Gasspeicher auf historischem Tief: Winterziel wackelt
Wirtschaft

Gasspeicher auf historischem Tief: Winterziel wackelt

Deutsche Gasspeicher starten mit 27,59 Prozent so leer in die Sommerauffüllung wie seit der Energiekrise 2022 nicht mehr. Das gesetzliche 80-Prozent-Ziel für den 1. November gilt Branchenexperten als unrealistisch und im Hintergrund arbeitet die Hormus-Krise an der globalen LNG-Kette.

12. Mai 2026, 6:39 Uhr 789 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Im März 2026 trafen iranische Raketen den Verflüssigungskomplex Ras Laffan in Katar. Qatar Energy stellte die Produktion vorübergehend ein. 17 Prozent der globalen LNG-Exportkapazität fielen weg. Nun zeigt sich, wie weit sich die Folgen eines Raketeneinschlags auf Ras Laffan bis in eine deutsche Erdkaverne ziehen können: Die Gasspeicher stehen Mitte Mai bei 27,59 Prozent, dem niedrigsten Stand für diese Jahreszeit seit vier Jahren. Das gesetzliche Ziel, bis zum 1. November 80 Prozent zu erreichen, halten Branchenexperten bereits für unrealistisch.

Von 80 auf 27 Prozent in einer Heizsaison

Der Oktober 2025 gab wenig Anlass zur Sorge. Die deutschen Gasspeicher starteten mit knapp über 80 Prozent in die Heizsaison, gerade so über dem gesetzlichen Mindestniveau nach dem Energiewirtschaftsgesetz. Dann kam der Januar 2026: Der Monat war ungewöhnlich kalt, das Speichervolumen nahm schneller ab als in normalen Jahren. Am 9. Februar erreichten die deutschen Speicher ihren Tiefststand: 27 Prozent. Seitdem hat sich der Stand kaum erholt. Am 10. Mai lagen sie bei 27,59 Prozent, was 68,4 Terawattstunden entspricht.

Für diese Jahreszeit ist der Stand historisch niedrig: Selbst in den von der Gasmangel-Debatte geprägten Jahren 2023 und 2024 lagen die Speicher im Mai deutlich über 50 Prozent. Gleichzeitig ist der Gaspreis am niederländischen Handelspunkt TTF auf 44 bis 46 Euro pro Megawattstunde gestiegen, knapp 28 Prozent über dem Vorjahresniveau. Die Kombination aus niedrigem Speicherstand und hohem Einkaufspreis macht die Sommerauffüllung teuer und schwierig zugleich.

Ras Laffan und die globale LNG-Kette

Der Rückstand bei den Speichern hat eine direkte geopolitische Ursache. Als iranische Raketen im März 2026 Teile des Verflüssigungskomplexes Ras Laffan in Katar trafen, unterbrach Qatar Energy die Produktion. Ras Laffan ist das größte LNG-Exportterminal der Welt. Laut einem Bloomberg-Bericht vom 18. März 2026 wurden durch den Angriff rund 17 Prozent der globalen LNG-Exportkapazität unterbrochen.

Für Deutschland ist das indirekt, aber spürbar relevant. Das Land bezieht kein Gas direkt aus dem Iran, aber gut ein Viertel aller weltweiten LNG-Exporte laufen durch die Straße von Hormus. Wenn auch nur ein Teil dieser Kapazität wegfällt, steigen die Preise auf dem globalen Spotmarkt und das verfügbare Volumen für Europa sinkt. Die EU hatte nach 2022 auf LNG als zentralen Ersatz für russisches Pipelinegas gesetzt. Diese Diversifizierungsstrategie gerät nun unter Druck: Das LNG-Angebot, auf das Europa zählt, bezieht sich zu einem erheblichen Teil auf eine Region, in der gerade Krieg geführt wird.

Frühwarnstufe seit fast einem Jahr, Einlagerungsprämie abgeschafft

Die Bundesnetzagentur führt Deutschland seit dem 1. Juli 2025 auf der Frühwarnstufe nach der EU-Gasmangellage-Verordnung. Das entspricht der ersten von drei Krisenstufen und bedeutet, dass strukturelle Risiken erkannt wurden, aber noch keine akute Mangellage vorliegt. In ihrem aktuellen Monitoring betont die Behörde, die Versorgung sei stabil und eine Notfalllage unwahrscheinlich.

Gleichzeitig warnen europäische Gasspeicherbetreiber, zusammengeschlossen im Branchenverband GIE (Gas Infrastructure Europe), vor den Risiken für die kommende Heizperiode. Ihr Szenario: Wenn der Winter 2026/27 ähnlich kalt wird wie der Winter 2010, der die Speicher seinerzeit besonders schnell abbaute und wenn die Einlagerung bis Oktober nicht deutlich besser verläuft, droht Deutschland ab Februar 2027 in kritische Bereiche zu rutschen.

Verschärfend wirkt eine politische Entscheidung vom Jahresanfang. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche schaffte die Gasspeicherumlage zum 1. Januar 2026 ab. Die Umlage hatte Speicherbetreibern einen Zuschuss gezahlt, der die Kosten der Einlagerung abfederte und damit wirtschaftliche Anreize für frühzeitige Einlagerung setzte. Die Abschaffung entlastet Verbraucher und Unternehmen um rund drei Milliarden Euro jährlich, entfernt aber zugleich einen der wenigen Mechanismen, die Einlagerung auch bei ungünstigen Marktbedingungen attraktiv machten. Energieverbände und Klimaorganisationen wie die Deutsche Umwelthilfe hatten auf genau diesen Zielkonflikt hingewiesen: Ohne finanziellen Anreiz entscheidet allein der Marktpreis darüber, wie schnell die Speicher im Sommer aufgefüllt werden.

Das 80-Prozent-Ziel und was realistisch ist

Das Energiewirtschaftsgesetz schreibt vor: 80 Prozent Speicherfüllstand bis zum 1. November. Um von aktuell 27,59 Prozent auf dieses Ziel zu kommen, müssten die deutschen Speicher bis Ende Oktober rund 125 Terawattstunden einlagern. Das entspricht einer Einlagerungsrate, die gemessen am aktuellen Marktgeschehen und dem hohen TTF-Preis deutlich über dem Tempo der vergangenen Monate läge.

Branchenanalysten halten 45 bis 55 Prozent Füllstand bis November für ein realistischeres Ergebnis. Das würde bei einem normalen Winter ausreichen. Bei einem kalten Winter, wie ihn der Klimadienst des Deutschen Wetterdienstes für den Bereich der Möglichkeiten hält, würde ein Speicherstand von 50 Prozent im November die Reserven bis Februar 2027 unter die kritische 20-Prozent-Marke sinken lassen. Dann wäre der Übergang zur zweiten Krisenstufe (Alarm) nach EU-Verordnung verpflichtend.

Entscheidend wird der Sommer werden. Wenn der Spotpreis für Gas hoch bleibt und die Winterterminpreise wenig Marge lassen, haben Gashandelsunternehmen geringen wirtschaftlichen Anreiz, schon jetzt einzulagern. Genau dieses Marktversagen war einer der Gründe, warum die Gasspeicherumlage überhaupt eingeführt worden war. Ob ihr Wegfall ein Fehler war, wird der Herbst zeigen.

Quellen (7)

Kommentare