Nowak-Bodycam erschüttert Großbritannien
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Nowak-Bodycam erschüttert Großbritannien

Polizisten legten dem sterbenden Studenten Henry Nowak Handschellen an, während sein Mörder Vickrum Digwa ihnen erzählte, er sei das Opfer rassistischer Gewalt. Die Bodycam-Aufnahmen aus Southampton erschütterten Großbritannien und entfachten eine Debatte über Polizeiausbildung, die von der Rechten politisch vereinnahmt wird.

4. Juni 2026, 18:38 Uhr 786 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Der Polizeibeamte hörte Henry Nowak sagen, er sei gestochen worden. „Das glaube ich nicht, Kumpel”, antwortete er und legte dem 18-Jährigen Handschellen an. Nowak trug fünf Messerstiche und starb. Die Bodycam-Aufnahmen dieser Dezembernacht in Southampton wurden nach dem Schuldspruch gegen Nowaks Mörder Vickrum Digwa veröffentlicht. Seitdem diskutiert Großbritannien nicht nur über einen Polizeifehler, sondern eine grundlegendere Frage: Wessen Erfahrung mit Rassismus zählt vor dem Gesetz?

Southampton, 3. Dezember 2025: Was die Bodycam zeigt

Henry Nowak, 18 Jahre, Student, läuft an diesem Abend durch den Stadtteil Portswood in Southampton. Vickrum Digwa, 23, greift ihn an und sticht fünf Mal zu, das Messer ist ein religiöses Zeremonialmesser aus dem Sikh-Glauben. Als Polizeibeamte der Hampshire and Isle of Wight Constabulary eintreffen, erklärt Digwa sofort: Er sei das Opfer eines rassistischen Übergriffs durch Nowak. Die Beamten folgen einer Dienstanweisung, die darauf abzielt, Minderheiten bei rassistischen Anzeigen besonderen Schutz zu bieten. Sie behandeln Digwa als Opfer, legen Nowak Handschellen an und versorgen seine Wunden nicht.

Auf der Bodycam ist zu hören, wie Nowak mehrfach sagt, er sei gestochen worden und bekomme keine Luft mehr. Ein Beamter antwortet: „Du wirst gestochen? Wo? Das glaube ich nicht, Kumpel.” Nowak stirbt kurze Zeit später. Am 28. Mai 2026 befand eine Jury Digwa des Mordes für schuldig, am 1. Juni 2026 wurde er verurteilt. Erst nach dem Schuldspruch veröffentlichte die Hampshire Police das Bodycam-Material.

Untersuchung, Rücktritt, offene Fragen

Der Independent Office for Police Conduct, kurz IOPC, hat eine formelle Untersuchung des Polizeieinsatzes eingeleitet. Einer der beteiligten Beamten ist zurückgetreten, bevor die Untersuchung abgeschlossen war. Ein internes „Critical Incident Review” der Hampshire Police kam zu dem Schluss, es lägen keine Beweise für Polizeiversagen vor. Diese Einschätzung bestreiten die Familie Nowak und die IOPC ausdrücklich.

Nowaks Eltern fordern Transparenz und Konsequenzen für die beteiligten Beamten. Sie baten Politiker ausdrücklich, Henrys Tod nicht für politische Zwecke zu nutzen. Dieser Appell verhallte. US-Milliardär Elon Musk nannte die beteiligten Beamten auf seiner Plattform X „widerlich” und bot an, eine Privatklage gegen sie zu finanzieren. Britisches Recht kennt private Strafverfolgungen nur in sehr engen Ausnahmefällen.

Der Fall reiht sich in eine Serie britischer Polizeiaffären ein. Das IOPC untersucht gleichzeitig den Umgang der Londoner Metropolitan Police mit dem Kaba-Verfahren: Chris Kaba wurde 2022 von einem Polizisten erschossen, ein Strafverfahren gegen den Beamten wurde unter ungeklärten Umständen gestoppt. Für Minderheitenverbände sind beide Fälle Belege für strukturelle Probleme. Für Teile der Rechten ist der Nowak-Fall das Gegenteil: Beleg für einen institutionellen Bias gegen weiße Briten.

Zwischen Polizeireform und politischer Instrumentalisierung

Nigel Farage, Chef der rechtspopulistischen Reform UK, sprach von „anti-weißem Vorurteil” in der britischen Polizei und forderte die Bevölkerung zu „kalter Wut” auf. Er bezeichnete den Fall als britisches „George Floyd”-Moment mit umgekehrten Vorzeichen: Dieselbe gesellschaftliche Empörung habe nicht stattgefunden, weil das Opfer weiß sei. Farage vertritt die These einer „zweistufigen Polizeiarbeit” (two-tier policing), in der unterschiedliche Bevölkerungsgruppen unterschiedlich behandelt würden.

Bei Protesten in Southampton am 2. und 3. Juni sprach Tommy Robinson, bürgerlicher Name Stephen Yaxley-Lennon, vor einer Menschenmenge. Elf Polizeibeamte und ein Polizeihund wurden verletzt. Zwei Personen wurden wegen Angriffen auf Beamte und Waffenbesitzes angeklagt.

Premierminister Keir Starmer sagte, er habe beim Anschauen der Aufnahmen Übelkeit empfunden. Er forderte eine vollständige und unabhängige Untersuchung, warf Farage aber zugleich vor, die Tragödie politisch auszuschlachten. „Die Familie Nowak hat Politiker gebeten, Henrys Tod nicht für Spaltung zu nutzen. Nigel Farage macht genau das”, sagte Starmer laut ITV News. Farage bestritt das und bestand darauf, legitime Fragen zur Polizeiausbildung zu stellen.

Hintergrund der Debatte ist eine reale Spannung in der britischen Polizeiausbildung. Nach dem MacPherson-Report von 1999, der den Mord an Stephen Lawrence 1993 untersuchte, wurden Polizeirichtlinien überarbeitet, um strukturelle Diskriminierung bei der Behandlung rassistischer Vorfälle zu verringern. Kritiker im konservativen Lager behaupten seit Jahren, diese Reformen würden bestimmte Gruppen auf Kosten anderer schützen. Der Nowak-Fall liefert ein konkretes Beispiel. Ob der Beamte die Richtlinie falsch angewendet hat, ob sie falsch formuliert ist oder ob es ein Einzelversagen war, ist genau das, was die IOPC klären muss.

Was die IOPC bis Herbst klären muss

Die IOPC-Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Sie prüft, ob die Beamten die Richtlinien korrekt angewendet haben und ob die Richtlinien selbst überarbeitet werden müssen. Die Nowak-Familie hat das Innenministerium aufgefordert sicherzustellen, dass die IOPC die nötigen Ressourcen und die Unabhängigkeit hat, um ihre Arbeit vollständig abzuschließen. Im Parlament werden Debatten über mögliche Reformen erwartet.

Die mündliche Verhandlung gegen die beiden Angeklagten aus den Protesten ist für den Sommer angesetzt. Wie viele der beteiligten Beamten disziplinarische Konsequenzen tragen werden, ist offen. Einer ist zurückgetreten. Ob die Hampshire Police weitere interne Maßnahmen eingeleitet hat, hat die Behörde nicht mitgeteilt.

Quellen (10)

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