Florida von „konkretem Fortschritt” gesprochen, ohne Details zu nennen. Dem Kreml ist das nicht genug: Moskau fordert eine Vereinbarung zu territorialen und politischen Grundfragen, bevor man sich überhaupt zu direkten Gesprächen bereiterklärt.
Selenskyjs Kalkül und die offene Frage
Selenskyj hat seine Strategie nicht verborgen. Er glaubt, dass militärische Stärke bessere Verhandlungskonditionen schafft. Je mehr Schaden ukrainische Drohnen in der russischen Infrastruktur anrichten, desto größer der Druck auf Moskau, einen Ausweg zu suchen. Je offensichtlicher die ukrainische Reichweite, desto schwieriger für Russland, in Verhandlungen Maximalpositionen durchzuhalten.
Am 23. Mai erklärte Selenskyj gegenüber ukrainischen Medien, er erwarte bis Ende der Woche ein Signal der USA zu den nächsten Schritten in den Friedensgesprächen. Er formulierte auch eine Bedingung: Europa müsse in die Verhandlungen eingebunden werden. Selenskyj nannte ausdrücklich die Sorge, dass Washington durch den Konflikt mit dem Iran abgelenkt sei. Je länger der Iran die amerikanische Aufmerksamkeit bindet, desto weiter rückt ein ukrainisches Abkommen in der Prioritätenliste Washingtons nach unten.
Die Friedensgespräche in Genf Anfang 2026, bei denen US-amerikanische, ukrainische und russische Vertreter zusammentrafen, scheiterten an den Grundsatzfragen. Ein neues Gesprächsformat existiert noch nicht. Was bleibt, sind bilaterale Kanäle: Umerov und Witkoff in Florida, Selenskyj und Trump in Telefonaten, europäische Außenminister in Moskau-Kontakten im E3-Format.
Ob Selenskyjs Signal aus Washington kommt, entscheidet sich in diesen Tagen. Wenn nicht: Die Drohnenkampagne geht weiter.
Aktualisierungen
Update 30. Mai, 23:05 Uhr: Seit Kriegsbeginn haben ukrainische Drohnen russische Raffinerien und Ölanlagen insgesamt 158 Mal angegriffen; 24 der 33 größten russischen Raffinerien wurden nach Berechnungen des polnischen Mediums Vot Tak, zitiert von Tagesspiegel und Berliner Zeitung, mindestens einmal getroffen. Russland antwortete in der Nacht vom 29. auf den 30. Mai mit einem der bislang schwersten Drohnenangriffe des Krieges: Etwa 290 Drohnen und Raketen wurden auf ukrainisches Staatsgebiet abgefeuert, die ukrainische Luftverteidigung fing 284 davon ab, was einer Abfangquote von 97,9 Prozent entspricht. Selenskyj warnte am 30. Mai auf Basis von Geheimdienstinformationen vor einem weiteren russischen Großangriff; Moskau habe entsprechende Absichten öffentlich angedeutet. Die strategische Asymmetrie bleibt bestehen: Ukraine trifft gezielte Energieziele tief im russischen Hinterland, Russland setzt auf Masse und kann die ukrainische Luftabwehr trotz Hunderten von Projektilen nicht sättigen.
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