Hirntraining senkt Demenzrisiko um ein Viertel
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Hirntraining senkt Demenzrisiko um ein Viertel

Die erste randomisierte Studie weltweit, die einen präventiven Effekt auf Demenz über 20 Jahre nachweist, zeigt: Zehn Stunden computergestütztes Geschwindigkeitstraining senkten das Demenzrisiko um 25 Prozent. Allerdings nur bei Teilnehmern, die auch Auffrischungssitzungen besuchten.

31. Mai 2026, 16:37 Uhr 741 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Die erste kontrollierte Studie weltweit, die einen präventiven Effekt auf Demenz über 20 Jahre nachweist, wurde im Februar 2026 in der Fachzeitschrift Alzheimer's & Dementia: Translational Research & Clinical Interventions veröffentlicht. Ergebnis: Ältere Erwachsene, die ein computergestütztes Geschwindigkeitstraining absolvierten und Auffrischungssitzungen besuchten, erhielten über zwei Jahrzehnte hinweg 25 Prozent seltener eine Demenzdiagnose als eine Vergleichsgruppe ohne Training. Die Gesamttrainingsdauer betrug zehn Sitzungen à einer Stunde, verteilt auf sechs Wochen.

Was ist das ACTIVE-Programm?

ACTIVE steht für "Advanced Cognitive Training for Independent and Vital Elderly". Die US-amerikanische Studie, finanziert von den National Institutes of Health, begann 1998 und schloss 2.802 unabhängig lebende Erwachsene im Durchschnittsalter von 74 Jahren an sechs Standorten ein. Alle Teilnehmer waren zu Beginn frei von Demenz. Drei Trainingsformen wurden getestet: Gedächtnis, logisches Denken und Verarbeitungsgeschwindigkeit.

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Das Geschwindigkeitstraining arbeitet mit adaptiven visuellen Aufgaben. Teilnehmer identifizieren Objekte auf einem Bildschirm, während sie gleichzeitig periphere Reize lokalisieren sollen. Schwierigkeit und Tempo steigen automatisch an. Das Programm ist heute als BrainHQ kommerziell verfügbar, vertrieben von Posit Science. Co-Autorin Karlene Ball, die das Geschwindigkeitstraining ursprünglich entwickelte, hat Verbindungen zu diesem Unternehmen, was in der Diskussion über die Studie erwähnt wird.

Warum nur das Geschwindigkeitstraining wirkte

Nach 20 Jahren zeigten die Forscher um Hauptautorin Norma B. Coe von der University of Pennsylvania: Nur das Geschwindigkeitstraining reduzierte die Demenzdiagnose statistisch nachweisbar. Gedächtnistraining und Denktraining zeigten keine signifikante langfristige Wirkung. Die Erklärungshypothese: Geschwindigkeitstraining nutzt implizites Lernen und baut Fähigkeiten auf, vergleichbar dem Erlernen eines Instruments. Gedächtnistraining und Reasoning-Training hingegen aktivieren eher explizites, bewusstes Lernen. Beide beanspruchen unterschiedliche Gehirnregionen. Warum das langfristig einen Unterschied macht, sei laut Coe noch nicht verstanden.

Entscheidend ist außerdem: Die 25-Prozent-Reduktion gilt nur für Teilnehmer, die neben dem Grundkurs auch Auffrischungssitzungen besuchten, im elften und 35. Monat nach der Grundausbildung. Wer nur das Ausgangstraining absolvierte, zeigte nach 20 Jahren keinen messbaren Vorteil gegenüber der Kontrollgruppe.

Was die 25 Prozent bedeuten und nicht bedeuten

Die 25 Prozent sind eine relative Risikoreduktion. In absoluten Zahlen: In der Kontrollgruppe erhielten laut Studie 48,7 Prozent der Teilnehmer innerhalb von 20 Jahren eine Demenzdiagnose. In der Trainingsgruppe mit Boostersitzungen waren es rund 40 Prozent. Die absolute Differenz beträgt knapp neun Prozentpunkte. Für eine Erkrankung, die laut WHO derzeit 57 Millionen Menschen weltweit betrifft und bis 2050 auf 139 Millionen ansteigen könnte, wäre auch das ein erheblicher Effekt.

