Nach der Feuerpause: Russland greift sofort an
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Nach der Feuerpause: Russland greift sofort an

Drei Tage Waffenruhe, dann sofortige Wiederaufnahme russischer Drohnenangriffe auf Kiew, Saporischschja und vier weitere Städte. Gleichzeitig verhängte die EU Sanktionen gegen 16 Personen und sieben Einrichtungen wegen der systematischen Deportation und Umerziehung von schätzungsweise 20.000 ukrainischen Kindern.

12. Mai 2026, 5:13 Uhr 886 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Selenskyj sagte, Russland habe die dreitägige Feuerpause für rund 150 Angriffsaktionen genutzt. Als die Pause um Mitternacht endete, begannen die Drohnenangriffe auf Kiew unmittelbar wieder. In Brüssel verhängte die EU gleichzeitig Sanktionen gegen Russland wegen der systematischen Deportation von schätzungsweise 20.000 ukrainischen Kindern.

Drei Tage, 150 Angriffe

Die dreitägige Waffenruhe, die US-Präsident Donald Trump für den 9. bis 11. Mai ausgehandelt hatte, war von Beginn an brüchig. Die Ukraine meldete, Russland habe während der nominellen Feuerpause rund 150 Angriffsaktionen entlang der Frontlinie durchgeführt. Ukrainische Militärbeobachter berichteten außerdem, russische Einheiten hätten die Pause genutzt, um Verstärkungen heranzuführen und Truppenrotationen durchzuführen, ohne selbst zurückzuweichen.

In der Nacht auf den 12. Mai, unmittelbar nach Ablauf der vereinbarten 72 Stunden, meldete die ukrainische Luftwaffe Drohnenangriffe auf Kiew, Saporischschja, Dnipro, Charkiw und Cherson. Kiews Militärverwaltung berichtete, Drohnentrümmer seien auf das Dach eines 16-stöckigen Wohnhauses im Obolon-Bezirk gefallen. Die ukrainische Luftabwehr meldete, sie habe einen Teil der angreifenden Drohnen abgefangen.

Präsident Selenskyj kommentierte die Situation in einer abendlichen Videobotschaft: "Wir sehen, dass Russland nicht die Absicht hat, diesen Krieg zu beenden. Wir bereiten uns auf neue Angriffe vor, leider."

Was Russland aus der Feuerpause gemacht hat

Die drei Tage ohne offiziell vereinbarte Großoffensive veränderten die Frontlage kaum. Beobachter berichteten, russische Einheiten hätten die Feuerpause systematisch für das Heranführen von Verstärkungen genutzt. Das Muster ist aus früheren Feuerpausen bekannt: Russlands Strategie besteht darin, humanitär vereinbarte Pausen taktisch zu nutzen, ohne auf operationellen Druck zu verzichten.

Trumps ursprünglicher Plan für die Feuerpause war es, in den 72 Stunden eine Einigung auf einen dauerhaften Waffenstillstand vorzubereiten. Die parallelen Gespräche in Abu Dhabi brachten keinen Durchbruch. Ein neuer Verhandlungsrahmen wurde nicht vereinbart. Wann eine neue Gesprächsrunde stattfindet, blieb zunächst offen.

20.000 Kinder, 2.100 Zurückgekehrte

Parallel zur Waffenruhenbilanz verhängte die EU neue Sanktionen gegen Russland, die einen anderen Aspekt des Krieges betreffen. Die EU-Außenminister beschlossen Maßnahmen gegen 16 Personen und sieben Einrichtungen, die für die systematische Deportation, Indoktrination und militarisierte Umerziehung ukrainischer Kinder verantwortlich gemacht werden.

Sanktioniert wurden unter anderem Leitungspersonen russischer Kinderzentren und Jugendzentren, die nach Behördenangaben für die ideologische Russifizierung ukrainischer Minderjähriger zuständig sind. Konkret benannt wurden die Allrussischen Kinderzentren Orljonok, Scharlachrote Segel und Smena. Diese Einrichtungen organisieren nach EU-Angaben Programme, in denen ukrainische Kinder russische Staatsbürgerschaftsmuster, Militärdienst-Rollenspiele und russisches Nationalgefühl eingeübt bekommen sollen.

Seit Beginn der russischen Invasion schätzt die EU-Kommission, dass rund 20.000 ukrainische Kinder nach Russland oder in besetzte Gebiete verschleppt wurden. Bislang konnten etwa 2.100 zurückgebracht werden. Der Internationale Strafgerichtshof hatte im März 2023 wegen dieser Praxis einen Haftbefehl gegen Wladimir Putin und die russische Kinderrechtsbeauftragte Maria Lwowa-Belowa erlassen.

