Xi Jinping besucht Kim Jong-un erstmals seit 2019
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Xi Jinping besucht Kim Jong-un erstmals seit 2019

Am 8. Juni reist Chinas Staatschef Xi Jinping erstmals seit sieben Jahren nach Nordkorea. Vier Tage zuvor enthüllte Kim Jong-un eine dritte Urananreicherungsanlage und kündigte eine exponentielle Aufrüstung seines Nukleararsenals an.

6. Juni 2026, 17:12 Uhr 820 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Kim Jong-un ließ die Bilder sorgfältig auswählen. Zu sehen waren dichte Reihen silberner Röhren und Rohre in engen Gängen, der nordkoreanische Führer inmitten von Zentrifugen. Die Botschaft: Nordkorea rüstet atomar auf. Dieser Rundgang erschien am 4. Juni, einen Tag bevor China und Nordkorea gemeinsam bestätigten, dass Staatspräsident Xi Jinping am 8. und 9. Juni nach Pjöngjang reisen wird. Das Timing war kein Zufall.

Sieben Jahre Aufrüstung: Nordkorea 2019 und heute

Als Xi das letzte Mal nach Pjöngjang reiste, am 20. und 21. Juni 2019, war die nukleare Lage eine grundlegend andere. Es gab zwar keine konkreten Abrüstungsvereinbarungen, doch Kim Jong-un erklärte sich „bereit zur Geduld“. Xi lobte Nordkoreas Bemühungen, „Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu wahren“. Diese Formulierungen klingen sieben Jahre später kaum noch zeitgemäß.

Seitdem hat Nordkorea seinen Nuklearkomplex erheblich ausgebaut. Nach Einschätzung des Congressional Research Service verfügt das Land über genug Spaltmaterial für bis zu 90 Sprengköpfe; rund 50 gelten als montiert und einsatzbereit. Unabhängige Analysten halten inzwischen mehr als 100 Sprengköpfe für realistisch. Kim Jong-un kündigte auf dem Rundgang durch die neue Anlage an, die Nuklearstreitkräfte „exponentiell“ zu stärken. Die jetzt enthüllte Urananreicherungsanlage gilt als Nordkoreas dritte öffentlich bekannte: Der Yongbyon-Komplex wurde westlichen Wissenschaftlern bereits 2010 gezeigt, eine zweite mutmaßliche Anlage im Kangson-Komplex nahe Pjöngjang enthüllte Nordkorea im September 2024. Die dritte machte Kim unmittelbar vor Xis Anreise öffentlich.

Xi in Pjöngjang: Was er erreichen kann und was nicht

Chinas Außenministerium nannte das Ziel des Besuchs in einer knappen Erklärung: Vertiefung der bilateralen Beziehungen und Stärkung von regionalem Frieden und Stabilität. Was das konkret bedeuten könnte, blieb offen. Eine Zusage Nordkoreas, sein Atomprogramm einzufrieren, gilt als ausgeschlossen.

Als Nordkoreas wichtigster Handelspartner und Hauptlieferant von Hilfsgütern hat China theoretisch erheblichen Einfluss auf Pjöngjang. Praktisch setzt Peking diesen Einfluss kaum ein: Eine drastische Kürzung der Wirtschaftshilfe würde das Regime destabilisieren, Flüchtlingsbewegungen an der Nordgrenze auslösen und die Halbinsel in eine kaum kontrollierbare Lage treiben. Das will Peking ebenso wenig wie Washington.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem jüngeren Datums: Nordkorea hat Tausende Soldaten nach Russland entsandt, wo sie im Ukrainekrieg an der Seite der russischen Armee kämpfen. Kim Jong-un lobte dieses „unbesiegbare Bündnis“ in seiner Neujahrsansprache 2026 ausdrücklich. Nordkoreanische Staatsmedien platzierten Putins Neujahrsgruß deutlich prominenter als Xis, ein kleines Signal, das in Peking sehr genau registriert wurde.

