Drei Tote durch Hantavirus: WHO warnt vor Übertragung
Gesellschaft

Drei Tote durch Hantavirus: WHO warnt vor Übertragung

Drei Passagiere der MV Hondius starben an Hantavirus, sieben Fälle wurden bisher gemeldet. Die WHO bestätigt, was Virologen als seltene Ausnahme kennen: Das Andes-Virus aus Argentinien könnte sich zwischen Menschen übertragen haben. 150 Personen sind vor Kap Verde gestrandet.

5. Mai 2026, 20:40 Uhr 1165 Wörter · 6 Min. Lesezeit

Drei Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs sind binnen weniger Wochen an Hantavirus gestorben. Nun bestätigt die Weltgesundheitsorganisation, was bei diesem Virus seit Jahrzehnten als medizinische Ausnahme gilt: Das Virus scheint sich nicht nur über Nagetierkontakt, sondern auch von Mensch zu Mensch übertragen zu haben. Die rund 150 Passagiere und Besatzungsmitglieder der MV Hondius sind vor der Küste von Kap Verde gestrandet, weil die dortigen Behörden das Anlegen verweigern.

Ein Virus der eigentlich nicht auf Schiffen vorkommt

Hantaviren infizieren Menschen normalerweise ausschließlich über direkten Kontakt mit infiziertem Nagetierkot, Urin oder Speichel. Sie sind streng an ihre jeweiligen Wirtsnagetiere gebunden: In den USA sind es Hirschmäuse, in Argentinien und Chile bestimmte Wühlmausarten der Familie Sigmodontinae. Auf einem Hochseeschiff, weit entfernt von diesen Lebensräumen, ist eine Neuinfektion über Nagetiere eigentlich nicht möglich.

Es gibt genau eine Ausnahme: das Andes-Virus. Es ist der einzige bekannte Hantavirus-Typ, bei dem Übertragung von Mensch zu Mensch wissenschaftlich dokumentiert ist. Diese Übertragung gilt als selten und tritt in der Regel nur bei sehr engem körperlichem Kontakt auf, wie innerhalb von Paaren. Das Andes-Virus ist fast ausschließlich in Argentinien und Chile verbreitet.

Maria Van Kerkhove, WHO-Direktorin für Epidemievorsorge, erklärte am Dienstag: "Manche Fälle hatten sehr engen Kontakt miteinander und eine Übertragung von Mensch zu Mensch kann nicht ausgeschlossen werden. Als Vorsichtsmaßnahme gehen wir davon aus, dass sie stattgefunden hat." Das ist die erste amtliche Bestätigung dieser Übertragungsform für diesen Ausbruch.

Wie das Virus an Bord kam

Die MV Hondius ist ein Expeditionskreuzfahrtschiff des niederländischen Veranstalters Oceanwide Expeditions. Das Schiff startete in Ushuaia im argentinischen Patagonien, besuchte die Antarktis, kehrte kurz nach Ushuaia zurück und brach am 1. April 2026 zu einer Atlantiküberquerung auf. Patagonien liegt im Kernverbreitungsgebiet des Andes-Virus.

Die ersten beiden Erkrankten hatten laut WHO vor dem Einsteigen Argentinien bereist und damit potenziell Kontakt mit infizierten Nagetieren gehabt. Zwischen dem 6. und dem 28. April erkrankten insgesamt sieben Personen an Bord. Die Symptome verliefen schwer: Fieber und Magenbeschwerden, dann schnelles Fortschreiten zu Lungenentzündung, akutem Atemnotsyndrom und Schock.

Drei Passagiere starben: ein niederländisches Ehepaar und eine deutsche Staatsbürgerin. Ein britischer Patient liegt auf einer Intensivstation in Südafrika, sein Zustand verbessert sich laut WHO. Drei weitere Betroffene zeigen milde Symptome. Von den sieben Fällen sind zwei laboratorisch bestätigt, fünf gelten als Verdachtsfälle.

150 Menschen und bis zu acht Wochen Unsicherheit

Die Behörden von Kap Verde verweigerten der MV Hondius aus nationalen Sicherheitsgründen das Anlegen im Hafen von Praia. Das Schiff liegt vor Anker und wartet. An Bord befinden sich rund 150 Menschen, darunter Staatsangehörige aus den USA, Kanada und mehreren europäischen Ländern.

Das zentrale Problem: Die Inkubationszeit des Andes-Virus beträgt ein bis acht Wochen. Passagiere, die sich Anfang April an Bord infizierten, können Symptome noch bis Mitte Mai entwickeln. Das betrifft auch Menschen, die sich derzeit vollständig gesund fühlen. Wer mit einem Erkrankten essen war, eine Kabine teilte oder engen Kontakt hatte, gilt als potenzielle Kontaktperson.

WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus forderte eine schnelle koordinierte Reaktion. Europadirektor Hans Henri Kluge dämpfte Panik: Das Risiko für die allgemeine Öffentlichkeit sei gering, Reisebeschränkungen seien nicht nötig. Die WHO koordiniert individuelle Evakuierungen für Erkrankte und arbeitet mit nationalen Behörden zusammen.

