Drei Jahre kein Pflug: 94 Vogelarten kommen zurück
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Drei Jahre kein Pflug: 94 Vogelarten kommen zurück

Eine ehemalige Hochleistungs-Molkerei in Somerset hat in drei Jahren Rewilding 94 Vogelarten und 24 Schmetterlingsarten beherbergt. Der erste State-of-Nature-Bericht von Heal Rewilding zeigt, wie schnell Ökosysteme sich erholen, wenn der Mensch einfach aufhört.

4. Juni 2026, 9:14 Uhr 775 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Im Dezember 2022 kaufte die Naturschutzorganisation Heal Rewilding eine intensiv bewirtschaftete Molkerei im englischen Somerset. Statt eine neue Nutzung zu planen, hörte sie auf: kein Pflug, kein Dünger, keine Mahd. Drei Jahre später dokumentiert der erste State-of-Nature-Bericht der Organisation, was geschah. 94 Vogelarten wurden seitdem auf dem Gelände registriert, darunter 21 Rote-Liste-Arten. 24 Schmetterlingsarten. 15 Fledermausarten. 404 Wirbellose. Und bei den Kleinsäugern ist die Bestandsdichte 188 Prozent höher als auf einer benachbarten Biobauernhof-Vergleichsfläche. Was die Daten zeigen, ist nicht unbedingt überraschend für Biologen. Aber der Zeitraum schon.

Von der Hochleistungs-Molkerei zur Wildnis

Das Heal-Somerset-Gelände war kein vernachlässigtes Stück Land, sondern das Gegenteil: eine hochintensiv bewirtschaftete Milchwirtschaftsfläche, auf der Produktivität jeden anderen Gesichtspunkt dominierte. Solche Flächen sind in Großbritannien häufig: Jahrzehnte der Intensivlandwirtschaft haben artenreiche Wiesen in einige wenige Grasarten gepresst, die maximale Biomasse für das Vieh liefern.

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Heal Rewilding übernahm das Gelände im Dezember 2022 und setzte auf das Prinzip der minimalen Intervention. Keine Pflegemaßnahmen, keine Beweidung durch Nutztiere, keine Düngung. Stattdessen: abwarten. Der Bericht wurde für die Organisation von unabhängigen Feldökologen erstellt und umfasst fünf formale Basiserhebungen. Die formale Brutvogelerhebung fand 60 brütende Vogelarten. Informell wurden seit 2023 insgesamt 94 Arten registriert, von Arten der Roten Liste wie dem Kuckuck und dem Rebhuhn bis zu 28 Arten der Vorwarnliste, also Vögeln, die zwar noch nicht als bedroht gelten, deren Bestand aber rückläufig ist.

Was die Zahlen aus drei Jahren bedeuten

Der biologisch aufschlussreichste Vergleich aus dem Bericht ist nicht die Vogel- oder Schmetterlingsliste, sondern der Kleinsäugervergleich. Auf der Heal-Somerset-Fläche wurden fünf Kleinsäugerarten nachgewiesen, auf der benachbarten Biobauernhof-Vergleichsfläche drei. Die Bestandsdichte ist um 188 Prozent höher als beim Vergleichsobjekt. Das ist relevant, weil Kleinsäuger wie Feldmäuse, Spitzmäuse und Bilche als Basis der lokalen Nahrungskette funktionieren: Sie ernähren Eulen, Weasels und andere Beutegreifer. Die Rückkehr dieser Basis signalisiert, dass sich das Ökosystem als System erholt, nicht nur einzelne charismatische Arten.

Auch die Pflanzenwelt hat sich verändert. Die formalen Erhebungen dokumentierten 113 vaskuläre Pflanzenarten auf dem Gelände, eine Vielfalt, die auf intensiv genutztem Grünland nicht möglich wäre. Wildblumenwiesen schaffen Strukturen, die für das Überleben von Insekten nötig sind: unterschiedliche Blütezeiten, Überwinterungsmöglichkeiten im Stängelwerk, Nistplätze in der Bodenstreu. Die 404 dokumentierten Wirbellose sind nicht zufällig dort. Sie folgen der Pflanzenvielfalt.

