Ukraines Drohnen treffen Putins Wirtschaftsforum
Während das Petersburger Wirtschaftsforum seinen Eröffnungstag beging, stieg Rauch über dem Hafenterminal von St. Petersburg auf. Ukrainische Drohnen hatten das größte Ölterminal der Stadt getroffen, das laut Betreiberangaben jährlich 12,5 Millionen Tonnen Kraftstoff umschlägt und am Flughafen Pulkovo mehr als zehn Abflüge erzwungen. Rund 1.300 Kilometer entfernt reiste NATO-Generalsekretär Mark Rutte unangekündigt per Bahn nach Kiew, während Russland seit Wochen alle Diplomaten zur Abreise aufgefordert hatte.
Der 3. Juni ist kein zufälliger Tag. Er markiert den Höhepunkt eines zwölftägigen Eskalationszyklus, der mit einem umstrittenen ukrainischen Angriff auf das russisch besetzte Starobilsk begann und nun in Russlands zweitgrößter Stadt endet.
Wie Starobilsk den Zyklus auslöste
Am 22. Mai griffen ukrainische Drohnen die Stadt Starobilsk im russisch besetzten Luhansk an. Der ukrainische Generalstab erklärte, Ziel sei das Hauptquartier der Drohneneinheit Rubikon gewesen, die seit Monaten Angriffe auf ukrainisches Territorium koordiniert. 16 Drohnen des Typs Fire Point FP-1/2 schlugen in drei Wellen ab 22 Uhr ein.
Russland präsentierte ein anderes Bild. Die Besatzungsbehörden erklärten, ein Studierendenwohnheim sei getroffen worden, in dem 86 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren untergebracht waren. 21 Menschen seien getötet worden. Putin bezeichnete die Operation öffentlich als Terrorakt. Eine unabhängige Überprüfung war nicht möglich, da die Zone für internationale Beobachter gesperrt ist. Der Streit um Starobilsk wurde zum politischen Fundament der folgenden Wochen: Russland nutzte ihn als öffentliche Rechtfertigung für alles, was danach kam.
Drei Tage nach Starobilsk, am 25. Mai, kontaktierte Russlands Außenminister Sergej Lawrow persönlich US-Außenminister Marco Rubio: Diplomatisches Personal und alle ausländischen Staatsbürger sollten Kiew unverzüglich verlassen, weil Russland systematische Schläge auf Entscheidungszentren in der ukrainischen Hauptstadt vorbereite. Polens Außenminister Radosław Sikorski erklärte öffentlich, er werde seine Botschaft nicht schließen. Die EU-Mission in Kiew gab bekannt, alle 27 EU-Botschafter würden bleiben.
Nacht des 2. Juni: 73 Raketen und acht Zirkons
In der Nacht vom 1. auf den 2. Juni setzte Russland die Drohung um. 73 Raketen und 656 Drohnen trafen zehn ukrainische Regionen, darunter acht Zirkon-Hyperschallraketen. Die Zirkon fliegt mit Mach 8 bis 9 auf einer flachen Trajektorie, weshalb bisherige Patriot-Konfigurationen kaum reagieren können. 22 Menschen starben, 138 wurden verletzt. In Kyjiw kamen sechs Menschen ums Leben, in Dnipro 16. Zwei Spezialkliniken und drei Primärgesundheitszentren wurden beschädigt.
Selenskyj schrieb noch in der Nacht einen Brief an Donald Trump und bat um mehr Patriot-Abwehrraketen. Washington antwortete nicht. EU-Ratspräsidentin Kaja Kallas bezeichnete den Angriff als eine der schwersten russischen Attacken auf die ukrainische Zivilbevölkerung seit Kriegsbeginn 2022. Selenskyj erklärte zudem, Hersteller russischer Raketensysteme seien ab sofort Prioritätsziele: Ukraine werde die Produktionsstätten treffen, nicht nur die abgefeuerten Waffen.
Ukraines Antwort trifft Putins Wirtschaftsforum
Am Morgen des 3. Juni eröffnete Putin in St. Petersburg das Petersburger Internationale Wirtschaftsforum, kurz SPIEF. Das Forum ist Russlands wichtigstes Instrument, sich internationalen Wirtschaftspartnern trotz Sanktionsdruck als verlässlicher Handelspartner zu präsentieren. Hunderte ausländische Delegationen reisen jährlich an. Vertragsabschlüsse und bilaterale Gespräche am Rande des Forums sind für Russlands Sanktionsumgehung von erheblicher Bedeutung. Delegierte aus China, Indien und dem Nahen Osten bilden regelmäßig den Kern der Teilnehmerschaft und unterzeichnen Geschäfte, die der Westen durch Sanktionen blockiert hat.
Genau an diesem Morgen trafen ukrainische Drohnen das Ölterminal im Petersburger Hafen. In Mitschurinsk im Tambow-Gebiet brannte das Rüstungswerk Progress, das nach russischen Eigenangaben Steuerungssysteme für Raketen, Flugzeuge und Pipelines herstellt. Am Flughafen Pulkovo wurde der Sicherheitsplan Kowtjor aktiviert und mehr als zehn Abflüge wurden gestrichen oder verzögert. Über dem Marinestützpunkt Kronstadt wurden weitere Drohnen gemeldet. Russland erklärte, 354 ukrainische Drohnen abgefangen zu haben.
Im russisch kontrollierten Teil der Ostukraine traf eine ukrainische Drohne einen Linienbus auf der Strecke Moskau-Simferopol. Sieben Passagiere starben, elf wurden verletzt.
Worum es bei Ruttes Besuch geht
Mark Rutte reiste am Mittwoch per Bahn unangekündigt nach Kiew. Es war der erste hochrangige NATO-Besuch während einer aktiven russischen Angriffswelle dieser Stärke seit Monaten. Die ukrainische Staatsbahn Ukrzaliznytsia kommentierte den Besuch als wichtiges Solidaritätssignal. Konkret dürfte es um Luftverteidigung gehen. Selenskyj hat nach dem 2. Juni mehrfach darauf hingewiesen, dass Ukraines bestehende Patriot-Systeme gegen Zirkon-Raketen kaum Schutz bieten. Ruttes Gespräche mit Selenskyj kreisen darum, welche NATO-Mitglieder zusätzliche Systeme liefern können und ob der Westen technisch überlegene Plattformen bereitstellt.
Aus dem Umfeld des ukrainischen Geheimdienstes verlautet, Russland bereite einen weiteren Großangriff vor. Als zusätzliches Zeichen für wachsenden Druck auf russische Versorgungslinien gilt die Kraftstoffrationierung im russisch besetzten Luhansk: Tankstellen dürfen pro Fahrzeug und Tag nur noch begrenzte Mengen abgeben. Militäranalysten sehen darin ein Indiz, dass russische Logistikketten in der Region unter Druck stehen. Die NATO-Verteidigungsminister treffen sich in der kommenden Woche in Brüssel, wo die Frage nach besserer Luftverteidigung erneut auf der Agenda stehen wird.
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