Ex-Stabschef Jermak unter Geldwäscheverdacht

Zur militärischen und diplomatischen Nachrichtenlage kommt eine innenpolitische Belastung. Das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) ermitteln gegen Andrij Jermak, den früheren Leiter des Präsidentenbüros. Jermak steht unter dem Verdacht, an einer Geldwäscheorganisation beteiligt zu sein, über die nach Behördenangaben fast neun Millionen Euro in den Bau von Luxushäusern nahe Kiew geflossen sein sollen. Eines dieser Anwesen soll für Jermak selbst bestimmt gewesen sein.

Jermak war im November 2025 infolge eines Korruptionsskandals als Leiter des Präsidentenbüros zurückgetreten. Er galt jahrelang als Selenskyjs engster Berater und war der zentrale Gesprächskanal in den Verhandlungen mit Russland und dem Westen. Die EU hat die Ukraine im Rahmen der Beitrittsperspektive zu Antikorruptionsfortschritten verpflichtet. Jedes hochrangige Ermittlungsverfahren stärkt zwar die institutionelle Glaubwürdigkeit der Strafverfolgung, setzt Kiew aber politisch unter Druck.

Schröder als Vermittler: Kallas lehnt ab

Eine weitere Debatte dreht sich um einen potenziellen Vermittler. Wladimir Putin hatte vorgeschlagen, den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder als Gesprächskanal einzusetzen. Der SPD-Außenpolitiker Ralf Stegner sprach sich dafür aus, diesen Vorschlag zumindest zu prüfen: "Es wäre fahrlässig, das auszuschlagen", sagte Stegner, betonte aber, jedes Ergebnis müsse von der Ukraine genehmigt werden.

Die Bundesregierung lehnte den Vorschlag als Scheinangebot und Teil von Russlands bekannter Hybridstrategie ab. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas warnte, Schröder würde dabei auf beiden Seiten des Verhandlungstisches sitzen. Selenskyjs Regierung äußerte sich nicht öffentlich zum Schröder-Vorschlag.

Kein Verhandlungsrahmen für den Sommer

Nach dem Scheitern der dreitägigen Feuerpause gibt es keinen vereinbarten Rahmen für neue Gespräche. Trump hat sich nach dem Feuerpausen-Ende nicht öffentlich zu einer neuen Initiative geäußert. Die US-Regierung managt gleichzeitig den Irankonflikt, die Chinapolitik und die Ukrainekrise. Neue Kapazitäten für eine weitere Vermittlungsrunde sind nicht selbstverständlich vorhanden.

Für die Ukraine ist die wichtigste Frage nicht die nächste Feuerpause, sondern die Fortführung westlicher Rüstungslieferungen. Belgien hat angekündigt, seine gesamte F-16-Flotte an die Ukraine abzugeben. Deutschland plant nach Angaben des Verteidigungsministeriums den gemeinsamen Bau von Hightech-Waffensystemen mit ukrainischen Partnern. Diese Projekte brauchen Zeit: Was heute vereinbart wird, kommt frühestens 2027 an der Front an.

Update 12. Mai, 21:05 Uhr: Die Bilanz des ersten Nachtangriffs nach der Feuerpause ist nun vollständiger. Russland schickte 216 Drohnen über die Ukraine; die Luftabwehr schoss 192 davon ab. Die übrigen trafen ein 16-stöckiges Wohnhaus im Kiewer Obolon-Bezirk, Energieinfrastruktur in der Region Mykolajiw und einen Kindergarten in der Kiewer Umgebung. In der Region Dnipropetrowsk kamen sechs Menschen ums Leben. Als Gegenangriff traf die Ukraine den Orenburg-Gaskomplex von Gazprom, rund 1.500 Kilometer von der ukrainischen Grenze. Das Werk ist eine der weltgrößten Gasverarbeitungsanlagen mit 45 Milliarden Kubikmetern Jahreskapazität und verarbeitet auch kasachisches Erdgas aus dem Karatschaganakfeld. Gazprom stoppte nach dem Angriff vorübergehend die Aufnahme kasachischen Gases, was den Durchsatz um rund ein Viertel senkte. Der Angriff beeinflusst damit nicht nur die russische Kriegswirtschaft, sondern auch die Gastransitrouten eines neutralen Staates.

Quellen (13)

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