Ukrainefrieden: Junifrist naht, Gespräche auf Eis
Washington setzte im Februar 2026 eine Junifrist: Bis Anfang Sommer sollte der Ukrainekrieg durch ein Friedensabkommen beendet sein. Vier Monate danach hat es keine trilateralen Gespräche zwischen Russland, der Ukraine und den USA mehr gegeben. Am Donnerstag, dem 14. Mai, lehnte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow auch die EU als Vermittlerin ab.
Waffenruhe eingehalten, Gespräche nicht
Der deutlichste Beleg für die diplomatische Stagnation ist die Dreitagesfeuerpause, die Donald Trump Anfang Mai aushandelte. Die Waffenruhe sollte am 9. Mai beginnen, dem russischen Siegestag. Allein am ersten Tag meldete der ukrainische Generalstab 51 russische Angriffe, während Putin die Paradetribüne noch nicht verlassen hatte. Beide Seiten nutzten die Pause für Truppenrotationen, nicht für Gespräche.
Ukraines Chefunterhändler Rustem Umerov reiste am 7. Mai nach Miami, um sich mit den US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner zu treffen. Themen: Kriegsgefangenenaustausch und Sicherheitsgarantien für die Nachkriegsordnung. Witkoff bezeichnete die Gespräche als „konstruktiv“ und sagte, Ziel sei es, „verbleibende Punkte einzugrenzen und zu lösen, um einem umfassenden Friedensabkommen näherzukommen“. Ein russischer Vertreter war nicht dabei. Das war kein Dreiergespräch, sondern ein bilateraler Kontakt zwischen Washington und Kiew.
Was die Verhandlungspositionen trennt
Die Positionen der Parteien sind bekannt und die Lücke zwischen ihnen ist kaum geschrumpft. Russland verlangt von der Ukraine, sich aus Teilen der Gebiete Donezk und Luhansk zurückzuziehen, die Moskau militärisch noch nicht kontrolliert. Das bedeutet: Russland fordert Land, das es nicht hält. Kiew lehnt das ab und besteht darauf, dass Verhandlungen nur auf Basis der aktuellen Kontrolllinie stattfinden können.
Selenskyj legte in den vergangenen Monaten einen 20-Punkte-Plan vor, der demilitarisierte Zonen an der heutigen Frontlinie, konkrete Sicherheitsgarantien und einen EU-Beitrittspfad vorsieht. Die Trump-Administration brachte einen eigenen Vorschlag ein, in dem der umstrittene Status der besetzten Gebiete als Ausgangspunkt anerkannt wird. Aus Kiewer Sicht bedeutet das: Die USA beginnen mit einer Version von Russlands Maximalforderungen und verhandeln von dort nach unten.
Die Genfer Gespräche im Februar schienen kurzfristig einen Durchbruch vorzubereiten. Sie endeten nach zwei Stunden abrupt. Seitdem hat der Kreml bestätigt, dass kein trilateraler Kontakt mehr stattgefunden hat.
EU ohne Mandat, Moskau ohne akzeptablen Gesprächspartner
In das diplomatische Vakuum drängte die EU, scheiterte aber an einem strukturellen Problem. EU-Ratspräsident António Costa erklärte am 9. Mai, die EU unterstütze die Ukraine, verhänge Sanktionen gegen Russland und könne daher an Friedensgesprächen mitwirken. Kreml-Sprecher Peskow widersprach am 14. Mai: Die EU sei „direkter Teilnehmer“ des Konflikts, Vermittlung sei unter diesen Bedingungen „kaum möglich“. Das ist diplomatisch klar: Wer Waffen liefert und Sanktionen verhängt, kann sich nicht gleichzeitig als neutralen Schiedsrichter positionieren.
Der Vorschlag, mit dem Putin am Rande der Siegesparade überraschte, war nicht überzeugender. Putin nannte den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder als möglichen Vermittler. Die Bundesregierung lehnte ab, Berlin bezeichnete das als Scheinangebot. Schröder ist seit 2005 in russische Energieprojekte eingebunden, hat jahrzehntelang für Moskaus Interessen eingestanden und genießt kein Vertrauen in westlichen Hauptstädten.
Die „Koalition der Willigen“, ein Verbund von 34 Ländern unter britisch-französischer Führung, der Bodentruppen für eine Nachkriegsordnung bereitstellen will, traf sich am 8. Mai per Videokonferenz. Themen waren der Einsatz eingefrorener russischer Vermögenswerte und Bedingungen für Wahlen in der Ukraine unter Waffenstillstandsbedingungen. Eine aktive Vermittlerrolle zwischen Moskau und Kiew übernimmt die Koalition nicht.
Sechs Wochen und kein Fahrplan
Die Junifrist, die USA im Februar setzten, enthält keinen Durchsetzungsmechanismus für den Fall, dass sie verstreicht. Selenskyj zitierte die amerikanische Seite im Februar so: „Die Amerikaner schlagen vor, dass die Parteien den Krieg bis Anfang des Sommers beenden.“ Was die USA im Juli tun, wenn der Termin kommt und geht, ob sie wirtschaftlichen Druck erhöhen, den Waffenfluss einschränken oder die Gespräche förmlich für gescheitert erklären, ist offen.
Strukturell bleibt das Grundproblem ungelöst: Der Krieg ist für keine Seite militärisch entschieden. Russland macht tägliche Geländegewinne, zahlt dafür aber wachsende Verluste. Die Ukraine hält die Front mit Drohnen und westlichen Waffen, verliert aber Territorium. Solange keine Seite einen Punkt erreicht, an dem die Kosten das Weiterkämpfen unwirtschaftlich machen, fehlt der Druck, der Verhandlungen erzwingt.
Was innerhalb der nächsten sechs Wochen noch möglich wäre: ein bilateraler Kanal zwischen Witkoff und einer russischen Seite, der öffentlich nicht sichtbar ist oder eine begrenzte Teilvereinbarung über Gefangenenaustausch als Einstieg. Trump hat in der Vergangenheit beide Seiten mit überraschenden Ankündigungen konfrontiert. Ein konkreter Termin für neue Dreiergespräche steht derzeit nicht fest.
Aktualisierungen
Update 17. Mai, 01:00 Uhr: Vier Tage nach dem Abschluss von Donald Trumps Peking-Besuch (13. bis 15. Mai) reist Wladimir Putin am 19. und 20. Mai ebenfalls zu Xi Jinping nach China. Der Staatsbesuch fällt auf den 25. Jahrestag des russisch-chinesischen Vertrags über gute Nachbarschaft. Die Ukraine-Lage steht nicht offiziell auf der Agenda, gilt Beobachtern aber als sicher diskutiertes Thema: Peking hatte 2023 einen eigenen 12-Punkte-Friedensplan vorgelegt und fungiert unter westlichen Sanktionen als wirtschaftlicher Rückhalt Russlands. Die zeitliche Abfolge ist bemerkenswert: Trump verhandelte in Peking, wenige Tage später positioniert sich Moskau über denselben Kanal. Damit zeichnet sich vor Ablauf der Junifrist eine diplomatische Konstellation ab, in der China als stille Referenzgröße für eine mögliche Lösung an Gewicht gewinnt, ohne dass dies an westlichen Verhandlungstischen anerkannt wird.
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