Wildgeborene Biber in Großbritannien nach 400 Jahren
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Wildgeborene Biber in Großbritannien nach 400 Jahren

Im Sommer 2024 wurden in Großbritannien erstmals seit dem 16. Jahrhundert wieder Biberjunge wild geboren, gleichzeitig in vier Regionen. Für 2026 plant die britische Regierung die Freilassung von 100 weiteren Tieren.

9. Juni 2026, 17:14 Uhr 800 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Vier Biberreviere am River Otter in Devon halten zusammen mehr als 24 Millionen Liter Wasser zurück und reduzieren Hochwasserspitzen laut aktueller Forschung um durchschnittlich 30 Prozent. Diese Daten wurden in einem Land gemessen, das fast 400 Jahre lang keine Biber hatte. Im Sommer 2024 kehrten sie zurück: Gleichzeitig in vier Regionen Großbritanniens wurden wildgeborene Jungtiere dokumentiert, zum ersten Mal seit dem 16. Jahrhundert. 2026 plant die Regierung, rund 100 weitere Biber freizulassen.

Vier Jahrhunderte ohne Biber

Biber lebten in Großbritannien bis ins späte 16. Jahrhundert. Dann wurden sie systematisch gejagt: für ihr Fell, für Castoreum (ein Drüsensekret, das als Heilmittel gehandelt wurde) und weil Siedler die Feuchtgebiete trockenlegten, die Biber geschaffen hatten. Um 1600 galten sie auf der Insel als ausgestorben.

artenschutz

Die Grundlage für die europäische Wiederkehr legte eine kleine Restpopulation an der Elbe. Im 19. Jahrhundert überlebten rund 200 Eurasische Biber in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg als letzte verbliebene Tiere in Mitteleuropa. Von dort aus wurden ab den 1960er Jahren Wiederansiedlungsprogramme in Bayern und Brandenburg gestartet. Heute leben in Deutschland nach aktuellen Schätzungen über 40.000 Biber.

In Schottland begann die Rückkehr früher als in England. Ab 2009 lief am Knapdale Forest das erste offizielle Wiederansiedlungsprojekt Großbritanniens. Eine wild entstandene Population am River Tay, vermutlich aus entkommenen Gefangenschaftstieren, erhielt 2019 gesetzlichen Schutz. England folgte: Ab 2015 lief am River Otter in Devon ein Feldversuch unter Leitung des Devon Wildlife Trust, der 2020 in eine reguläre Lizenz mündete.

Von zwei Paaren zu 61 Tieren: Sechs Projekte gleichzeitig aktiv

Im Dezember 2023 setzte das Cairngorms National Park Authority die ersten Biber am oberen Spey aus. Seither führt das Parkmanagement monatliche Bestandserfassungen. Das Ergebnis: Aus den anfänglichen zwei Paaren sind bis Mai 2026 insgesamt 61 Tiere geworden. Allein 2025 wurden 18 Jungtiere aus acht verschiedenen Familien wild geboren, 2026 bisher eines.

Parallel dazu meldeten drei englische Projekte 2024 ebenfalls erstmals wildgeborene Biber: der National Trust aus dem Purbeck-Projekt in Dorset, der Shropshire Wildlife Trust und ein Stadtnaturschutzprojekt im Londoner Stadtbezirk Enfield. Dass in einem einzigen Jahr vier Regionen gleichzeitig Wildgeburten verzeichnen, gilt Naturschutzorganisationen als Zeichen, dass sich die Art in britischen Lebensräumen etabliert hat.

Natural England genehmigte im Februar 2026 zwei neue lizenzierte Freilassungsprojekte im Südwesten Englands. Neun weitere Gebiete wurden eingeladen, Anträge einzureichen, darunter Vorhaben in Devon, Cornwall, Dorset, Kent, auf der Insel Wight und in Cumbria. Für größere Flussläufe wie Humber, Severn und Themse laufen Machbarkeitsstudien.

wiederansiedlung

Was Biber im Ökosystem leisten: Feuchtgebiete, Hochwasserpuffer, Artenvielfalt

Der River Otter in Devon liefert die bisher systematischsten Daten. Zehn Jahre nach dem ersten Nachweis wildlebender Biber umfasst die Population rund 20 Familienterritorien. Der Devon Wildlife Trust hat die ökologischen Effekte in einer Langzeitstudie dokumentiert: Vier Biber-Territorien speichern zusammen mehr als 24 Millionen Liter Wasser. Bei Starkregen reduzierten die entstandenen Dammstrukturen den Abfluss laut Auswertung von Umweltbehördendaten im Schnitt um 30 Prozent.

In den neu entstandenen Feuchtgebieten am River Otter wurden Otter, Eisvögel, Kröten, Libellen und Wasserjungfern häufiger gezählt. Die Biber selbst fressen keine Fische, aber die Struktur ihrer Dämme schafft ruhige Flachwasserzonen, die als Laichgründe genutzt werden. Forellendichten stiegen in den besiedelten Abschnitten messbar.

Im Vergleich: Deutschland und der River Otter zeigen, was möglich ist

Deutschland ist das europäische Vorzeigeprojekt. Aus rund 200 Elbe-Überlebenden des 19. Jahrhunderts wurden nach sechzig Jahren Wiederansiedlung über 40.000 Biber. Die Population wächst weiter und hat sich inzwischen bis in den Westen Deutschlands ausgebreitet. Konflikte mit der Landwirtschaft sind bekannt: Biberdämme können Drainagesysteme beeinträchtigen und Felder überfluten. Trotz dieser Spannungen gilt Deutschland als Beweis, dass sich Biber und menschliche Landnutzung auf Dauer nebeneinander einrichten.

Der River Otter illustriert, was in einem überschaubaren Zeitraum möglich ist. Als 2014 ein wildlebendes Paar in Devon entdeckt wurde, war das der erste dokumentierte Fall wildlebender Biber in England seit Jahrhunderten. Zehn Jahre später umfasst die Population rund 20 Familienterritorien, mit messbaren Effekten auf Wasserhaushalt und Artenvielfalt in einem einzigen Flussgebiet.

Dämme und Äcker: Die offene Konfliktlinie

Natural England hat für das Expansionsprogramm 2026 das Beaver Considerations Assessment Toolkit (BCAT) eingeführt, ein Online-Werkzeug, das am 2. Februar 2026 online ging. Es zeigt für jedes potenzielle Habitat, wo Biber wahrscheinlich Dämme bauen würden und wie sich das auf Landwirtschaft, Drainagesysteme und Infrastruktur auswirken könnte. Projektträger sind zur Konfliktvermittlung mit Landnutzern verpflichtet.

Großbritannien startet mit besseren Planungsinstrumenten als Deutschland in den 1960er Jahren. Das erste Bewährungsfeld kündigt sich bereits an: Wenn Natural England die Machbarkeitsstudien für Humber, Severn und Themse abschließt und dort erste Lizenzen erteilt, werden Biber auf einige der dichtbesiedelten und intensiv bewirtschafteten Flussgebiete Europas treffen. Das Ergebnis dieser Aushandlung wird maßgeblich bestimmen, wie groß Großbritanniens Biberpopulation in zwanzig Jahren sein wird.

Quellen (10)

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