Golfstaaten: 700 Millionen Dollar täglich verloren
Omans Außenminister Badr Albusaidi nannte iranische Angriffe auf arabische Golfstaaten vergangene Woche vermutlich die einzig rationale Option für die iranische Führung. Stunden später traf eine iranische Drohne den omanischen Hafen Duqm. Die Szene beschreibt die Lage der Golfstaaten im Irankonflikt knapper als jede Statistik: Sie zahlen den Preis eines Krieges, den sie weder geführt noch verhindert haben und können sich nicht einmal heraushalten. Goldman Sachs schätzt ihre täglichen Verluste auf 700 Millionen Dollar.
Was das für die Golfstaaten konkret bedeutet
Seit dem 28. Februar 2026, dem Beginn des Irankriegs, hat Iran die Straße von Hormus weitgehend blockiert. Durch die Meerenge fließen nach Angaben der US-Energiebehörde EIA rund 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung. Weniger diskutiert, aber ebenso bedeutend: Über 80 Prozent der Nahrungsmittelimporte der Golfstaaten laufen durch Hormus. Das Stimson Center schätzt, dass bis Mitte März 2026 rund 70 Prozent der Lebensmittelimporte der Region gestört waren.
Goldman Sachs beziffert die Verluste des Golf-Kooperationsrats auf 700 Millionen Dollar täglich, inklusive Irak auf 1,1 Milliarden. Der IWF veröffentlichte im April 2026 Jahresprognosen: Qatar schrumpft voraussichtlich um 8,6 Prozent, Kuwait um 0,6 Prozent, Bahrain um 0,5 Prozent. Die VAE und Saudi-Arabien bleiben im Plus, wenn auch mit deutlich gesenkten Wachstumsaussichten. Zum Vergleich: Die Eurokrise kostete Griechenland im schlimmsten Jahr 2011 rund 9,1 Prozent BIP. Qatar käme damit nahe an Griechenlands schlimmstes Krisenjahr heran, ausgelöst durch einen Krieg, an dem Qatar nicht beteiligt ist.
Warum sie weder angreifen noch verhandeln können
GCC-Generalsekretär Jassem Albudaiwi bezeichnete die iranischen Angriffe auf Golfstaaten als sündhafte Aggression und wandte sich nach dem Angriff auf den Kuwait International Airport am 3. Juni, bei dem ein Mensch starb und 63 verletzt wurden, an den UN-Sicherheitsrat. Er forderte ein Ende der gefährlichen und verantwortungslosen Eskalation. Keiner der GCC-Staaten hat eigene Streitkräfte eingesetzt.
Das liegt an der Geometrie des Konflikts. Saudi-Arabien, die VAE und Bahrain beherbergen US-Stützpunkte. Ein eigener Militäreinsatz würde die Golfstaaten zur formellen Kriegspartei machen und iranische Angriffe legitimieren, die bisher als illegitime Aggression gegen neutrale Dritte gelten. Die Revolutionsgarde IRGC sprach diese Logik am 2. Juni offen aus: Die Ära einer einfachen Tit-for-Tat-Politik sei beendet, jede Antwort auf Angriffe werde ein Vielfaches der feindlichen Aggression sein. Die Erklärung folgte auf US-Schläge gegen die Insel Qeschm und den iranischen Tanker M/T Lexie.
Auf der anderen Seite können die Golfstaaten Iran auch nicht offen verteidigen. Oman erfuhr das auf bittere Weise: Außenminister Badr Albusaidi formulierte, iranische Vergeltungsangriffe auf Golfstaaten seien vermutlich die einzig rationale Option für die iranische Führung unter den gegebenen Umständen. Kurz darauf trafen iranische Drohnen den omanischen Duqm-Hafen und attackierten einen Tanker vor omanischer Küste.
Schiffe, die schweigend passieren
Über 2.000 Schiffe saßen seit Blockadebeginn im Persischen Golf fest, mit rund 20.000 Seeleuten an Bord. CNBC berichtete am 4. Juni unter Berufung auf Lloyd's List Intelligence, dass in den vergangenen drei Wochen knapp 40 Schiffe Hormus passiert haben, indem sie diskret mit der US-Navy koordinierten. Eine formelle Eskorte bietet das US-Militär nicht an, vermittelt aber Informationen über sichere Transitfenster.
Für Reedereien bedeutet das: steigende Versicherungskosten, teure Umwege um das Kap der Guten Hoffnung oder das Risiko eines inoffiziellen Transits ohne Garantien. Asharq Al-Awsat berichtete, seit Kriegsbeginn seien über 7.000 iranische Angriffe auf Golfstaaten gezählt worden. Die meisten sind kleinere Drohnenzwischenfälle. Die Summe erzeugt einen Zustand permanenter Bedrohung, der Investoren, Schiffsbesatzungen und Versicherungsgesellschaften gleichermaßen abschreckt.
Irans Forderungen und das Preisschild des Friedens
Iran hat seine Bedingungen für eine Einigung öffentlich gemacht: vollständiger Waffenstillstand, Abzug aller US-Truppen aus der Region, Aufhebung aller Sanktionen und ein Wiederaufbaufonds von mindestens 300 Milliarden Dollar. Iran International berichtete, ein Entwurf von US-Sondergesandten habe diesen Fonds tatsächlich erwähnt. Das Weiße Haus bestätigte das nicht.
Für die Golfstaaten ist der Ausgang dieser Verhandlungen entscheidend. Jede Einigung, die Iran eine stärkere Kontrolle über Hormus einräumt, verändert das regionale Machtgefüge dauerhaft. Qatars Gasexporte, Saudi-Arabiens Investitionsprogramm Vision 2030, Bahrains Finanzsektor: alle sind an die Durchfahrtsfreiheit durch die Straße gebunden. Die Golfstaaten sitzen in einem Konflikt, in dem weder Kriegseintritt noch Neutralität noch Vermittlung ihnen einen risikofreien Ausweg bietet.
Drei Tage bis zu Trumps Dealfrist
Am 8. Juni läuft Trumps selbstgesetzte Frist für eine Iran-Einigung ab. Die über Oman und Pakistan vermittelten Gespräche galten zuletzt als festgefahren: Iran brach Anfang Juni die Kommunikation kurzzeitig ab und drohte mit vollständiger Sperrung sowohl von Hormus als auch der Bab-al-Mandab-Straße am Horn von Afrika. CNBC berichtete, Stunden später seien Gespräche wieder aufgenommen worden.
Sollte bis zum 8. Juni kein Deal gelingen, hat Trump angekündigt, den Druck auf Iran zu erhöhen. Das würde neue Eskalation bedeuten und die Golfstaaten in ihrer derzeitigen Lage festhalten: als wirtschaftliche Geiseln eines Krieges, der in Washington und Teheran entschieden wird.
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