KI-Impfstoff schützt vor unbekannten Coronaviren
Die Pandemievorbereitung folgt meistens demselben Muster: Ein Virus taucht auf, Wissenschaftler entwickeln gezielt dagegen einen Impfstoff, die Produktion beginnt mit Monaten Verzögerung. Die Universität Cambridge und ihre Ausgründung DIOSynVax wollen diesen Zyklus durchbrechen. Ihr Impfstoff wurde nicht gegen ein einzelnes bekanntes Virus entwickelt, sondern gegen eine ganze Virusfamilie, einschließlich Erregern, die bisher nur bei Fledermäusen vorkommen. Die erste Menschenstudie, deren Ergebnisse am 5. Juni 2026 veröffentlicht wurden, liefert erste Belege dafür, dass der Ansatz trägt.
Was ein Sarbecovirus ist und warum er gefährlich bleibt
Sarbekoviren sind eine Untergattung der Betacoronaviren. Zur Gruppe gehören SARS-CoV-2, der Erreger der Covid-19-Pandemie, sowie SARS-CoV-1, der 2002 bis 2003 rund 800 Menschen tötete. In Fledermäusen Südostasiens und Chinas zirkulieren nach aktuellem Forschungsstand Dutzende weiterer Sarbekoviren, die potenziell auf Menschen überspringen könnten. Gezielte Impfstoffe gegen ein einzelnes Mitglied dieser Gruppe bieten gegen die anderen keinen verlässlichen Schutz.

Genau das ist das Problem, das DIOSynVax lösen will. Die Technologie der Cambridge-Ausgründung nutzt maschinelles Lernen, um die genetischen Sequenzdaten aller bekannten Sarbekoviren zu analysieren und daraus ein einziges „Super-Antigen“ zu destillieren: ein künstliches Protein, das Merkmale repräsentiert, die über die gesamte Virusfamilie hinweg konserviert sind und damit von keinem Einzelvirus schnell mutiert werden können. Das Antigen selbst ist kein natürlich vorkommendes Protein, sondern ein rechnerischer Entwurf, der in der Natur nicht existiert.
Wie die Studie ablief und was sie zeigte
39 gesunde Freiwillige im Alter von 18 bis 50 Jahren nahmen an der Phase-1-Studie teil. Der Impfstoff wurde als DNA-Vakzin verabreicht, mithilfe eines nadelfreien Mikroflüssigkeitsstrahlers, der das genetische Material direkt in die Haut injiziert. Das Ergebnis: keine schwerwiegenden Nebenwirkungen. Alle Teilnehmer entwickelten Immunantworten, die nicht nur gegen SARS-CoV-2 und SARS-CoV-1 wirkten, sondern auch gegen verwandte Fledermaus-Coronaviren, die noch nie beim Menschen aufgetreten sind.
Professor Jonathan Heeney, der das Forschungsteam leitet, erklärte in der Cambridge-Pressemitteilung: „Wir haben die Impfstoffentwicklung von reaktiv auf zukunftssicher umgestellt. Unsere Impfstoffe werden weiter schützen, selbst wenn sich die Viren verändern.“ Es ist nach Angaben der Forscher das erste Mal, dass ein vollständig per KI und Computersimulation entworfener Impfstoff am Menschen getestet wurde. Gefördert wurde das Projekt von Innovate UK, der britischen Innovationsförderungsbehörde.
Im Vergleich: Was andere Universalimpfstoffprojekte bisher erreichten
Universale Grippeimpfstoffe werden seit Jahrzehnten versucht. Das Prinzip ist dasselbe wie bei DIOSynVax: ein Antigen, das gegen alle Varianten einer Virusfamilie wirkt, ohne jährliche Anpassung. Die klassische Covid-mRNA-Plattform von BioNTech und Pfizer konnte zwar innerhalb von Monaten entwickelt werden, bot aber nur für das ursprüngliche SARS-CoV-2 und seine nächsten Varianten verlässlichen Schutz. Gegen stark abweichende Sarbekoviren aus Fledermäusen ist kein Schutz dokumentiert.

Die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) hat sich das Ziel gesetzt, bei einem neuen Pandemieausbruch binnen 100 Tagen einen einsatzbereiten Impfstoffkandidaten bereitzustellen. Das setzt voraus, dass zumindest die Grundplattform bereits existiert und validiert ist. Ein breiter Sarbecovirus-Impfstoff, der in Phase 1 bestanden hat, wäre für diesen Ansatz ein möglicher Baustein, allerdings hat DIOSynVax noch keine Partnerschaft mit CEPI für diesen Kandidaten bekannt gegeben.
Das Münchner Unternehmen Ethris hat in einer gleichzeitig veröffentlichten Vorstudie eine mRNA-Version desselben DIOSynVax-Antigens entwickelt, die in Tierversuchen ähnliche Breitschutz-Ergebnisse zeigte. mRNA lässt sich schneller und in größeren Mengen produzieren als DNA. Die Kombination beider Plattformen könnte für die Massenproduktion relevant werden.
Drei Bedingungen für den Weg zur Zulassung
Phase 1 zeigt Sicherheit und prinzipielle Wirksamkeit. Bis zu einem zugelassenen Impfstoff sind bei diesem Entwicklungsstand realistisch zehn bis zwölf Jahre einzuplanen. Drei Bedingungen müssen dafür erfüllt sein.
Erstens eine Phase-2-Studie mit mehreren Hundert Teilnehmern, die belegt, dass die beobachteten Immunantworten auch klinisch relevant sind, also tatsächlich vor einer Infektion schützen. Dafür braucht es entweder ein neues Ausbruchsgeschehen mit einem Sarbecovirus oder eine kontrollierte Herausforderungsstudie. Zweitens eine Phase-3-Studie mit Zehntausenden Teilnehmern für den statistischen Wirkungsnachweis. Drittens müssen Produktionskapazitäten für DNA-Vakzine ausgebaut werden: Die Plattform ist bisher weniger skalierbar als mRNA oder klassische Totimpfstoffe. Wenn alle drei Bedingungen zutreffen und keine unerwarteten Sicherheitssignale auftauchen, wäre DIOSynVax der erste Impfstoff, der explizit für Erreger entwickelt wurde, die noch nicht beim Menschen angekommen sind.
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