Im Vergleich: Was Knepp in 25 Jahren zeigt

Heal Somerset ist jung. Das Knepp Wildland in West Sussex ist das Modell, das zeigt, was aus einem solchen Ansatz über Jahrzehnte werden kann. Die 1.400 Hektar große ehemalige Misch- und Milchwirtschaftsfläche wurde um das Jahr 2000 auf Rewilding umgestellt. Seitdem gelten die Flächen als eine der bemerkenswertesten Artenschutz-Erfolgsgeschichten Großbritanniens.

Der Große Schillerfalter (Purple Emperor) war auf Knepp nicht heimisch. Er wurde beobachtet, die Kolonie wuchs und 2015 galt Knepp als die größte bekannte Brutkolonie dieser Art in England. Im Jahr 2025 wurden 283 Große Schillerfalter an einem einzigen Tag gezählt. Noch dramatischer ist die Geschichte des Weißstorchs: Im Jahr 2020 brüteten Weißstörche zum ersten Mal seit 600 Jahren wieder in England, auf Knepp. Im Sommer 2024 kehrten sechs auf Knepp geborene Jungstörche nach ihrer ersten Überwinterung in Marokko zurück, um selbst zu nisten. Zudem wurden auf Knepp 13 der 18 britischen Fledermausarten nachgewiesen, darunter die seltene Mopsfledermaus.

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Knepp zeigt, was Heal Somerset in 20 Jahren sein könnte. Der entscheidende Mechanismus ist derselbe: Der Wegfall des menschlichen Eingriffs ermöglicht Sukzession, die natürliche Abfolge von Pflanzengesellschaften, von Pionierarten zu Hochstauden zu Gebüsch zu lichtem Wald und jede Stufe schafft Lebensraum für andere Arten.

Was es bräuchte, damit Deutschland mitzieht

Großbritannien hat das Environmental Land Management Scheme (ELMS) eingeführt, das Landwirte explizit dafür bezahlt, ökologische Dienstleistungen zu erbringen statt Produktionsmengen zu maximieren. Wer Flächen extensiviert oder naturschutzorientiert bewirtschaftet, erhält Direktzahlungen. Dieses System macht Rewilding wirtschaftlich attraktiver.

In Deutschland fließt der Großteil der EU-Agrarsubventionen noch nach dem klassischen Modell: Flächenprämien pro Hektar, die für intensive wie extensive Betriebe gleich hoch ausfallen. Ökologische Vorrangflächen sind zwar vorgeschrieben, machen aber nur einen kleinen Teil der Gesamtfläche aus. Eine gezielte Förderung für mehrjährig stillgelegte Flächen im Sinne des Rewildings gibt es nicht.

Hinzu kommt die Bodenfrage. Agrarland in Deutschland gehört zu den teuersten in Europa. Eine Organisation wie Heal Rewilding, die Land kauft um es stillzulegen, bewegt sich damit in einem anderen Preisniveau als in Somerset. Rewilding auf gepachtetem Land ist möglich, aber abhängig von einer Kooperation mit Landwirten, die bereit sind, Flächen für diese Nutzung zu vergeben.

Die Infrastruktur für solche Projekte wächst: Rewilding Europe koordiniert Standorte in mehreren europäischen Ländern, auch in Deutschland gibt es erste Initiativen etwa über den NABU. Was fehlt, ist das finanzielle Rückgrat einer staatlichen Förderung, die Rewilding als legitime und bezahlte Landnutzungsform behandelt. Ob die laufende Reform der EU-Agrarpolitik diesen Schritt macht, wird sich in den nächsten Verhandlungsrunden zeigen.

Quellen (9)

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