Chinas Dilemma: Je näher Nordkorea und Russland rücken, desto mehr verliert Peking

Das Center for Strategic and International Studies in Washington hat das wachsende Dreieck aus China, Russland und Nordkorea analysiert und ausdrücklich vor einer Überschätzung seiner Geschlossenheit gewarnt. Pekings Strategie blieb bisher eine verdeckte Kooperation: diplomatische und wirtschaftliche Unterstützung ohne formale Allianzversprechen. Je enger Pjöngjang und Moskau aber tatsächlich werden, desto mehr verliert China seinen Status als unverzichtbaren Nordkorea-Vermittler.

Xi hatte in schneller Folge im Mai Trump und dann Putin in Peking empfangen und sich dabei als Drehscheibe internationaler Diplomatie positioniert. Nun folgt der Besuch in Pjöngjang. Dass Kim unmittelbar davor eine neue Urananreicherungsanlage öffentlich machte, anstatt sie zu verschweigen, lässt sich als deutliche Botschaft lesen: Nordkoreas Atommacht braucht keine chinesische Billigung.

Südkoreas Generalstab bewertete die neue Anlage als Urananreicherungsanlage und gab bekannt, sich eng mit den USA abzustimmen. Eine offizielle Reaktion Washingtons stand am Freitagabend noch aus.

Seoul und Washington: Was nach dem Besuch zählt

Die eigentliche Bewährungsprobe für Xi kommt nach dem Treffen. Entscheidend wird sein, ob China seinen Status als wichtigster Wirtschaftspartner Nordkoreas nutzt, um Kim zu einer Mäßigung beim Atomausbau zu bewegen. Ob das gelingt, werden Südkorea und die USA eng beobachten.

Xi hat in den vergangenen Wochen gegenüber Washington und Moskau gleichermaßen als unverzichtbarer Gesprächskanal agiert. Ob diese Rolle auch gegenüber Pjöngjang gilt, ist weniger klar. Kim hat mit der Enthüllung einer weiteren Urananreicherungsanlage kurz vor dem Besuch gezeigt, dass er seinen Kurs nicht vorab anpasst. Ein Besuch ohne jedwede Mäßigungssignale würde Pekings Einfluss auf Nordkorea stärker infrage stellen als sieben Jahre Kontaktpause.

Update 8. Juni, 11:00 Uhr: Xi Jinping ist am Montagvormittag in Pjöngjang gelandet. Kim Jong Un empfing den chinesischen Staatschef und seine Frau Peng Liyuan gemeinsam mit Ehefrau Ri Sol Ju persönlich am Flughafen. Nach einem 21-Schuss-Ehrensalut schritt Xi gemeinsam mit Kim die nordkoreanische Ehrenformation ab. Xi sprach bei seiner Ankunft von „neuen Entwicklungsmöglichkeiten“ zwischen China und Nordkorea; Kritik an „Hegemonismus und Machtpolitik“ war ebenso Teil seiner Ankunftsbotschaft. Konkrete Verhandlungsergebnisse des zweitägigen Staatsbesuchs werden im Laufe des Montags und Dienstags erwartet.

Update 8. Juni, 13:15 Uhr: Im Verlauf des Staatsbesuchs konkretisierte Xi die Stoßrichtung der Gespräche. China sei bereit, die Zusammenarbeit in Wirtschaft und Handel, Landwirtschaft, Gesundheit, Bauwesen sowie Wissenschaft und Technologie auszubauen. In einem Kommentar in der nordkoreanischen Staatszeitung, der noch vor Xis Ankunft erschien, sicherte Xi „unerschütterliche" Freundschaft zu und kündigte eine Vertiefung der Zusammenarbeit auch im militärischen Bereich an. Der Besuch findet im Rahmen des 65. Jahrestags des chinesisch-nordkoreanischen Freundschafts-, Kooperations- und Beistandsvertrags von 1961 statt, Chinas einzigem gegenseitigen Verteidigungsbündnis. Xi sprach davon, den Beziehungen „kraftvollen Schwung" zu geben. Konkrete Ergebnisse des zweitägigen Besuchs werden im Laufe des Dienstags erwartet.

Quellen (18)

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