1860 München zwangsabgestiegen: Havelse vor Aue
Hasan Ismaik hat es wieder getan. Der jordanische Hauptinvestor ließ die DFB-Frist am 3. Juni um 17 Uhr verstreichen, ohne die fehlenden 2,7 Millionen Euro zu überweisen. Neun Jahre nach dem ersten Zwangsabstieg unter seiner Ägide ist der TSV 1860 München erneut in der Regionalliga Bayern gelandet. Den freien Drittliga-Platz beansprucht nach aktuellem Stand der TSV Havelse aus der Region Hannover, der seine Lizenzunterlagen fristgerecht eingereicht hat.
2,7 Millionen Euro und ein kryptischer Post
Hasan Ismaik ist seit Jahren das bestimmende Element bei 1860 München. Der jordanische Investor hält die Mehrheitsbeteiligung an dem Verein, der 1966 Deutscher Meister wurde. 2017 führte Ismaiks ausbleibende Finanzierung zur ersten Insolvenz unter seiner Ägide und dem ersten Abstieg in die Regionalliga Bayern. Damals kehrte 1860 unter schmerzhaften Bedingungen zurück. Nun, neun Jahre später, droht derselbe Weg von vorn.
Der DFB hatte für die Erteilung der Drittliga-Lizenz einen Liquiditätsnachweis gefordert. 2,7 Millionen Euro fehlten. Ismaik hatte signalisiert, das Geld zu stellen. Zum Stichtag am 3. Juni um 17 Uhr war es nicht da.
Seine Reaktion danach: ein Post in den sozialen Medien, den infranken.de als „kryptisch“ bezeichnete. Konkrete Erklärungen blieb Ismaik schuldig. Wie 1860 jetzt aus der Situation herausfinden will, ist offen. Laut Medienberichten ist auch die Regionalliga-Bayern-Lizenz noch nicht gesichert: Dort sollen noch rund eine Million Euro fehlen, um den Spielbetrieb auf der nächsttieferen Ebene gewährleisten zu können.
Havelse hat Vorrecht, Aue wartet
Wenn ein Verein seinen Drittliga-Platz verliert, gilt im DFB-Reglement ein klares Vorrangsystem. Der sportlich abgestiegene Vorletzte hat Vorrecht auf den frei gewordenen Platz, sofern er die Lizenzvoraussetzungen erfüllt. Dieser 17. Platz der abgelaufenen Saison gehört dem TSV Havelse aus der Region Hannover.
Havelse hat seine Lizenzunterlagen fristgerecht beim DFB eingereicht und hat laut Vereinsaussagen keine Absicht, auf den Platz zu verzichten. „Alle Unterlagen sind fristgerecht eingereicht. Ein freiwilliger Verzicht ist für uns kein Thema“, sagte ein Vereinsvertreter gegenüber Kicker. Die endgültige DFB-Lizenzentscheidung für Havelse steht noch aus. Ein diskutierter Knackpunkt ist die Stadionkapazität, die für die Dritte Liga bestimmte Mindestanforderungen erfüllen muss.
Erst wenn Havelse die Lizenz verweigert würde, käme Erzgebirge Aue ins Spiel. Die Sachsen, die als 18. sportlich in die Regionalliga abgestiegen wären, haben ihre Bereitschaft signalisiert. „Wir würden es machen“, sagte ein Aue-Vertreter gegenüber Kicker. Eine finale Entscheidung zugunsten von Aue ist bisher nicht gefallen. Für Aue und seine Fans ist die Situation eine merkwürdige Mischung aus Erleichterung und Fremdscham: Gerettet zu werden durch das Versagen eines anderen ist kein Erfolg, den man feiern kann.
Was der Fall über Investorenmodelle im deutschen Fußball sagt
1860 München ist kein Einzelfall, aber ein besonders gut dokumentiertes Beispiel dafür, wie Investorenkonstruktionen im deutschen Fußball scheitern können. Das DFB-Lizenzierungsverfahren ist eines der strengsten im europäischen Vereinsfußball. Es soll genau das verhindern, was bei 1860 eingetreten ist: dass ein Verein in finanzielle Abhängigkeit von einem einzigen Investor gerät, der kurzfristig nicht liefert.
Das Paradox im Fall Ismaik: Er hält die Mehrheit und hat damit am meisten zu verlieren, wenn der Club scheitert. Trotzdem fehlen am entscheidenden Moment 2,7 Millionen Euro. Ob das Liquiditätsprobleme, strategisches Kalkül oder Desorganisation ist, lässt sich von außen nicht beurteilen. Das Ergebnis ist dasselbe.
Ähnliche Strukturprobleme hatten auch andere Vereine. Hertha BSC hatte eine direkte Beteiligungsabhängigkeit von 777 Partners, die in die Insolvenz ging und den Verein in eine komplizierte Lage brachte. Bei 1860 und Hertha zeigt sich dieselbe Grundstruktur: Ein Verein gibt die finanzielle Kontrolle an einen Investor ab, der nicht dauerhaft liefert.
Der DFB hat nach früheren Krisen die Anforderungen an Liquiditätsnachweise verschärft. Der Fall 1860 zeigt, dass auch verschärfte Anforderungen keinen vollständigen Schutz bieten, wenn ein Investor Zahlungsverpflichtungen zwar unterschreibt, sie aber nicht fristgerecht erfüllt. Die Lizenzierungsregeln können Risiken begrenzen, aber nicht eliminieren.
DFB-Entscheidung über Havelse-Lizenz in dieser Woche
Der DFB muss nun in rascher Folge entscheiden. Zuerst: Bekommt Havelse die Drittliga-Lizenz? Eine Versagung der Lizenz wäre nötig, damit Erzgebirge Aue den Platz überhaupt erhalten kann. Dann: Bekommt 1860 München die Regionalliga-Bayern-Lizenz oder ist auch das nächste Level gefährdet?
Für 1860 selbst ist die Situation unabhängig vom Ausgang existenziell. Ein weiterer Abstieg durch ausbleibende Finanzierung wäre nicht nur ein sportlicher Rückschlag, sondern eine strukturelle Frage: Wie lange kann ein Verein in einem Abhängigkeitsverhältnis überleben, in dem der zentrale Geldgeber immer wieder an kritischen Momenten nicht liefert? Diese Frage stellen sich die Fans seit 2017. Eine klare Antwort gibt es noch nicht.
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