Vor dem Siegestag: 21 Tote, Russland warnt Diplomaten
Am 7. Mai töteten russische Gleitbomben und Drohnen mindestens 21 Menschen in der Ukraine. An demselben Tag forderte Russlands Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa westliche Botschaften auf, Diplomaten aus Kyjiw zu evakuieren. Moskau drohte mit Vergeltungsschlägen gegen "Entscheidungszentren", sollte die Ukraine die Feierlichkeiten zum 9. Mai stören. Alles das geschah weniger als 24 Stunden vor Beginn von Russlands selbst angekündigtem Waffenstillstand für den 8. und 9. Mai.
Gleitbomben auf Saporischschja und Kramatorsk
In Saporischschja töteten russische Angriffe am 7. Mai nach Angaben ukrainischer Behörden mindestens 12 Menschen. In Kramatorsk starben 9 weitere. Eingesetzt wurden Gleitbomben. Die russische Luftwaffe setzt sie seit Monaten systematisch ein, weil sie außerhalb der Reichweite ukrainischer Flugabwehrsysteme abgeworfen werden können. Die billigen Waffen hinterlassen schwere Schäden; die Ukraine hat kaum Mittel, sie abzufangen.
Die 21 Toten vom 7. Mai kommen zu einer Woche hinzu, in der mehr als 70 ukrainische Zivilisten ihr Leben verloren haben. Was den Tag besonders kennzeichnet: Russland hatte bereits am 3. Mai offiziell eine Feuerpause für den 8. und 9. Mai angekündigt. Am 7. Mai schoss es weiter.
Zwei Waffenruhen, keine Pause
Seit dem 5. Mai hatte die Ukraine einseitig versucht, das Feuer zu reduzieren. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte eine langfristige, verlässliche Feuerpause vorgeschlagen, keine auf 48 Stunden begrenzte Paraden-Pause. Russlands Verteidigungsministerium hatte seinerseits eine Feuerpause für den 8. und 9. Mai angekündigt und sie damit begründet, russische Streitkräfte sollten den 81. Jahrestag des sowjetischen Sieges begehen.
Beides scheiterte. Am frühen Morgen des 7. Mai sagte die Ukraine die Teilnahme an der russischen Paraden-Pause formal ab. Selenskyjs Berater Serhii Sternenko erklärte, Russland habe den ukrainischen Waffenstillstand fortlaufend verletzt. Außenminister Andrii Sybiha nannte Putins Angebot "Schaufensterdiplomatie": Es schütze die Parade, nicht Menschenleben. Defense News fasste zusammen, beide Waffenruhen seien "fast sofort kollabiert".
Das Muster war bereits beim orthodoxen Osterwochenende im April zu beobachten. Putin hatte damals eine 32-stündige Feuerpause angekündigt. Nahezu 5.000 dokumentierte Verstöße folgten, bevor die Pause formal endete. Den 9. Mai behandelt Moskau als bedeutsamer, doch das Verhaltensmuster ist dasselbe.
Sacharowas Warnung und was sie bedeutet
Am 7. Mai verschickte Russlands Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa eine formale Note an alle in Kyjiw akkreditierten Botschaften. Sie empfahl die unverzügliche Evakuierung diplomatischen Personals: Russland schließe Vergeltungsschläge nicht aus, sollte die Ukraine die Victory-Day-Feierlichkeiten stören. Konkret drohte Moskau mit Angriffen auf "Entscheidungszentren". Meduza, Al Jazeera und The Moscow Times bestätigten den Inhalt der Note unabhängig voneinander.
Westliche Botschaften reagierten nicht mit tatsächlicher Evakuierung. Die Ukraine hat in den vergangenen Wochen wiederholt russisches Territorium mit Langstreckendrohnen getroffen, darunter weit hinter der Front gelegene Militärflugplätze.
Die Warnung lässt zwei Lesarten zu. Erstens: Russland bereitet sich tatsächlich auf massenhafte Schläge gegen Kyjiw vor und will internationale Zeugen aus dem Weg räumen. Zweitens: Die Note ist eine Einschüchterungsgeste, um Kyjiw von Angriffen auf russisches Territorium rund um den 9. Mai abzuhalten. In beiden Lesarten signalisiert Moskau, dass es den Siegestag für außerordentlich wichtig hält und keine Störung dulden will.
Miami als einziger offener Kanal
Verteidigungsminister Rustem Umjerow wird in den kommenden Tagen nach Miami reisen, um Steve Witkoff zu treffen, Trumps Sondergesandten für die Russland-Ukraine-Gespräche. Bloomberg und der Kyiv Independent bestätigten die Reisepläne, ein konkretes Datum nannten beide Seiten nicht öffentlich. Es wäre der erste direkte hochrangige Kontakt zwischen Kyjiw und Washington seit Wochen, in denen US-Aufmerksamkeit und Diplomatie stark vom Iran-Konflikt beansprucht worden waren.
Was beim Treffen besprochen werden soll, ist nicht bekannt. Einen dauerhaften Waffenstillstand haben beide Seiten bisher nicht in Reichweite gebracht. Russland besteht darauf, dass die Ukraine Teile der östlichen Oblaste räumt, die sie aktuell noch hält. Kyjiw lehnt das ab. Die Fronten zwischen Lyman, Kupjansk und Wowtschansk bleiben in Bewegung, mit anhaltenden russischen Angriffsversuchen im Rahmen der Frühjahrsoffensive.
Russlands Feuerpause beginnt formal morgen früh. Ob Russland sie einhält, nachdem es am Vortag 21 Menschen getötet und diplomatische Vertretungen zur Evakuierung aufgefordert hat, wäre diesmal die eigentliche Nachricht.
Aktualisierungen
Update 8. Mai, 03:05 Uhr: In der Nacht zum 8. Mai griffen ukrainische Drohnen den Nara-Produktions- und Logistikkomplex in Naro-Fominsk an, einem 200 Hektar großen Militärgelände des russischen Verteidigungsministeriums rund 70 Kilometer südwestlich von Moskau. Der Komplex dient als zentrales Lager- und Distributionszentrum für Nachschub der russischen Streitkräfte. Russische Behörden meldeten, elf Drohnen seien vor Moskau abgefangen worden; Videoaufnahmen aus der Region zeigten Einschläge auf dem Gelände selbst. Der Angriff ist einer der weitreichendsten ukrainischen Schläge gegen russische Militärlogistik nahe Moskau und fiel gezielt auf den Zeitraum zwei Tage vor Putins Siegestagparade.
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