EU einigt sich: Medikamente wieder aus Europa
Wer in den vergangenen Jahren in einer deutschen Apotheke stand und auf ein verschriebenes Antibiotikum verzichten musste, kennt die praktische Konsequenz: Rund 80 bis 90 Prozent der Wirkstoffe für systemrelevante Medikamente werden in Indien und China produziert. Am 12. Mai einigten sich der EU-Rat und das Europäische Parlament auf den Critical Medicines Act, ein Gesetz, das diese Abhängigkeit schrittweise abbauen soll. Die entscheidende Frage ist, ob 80 Millionen Euro Budget für eines der ambitioniertesten Reshoringprojekte der europäischen Industriegeschichte reicht.
Wie die Abhängigkeit entstanden ist
Antibiotika, Schmerzmittel, Kinderfiebersäfte, Insulinpräparate: Apotheker in Deutschland meldeten in den vergangenen Jahren regelmäßig Versorgungslücken bei genau diesen Basismedikamenten. Hinter dem Problem steckt eine industrielle Entscheidung, die über Jahrzehnte getroffen wurde. Europäische Pharmakonzerne haben die Produktion günstiger Generika sukzessive nach Asien verlagert. Die Kosteneinsparungen waren erheblich, die Abhängigkeit auch.
Der Irankrieg und die Hormuskrise seit Februar 2026 haben die Vulnerabilität in einen neuen Kontext gestellt. Der Seeweg von Asien nach Europa führt durch die Straße von Hormus und den Suezkanal. Wenn beides unter Druck gerät, werden Lieferketten für Medikamente zu einem Sicherheitsproblem, nicht nur für Patienten, sondern für staatliche Krisenplanung. Die Einigung auf den Critical Medicines Act kommt in diesem geopolitischen Moment nicht zufällig.
Was der Critical Medicines Act konkret vorsieht
Das Gesetz setzt auf vier Instrumente. Bei öffentlichen Beschaffungen sollen EU-produzierte Medikamente bevorzugt werden, sofern die Preisdifferenz vertretbar ist. Die EU finanziert strategische Projekte, also Industrieanlagen in Europa, die systemrelevante Wirkstoffe herstellen. Die Schwelle für gemeinsame Beschaffungen durch Mitgliedsstaaten sinkt von neun auf fünf Länder, was Sammelbestellungen erleichtert und die Verhandlungsmacht gegenüber Herstellern erhöht. Hinzu kommen Pflichtlager für kritische Medikamente, die Engpässe bei Lieferausfällen überbrücken sollen.
Neu in den Anwendungsbereich aufgenommen wurden sogenannte Orphan Medicines, also Medikamente für seltene Erkrankungen, deren europäische Produktionsbasis besonders fragil ist. Hersteller produzieren kleine Mengen für kleine Patientengruppen; bei Lieferausfällen gibt es häufig keine Alternative.
80 Millionen Euro gegen ein strukturelles Problem
Für 2026 und 2027 stehen im EU-Budget rund 80 Millionen Euro für den Critical Medicines Act bereit. Zum Vergleich: Der EU-Binnenmarkt für Arzneimittel hat ein jährliches Volumen von über 200 Milliarden Euro. Der europäische Verband der Pharmaunternehmen EFPIA weist darauf hin, dass allein die Renovierung und Erweiterung bestehender europäischer Produktionsanlagen für einen substanziellen Kapazitätsaufbau Investitionen in Milliardenhöhe erfordern würde. Die 80 Millionen sind Anstoßfinanzierung, kein Umbaubudget.
Medicines for Europe, der europäische Verband der Generikahersteller, benennt ein grundsätzliches Problem: Europäische Produktion ist teurer als asiatische Konkurrenz. Wer in Europa produziert, braucht entweder dauerhaft staatliche Unterstützung oder nimmt höhere Preise für Krankenkassen und Patienten in Kauf. BEUC, die europäische Verbraucherorganisation, hat darauf hingewiesen, dass Reshoringstrategien sorgfältig kalkuliert werden müssen, damit höhere Produktionskosten nicht direkt zu höheren Medikamentenpreisen führen. Ein Gesetz, das die Versorgungssicherheit verbessert, aber Medikamente für Teile der Bevölkerung teurer macht, würde ein Problem gegen ein anderes tauschen.
Budgetentscheidung im Herbst 2026 bestimmt den Realitätscheck
Der Critical Medicines Act tritt 2026 schrittweise in Kraft. Die ersten Antragsrunden für strategische Projekte sollen im Sommer 2026 beginnen. Bis neue Produktionsanlagen tatsächlich liefern, vergehen nach Branchenschätzungen drei bis fünf Jahre. Was heute beschlossen wird, könnte frühestens 2029 oder 2030 messbare Wirkung auf die Versorgungssicherheit haben.
Der entscheidende Prüfstein für die Ernsthaftigkeit der Initiative sind die EU-Budgetverhandlungen im Herbst 2026. Die 80 Millionen Euro für 2026/27 sind Anschubfinanzierung. Ob das Programm ab 2028 deutlich wächst, hängt davon ab, ob die Kommission im nächsten mehrjährigen Finanzrahmen substanziell mehr Mittel einstellt. Erst dann wird erkennbar sein, ob der Critical Medicines Act ein struktureller Wandel ist oder eine Willenserklärung mit zu kleinem Budget.
Aktualisierungen
Update 13. Mai, 09:04 Uhr: Die deutschen Pharmaunternehmen bewerten die Einigung als Fortschritt, aber mit deutlichem Vorbehalt. Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), nennt den Critical Medicines Act „einen Schritt in die richtige Richtung, aber nur einen kleinen.“ Der entscheidende Systemfehler bleibe ungelöst: „Wir müssen wegkommen vom Prinzip des billigsten Preises“, das europäische Produktionskapazitäten über Jahrzehnte ausgehöhlt habe. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) begrüßte die politische Einigung als wichtigen Schritt zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der EU-Versorgung mit kritischen Arzneimitteln.
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