Kiew direkt getroffen: UN-Sondersitzung beantragt
Am Morgen danach stand Selenskyj vor dem Tschernobyl-Museum und schrieb auf Telegram: „Sie sind wirklich verrückt.“ Der Militärgouverneur von Kiew hatte bereits mitgeteilt, das Museum sei nicht versehentlich getroffen worden, sondern bewusst anvisiert. Es war die zweite Nacht in Folge mit massiven russischen Angriffen, diesmal auf das Stadtzentrum der ukrainischen Hauptstadt. 87 Menschen wurden verletzt. Die Ukraine beantragte eine Notstandssitzung des UN-Sicherheitsrats.
Zweiter Großangriff innerhalb von 24 Stunden
Die erste Nacht, die des 23. auf den 24. Mai, hatte Russland gegen Bila Tserkva gerichtet, eine Industriestadt 80 Kilometer südlich von Kiew. Dort kam zum dritten Mal die Hyperschallrakete Oreschnik zum Einsatz, vier Menschen starben. In der darauf folgenden Nacht auf Pfingstmontag änderte sich die Zielwahl: Diesmal war Kiew selbst das Ziel.
Bürgermeister Vitali Klitschko meldete Schäden aus jedem Stadtbezirk der ukrainischen Hauptstadt. "Für Kiew war es eine schreckliche Nacht", schrieb er. Rund 300 Objekte wurden beschädigt, nach Angaben Präsident Selenskyjs die Mehrheit davon Wohngebäude. Die Fassade eines fünfstöckigen Wohnhauses brach ein. 87 Menschen wurden allein in Kiew verletzt, darunter drei Kinder; 21 mussten ins Krankenhaus. Landesweit wurden nach Angaben Selenskyjs rund 100 Menschen verletzt, mindestens vier starben.
Der Angriff folgte unmittelbar auf ein diplomatisches Signal: Selenskyj hatte am Vortag erklärt, auf ein Signal der USA zu warten, das direkte Friedensgespräche ermöglichen würde. Auf den diplomatischen Schritt folgte in der Nacht der Angriff auf die Hauptstadt.
Das Tschernobyl-Museum und der Maidan
Zu den beschädigten Gebäuden gehören das Tschernobyl-Nationalmuseum im Kiewer Stadtzentrum, das Außenministerium, ein Kunstmuseum sowie eine Metrostation. Am Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan, wurden ebenfalls Schäden dokumentiert. Der Militärgouverneur von Kiew, Tymur Tkatschenko, erklärte, das Tschernobyl-Museum sei kein Kollateralschaden gewesen, es sei "bewusst anvisiert" worden.
Das Tschernobyl-Museum dokumentiert die Geschichte des Reaktorunfalls von 1986 und gilt als zentrale Erinnerungsstätte für eines der schwersten zivilen Nuklearereignisse der Geschichte. Dass Russland gezielt ein Museum trifft, das die Konsequenzen nuklearer Katastrophen dokumentiert, gehört zur russischen Strategie symbolischer Angriffe: Kulturerbe als Nachricht an die eigene Bevölkerung und an westliche Beobachter.
Selenskyj besuchte am Morgen mehrere Schadensstellen in der Stadt und schrieb auf Telegram: "Sie sind wirklich verrückt." Außenminister Andrij Sybiha erklärte, Russland "kompensiere fehlende Fortschritte am Schlachtfeld" mit "barbarischen Raketenangriffen" auf Zivilisten. Bundesaußenminister Johann Wadephul bezeichnete die Angriffe als "Raketenterror" und kündigte an, die bei der letzten NATO-Außenministerkonferenz vereinbarten Maßnahmen rasch voranzutreiben.
Warum die Ukraine dennoch den UN-Sicherheitsrat einberuft
Sybiha beantragte eine Notstandssitzung des UN-Sicherheitsrats. Das Instrument ist bekannt und in seiner Wirkung begrenzt: Seit Februar 2022 hat das Gremium mehr als 50-mal zu Ukraine getagt. Jede Abstimmung über eine substanzielle Resolution endete mit einem russischen Veto. Am 25. Februar 2022, dem ersten Tag nach dem Einmarsch, blockierte Russland die erste Verurteilungsresolution. Selenskyj hatte das Grundproblem selbst auf den Punkt gebracht: "Das Vetorecht in den Händen des Angreifers hat die UN an einen toten Punkt geführt."
Trotzdem ist die Forderung kein reiner Symbolakt. Notstandssitzungen schaffen öffentliche Dokumentation unter internationalem Recht: Angriffe werden protokolliert, Aussagen der Mitgliedstaaten aufgezeichnet. Das stärkt die Grundlage für spätere Strafverfolgung vor dem Internationalen Strafgerichtshof. Jede Sitzung macht zudem sichtbar, welche Staaten sich solidarisieren und welche abstimmen wie Russland oder sich enthalten. Diese diplomatische Kartografie ist für die Ukraine relevant, wenn es um künftige Sanktionspakete oder Waffenlieferungen geht.
Riffreporter hat die Mechanik der Notstandssitzungen ausgewertet: Selbst ohne bindende Resolutionen haben die Sitzungen wiederholt Bewegung in der Frage der Waffenlieferungen ausgelöst, indem sie innenpolitischen Druck in westlichen Hauptstädten erhöhten.
EU-Außenminister tagen Anfang Juni: Arrow-3 auf der Agenda
Die EU-Außenminister sollen in der ersten Juniwoche über Gegenmaßnahmen beraten. Im Mittelpunkt steht erneut die Frage, ob westliche Länder Luftabwehrsysteme liefern, die speziell gegen Hyperschallraketen ausgelegt sind. Israel und die USA besitzen Arrow-3-Kapazitäten, doch die Lieferung scheiterte bisher an politischen Hürden. Seit dem Lwiw-Angriff im Januar 2026 wurde kein Arrow-3-System an die Ukraine übergeben.
Das Muster der beiden Pfingstangriffe wiederholt eine Beobachtung, die westliche Militäranalysten seit den ersten Oreschnik-Einsätzen beschäftigt: Russland greift besonders intensiv an, wenn diplomatische Bewegung erkennbar ist. Die erste Oreschnik flog im November 2024, während europäische Regierungen intensive Gespräche über eine mögliche Waffenstillstandslinie führten. Der Angriff in der Nacht auf Pfingstmontag folgte auf Selenskyjs ausdrückliches Signal, Gespräche zu wollen. Ob das strategisches Kalkül ist, um Verhandlungsbereitschaft zu bestrafen oder schlicht fehlgeleitete Reaktion auf militärischen Druck, bleibt offen. Beide Erklärungen führen zum gleichen Ergebnis: Der Kiewer Stadtbezirk Schewtschenke, wo das Tschernobyl-Museum steht, hat in zwei Nächten mehr Einschläge erlebt als in den zwölf Monaten davor.
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