Fachleute sehen die Befunde mit Vorbehalt. Dr. Baptiste Leurent von der University College London betonte gegenüber dem Science Media Centre, dass der statistisch signifikante Befund aus einer Subgruppenanalyse stammt und nicht aus dem vorab festgelegten Hauptvergleich aller Trainingsgruppen. Das Konfidenzintervall (Hazard Ratio 0,59 bis 0,95) lasse eine Wirkungsspanne zwischen 41 und 5 Prozent Risikoreduktion zu. Dr. Susan Kohlhaas von Alzheimer's Research UK wies darauf hin, dass die Demenzdiagnosen aus Medicare-Abrechnungsdaten stammen und nicht aus klinischen Untersuchungen durch Spezialisten.

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Im Vergleich: Was andere Studien zeigen

Die ACTIVE-Studie ist die erste randomisierte kontrollierte Studie, die eine präventive Wirkung auf die Demenzdiagnose über 20 Jahre nachweist. Das ist ein methodisches Novum. Frühere Langzeitstudien hatten vornehmlich kognitiven Abbau gemessen, nicht das Entstehen einer Diagnose.

Die finnische FINGER-Studie, 2015 im Lancet veröffentlicht, zeigte als erste randomisierte Interventionsstudie einen messbaren kognitiven Nutzen durch ein kombiniertes Programm: Ernährungsanpassung, körperliches Training, Hirntraining und Blutdruckmanagement zusammen verbesserten die kognitive Leistung nach zwei Jahren gegenüber der Kontrollgruppe nachweisbar. Einzelne Bausteine des Programms lieferten diesen Effekt nicht. Die Lancet-Kommission zur Demenzprävention identifizierte 2024 insgesamt 14 modifizierbare Risikofaktoren, darunter Bluthochdruck, Hörverlust und körperliche Inaktivität, die zusammen für bis zu 45 Prozent aller Demenzfälle verantwortlich sein könnten.

In Deutschland leben heute 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Ohne strukturelle Prävention könnten es bis 2050 bis zu 2,8 Millionen sein. Selbst eine moderate Vorbeugungswirkung, wie die ACTIVE-Studie sie andeutet, würde hunderttausende Fälle verschieben oder verhindern.

Drei Bedingungen für eine breitere Empfehlung

Damit das kognitive Geschwindigkeitstraining zur allgemeinen Präventionsempfehlung werden kann, müsste Dreierlei gegeben sein. Erstens Replikation: Die ACTIVE-Studie ist bislang die einzige Quelle für den 20-Jahres-Effekt. Eine unabhängige Studie ohne kommerzielle Verbindungen einzelner Autoren, idealerweise in Europa oder Asien, würde die Evidenz erheblich stärken. Zweitens Mechanismus: Solange unklar ist, wie Geschwindigkeitstraining die Gehirnreserve beeinflusst, bleibt offen ob das spezifische BrainHQ-Programm notwendig ist oder ob vergleichbare Aktivitäten wie bestimmte Videospiele oder konzentriertes Autofahren denselben Effekt hätten. Drittens Zugänglichkeit: BrainHQ ist ein kostenpflichtiger Dienst. Wer Prävention im öffentlichen Gesundheitssystem verankern will, braucht entweder günstige Alternativen oder eine Erstattungslogik für Krankenkassen.

Das NIH-finanzierte ACTIVE-Konsortium plant aktuell keine unmittelbare Replikationsstudie für Phase 3. Ob Krankenkassen in den USA oder Europa das Programm als erstattungsfähig einstufen, hängt von regulatorischen Entscheidungen ab, die in den nächsten Jahren fallen könnten.

Quellen (14)

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