Keine Raketen, mehr Abzüge: USA in Europa auf Rückzug
Die Biden-Regierung hatte im Juli 2024 beim 75. NATO-Gipfel eine symbolträchtige Ankündigung gemacht: Ab 2026 würden erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges wieder US-Mittelstreckenwaffen dauerhaft in Deutschland stationiert. Tomahawks mit 2.500 Kilometern Reichweite, SM-6-Raketen und Hyperschallwaffen sollten ab diesem Jahr auf deutschem Boden präsent sein. Drei Wochen nachdem die US-Regierung 5.000 Soldaten aus Deutschland abgezogen hat, ist klar: Die Raketen kommen nicht.
April: Die Ankündigung
Am 30. April schrieb Donald Trump auf Truth Social, die USA überprüften eine mögliche Reduzierung der Truppen in Deutschland, eine Entscheidung solle „in Kürze“ fallen. Der unmittelbare Anlass war der öffentliche Streit mit Bundeskanzler Friedrich Merz, der Trumps Irankriegsstrategie als planlos bezeichnet hatte. Trump antwortete mit dem Werkzeug das er kennt: institutionellem Druck.
2. Mai: Hegseth ordnet Abzug an
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth bestätigte am 2. Mai den Abzug von 5.000 US-Soldaten aus Deutschland, zeitlich gestreckt auf 6 bis 12 Monate. Deutschland beherbergt mit rund 39.000 US-Soldaten mehr als jedes andere europäische Land, knapp die Hälfte davon in der Pfalz rund um Ramstein. Die 5.000 entsprechen etwa 13 Prozent dieser Präsenz.
Parallel wurde bekannt, dass das Pentagon gleichzeitig die Stationierung des Typhon-Systems stornierte: Das 3. Bataillon des 12. Feldartillerieregiments, das mit Tomahawk-Marschflugkörpern, SM-6-Raketen und Dark-Eagle-Hyperschallwaffen ausgerüstet werden sollte, wird nicht nach Deutschland verlegt. Das Bataillon wäre das erste gewesen, das Mittelstreckenwaffen seit den Pershing-Abzügen 1991 dauerhaft auf deutschem Boden stationiert hätte.
5. Mai: NATO nicht informiert
Was folgte, war diplomatisch ungewöhnlich: Die NATO hatte von beiden Entscheidungen nicht im Voraus erfahren. Merz deeskalierte in der ARD, bestand aber darauf, der Truppenabzug stehe in keinem ursächlichen Zusammenhang mit seiner Iran-Kritik. Außenminister Johann Wadephul erklärte Deutschland sei auf US-Truppenreduktionen vorbereitet, Ramstein stehe jedoch nicht zur Disposition.
20. Mai: Grynkewich bestätigt Fortsetzung
General Alexus Grynkewich, Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa und zugleich SACEUR, hat am Dienstag bestätigt, dass weitere Abzüge folgen werden. „Mehrere Hundert“ zusätzliche US-Soldaten sollen aus Europa abgezogen werden, der Prozess werde sich „über mehrere Jahre“ erstrecken. Grynkewich formulierte eine Bedingung: Wenn die europäischen NATO-Verbündeten ihre eigenen Verteidigungskapazitäten ausbauen, können die USA den Anteil reduzieren, den sie derzeit als unverzichtbar einstufen.
Das ist eine strukturelle Neuausrichtung. Die US-Truppenpräsenz in Europa war seit 1949 keine Verhandlungsmasse, sondern eine Konstante der transatlantischen Sicherheitsarchitektur. Dass ein amtierender SACEUR öffentlich von einem „laufenden Prozess“ weiterer Reduzierungen spricht, ist ein Signal, das über den aktuellen politischen Streit hinausgeht.
Was die Stornierung bedeutet
Die Typhon-Absage wiegt schwerer als die Truppenzahlen. Mittelstreckenwaffen auf deutschem Boden hätten Russland gegenüber eine abschreckende Funktion erfüllt, die reine Truppenpräsenz nicht leisten kann. Ein Infanteriebataillon mehr oder weniger ändert nichts an der strategischen Balance. Tomahawks mit 2.500 Kilometern Reichweite, die von Ostdeutschland aus Moskau erreichen könnten, schon.
Das Bundesverteidigungsministerium ließ erklären, es gebe keine „definitive Absage“. Die Formulierung ist diplomatisch, aber die Realität ist eindeutig: Deutschland versucht nach Angaben von Army Recognition, die Tomahawks auf eigene Rechnung zu kaufen. Der Kauf von rund 400 Marschflugkörpern würde Deutschland erstmals zu einem eigenständigen Halter dieser Waffenkategorie machen: ohne US-Betrieb, ohne US-Kommando.
Polen und die baltischen Staaten zeigen sich beunruhigt. Sie sind die NATO-Länder mit der längsten Grenze zu Russland und Belarus und hatten auf die Typhon-Stationierung als Signal an Moskau gesetzt, dass die NATO ihre Ostflanke ernstnimmt. Die Stornierung sendet das Gegenteil.
Zwischen NDAA-Grenze und Europas Aufrüstungslücke
Grynkewich hat keinen neuen Starttermin für weitere Abzüge genannt. Der NDAA 2026, der US-Verteidigungshaushalt, schreibt vor, dass mindestens 76.000 US-Soldaten in Europa stationiert bleiben müssen. Aktuell sind es rund 86.000. Die 5.000 aus Deutschland würden diese Grenze nicht unterschreiten, aber der verbleibende Puffer für Grynkewich's angekündigte „mehrere Hundert“ weiterer Abzüge ist begrenzt.
Beim NATO-Gipfel im Sommer 2026 werden diese Fragen auf der Agenda stehen. Deutschland hat inzwischen sein Verteidigungsbudget auf über zwei Prozent des BIP erhöht und plant den Aufbau einer europäischen Raketenabwehr. Der Bundeswehr fehlt jedoch die Fähigkeit, den strategischen Fußabdruck der abgezogenen US-Systeme kurzfristig zu ersetzen. Grynkewichs Bedingung: Europa baut auf, USA reduziert. Das setzt eine Gleichzeitigkeit voraus, die nach Lage der Dinge Jahre auseinanderliegt.
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