Was der Labortest entscheidet

Der entscheidende nächste Schritt ist die Sequenzierung des Virus. Bisher sind zwei Fälle als Hantavirus laboratorisch bestätigt, beim genauen Typ gibt es noch keine abschließende Gewissheit. Proben werden laut WHO derzeit analysiert.

Das Ergebnis bestimmt die Quarantänemaßnahmen für alle Kontaktpersonen. Wird das Andes-Virus bestätigt, müssen alle engen Kontakte bis zu acht Wochen überwacht werden. Das betrifft im Grunde die gesamte Schiffsbesatzung und alle Passagiere, die mit Erkrankten Kontakt hatten.

Kommt ein anderer Hantavirus-Typ heraus, ist eine Übertragung von Mensch zu Mensch biologisch unwahrscheinlich. Dann stellt sich eine andere Frage: Wie haben sich sieben Menschen infiziert, wenn nicht alle direkten Kontakt mit argentinischen Nagetieren hatten? Die Antwort darauf würde erklären, ob das Schiff selbst irgendwo Nagern ausgesetzt war.

Der Ausbruch auf der MV Hondius ist der erste bekannte Fall weltweit, bei dem ein solches Hantaviruscluster auf einem Kreuzfahrtschiff aufgetreten ist. Kreuzfahrten verbinden Kontinente und führen Reisende in Regionen mit Krankheitserregern, die in ihrer Heimat nicht vorkommen. Die lange Inkubationszeit des Andes-Virus macht eine Erkennung schwierig: Wer sich in Patagonien infiziert, kann Wochen später noch auf einem anderen Kontinent Symptome entwickeln.

Update 6. Mai, 13:00 Uhr: Die Zahl der Fälle an Bord ist auf acht gestiegen, davon drei laboratorisch bestätigt und fünf als Verdachtsfälle eingestuft. Drei erkrankte Passagiere wurden inzwischen vom Schiff evakuiert. Die MV Hondius verlässt ihre Ankerposition vor Kap Verde und steuert die Kanarischen Inseln an, wo sie in drei bis vier Tagen erwartet wird. Spanien, das den Anlauf zuvor verweigert hatte, akzeptierte nun das Anlegen. An Bord gelten strikte Quarantäneregeln: Passagiere sind auf ihre Kabinen beschränkt, Mahlzeiten werden ins Zimmer gebracht, Gemeinschaftsbereiche sind geschlossen, Deckausgang nur einzeln gestattet.

Update 6. Mai, 21:05 Uhr: Argentinische Ermittler bestätigten als führende Hypothese, dass ein niederländisches Ehepaar sich beim Besuch einer Mülldeponie während einer Vogelbeobachtungstour in Ushuaia mit dem Andes-Virus angesteckt hat, bevor sie das Schiff betraten. Die übrigen Erstinfizierten hatten engen Kontakt zu diesem Ehepaar an Bord. Die Zahl laboratorisch bestätigter Fälle stieg auf fünf; drei weitere gelten als Verdachtsfälle. Die MV Hondius wird innerhalb von drei bis vier Tagen auf Teneriffa erwartet; eine systematische Evakuierung von Bord ist ab dem 11. Mai geplant. Auf den Kanarischen Inseln formiert sich Widerstand: Regionalpräsident Fernando Clavijo erklärte, die Autonomiebehörde könne das Anlegen nicht gutheißen, da zu wenige Informationen über den Ausbruch vorlägen. Der Bürgermeister von Granadilla de Abona bezeichnete die Entscheidung als gegen den Willen der Bevölkerung. Spaniens Nationalregierung bekräftigte die Anlaufgenehmigung und setzte sich über die Einwände der Inselbehörden hinweg.

Update 10. Mai, 13:00 Uhr: Die MV Hondius ankerte am frühen Morgen des 10. Mai vor Granadilla de Abona auf Teneriffa; die Evakuierung der Passagiere begann noch am selben Morgen unter medizinischer Aufsicht, spanische Staatsangehörige als erste. Die WHO bestätigt weiterhin sechs laboratorisch gesicherte Fälle und zwei Verdachtsfälle sowie drei Todesfälle; kein Passagier zeigt derzeit Symptome. Parallel dazu spielte sich auf der entlegenen Atlantikinsel Tristan da Cunha ein spektakulärer Einsatz ab: Wegen eines dort gemeldeten Hantavirus-Verdachtsfalls entsandte Großbritannien acht Soldaten der 16 Air Assault Brigade. Da die Insel mit rund 220 Einwohnern weder Landebahn noch Hafen für größere Schiffe besitzt, sprangen sechs Fallschirmjäger und zwei Militärsanitäter ab. Das britische Verteidigungsministerium bezeichnete es als ersten humanitären Fallschirmsprung von Militärsanitätern in der Geschichte der Streitkräfte.

Quellen (16)

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