USA greifen Iran erneut an: Verhandlungen unter Druck
International

USA greifen Iran erneut an: Verhandlungen unter Druck

Sieben Tage, fünf Angriffszyklen: USA und Iran tauschen Schläge aus, während das fertige 60-Tage-Memorandum auf Trumps Unterschrift wartet. Der Angriff auf eine kuwaitische US-Basis zeigt, wie weit die Eskalation bereits reicht.

31. Mai 2026, 8:42 Uhr 950 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Das US-Militär hat in der Nacht auf Sonntag erneut iranische Ziele angegriffen. Irans Staatsfernsehen meldete einen Vergeltungsangriff auf einen US-Militärstützpunkt. Gleichzeitig stoppten Revolutionsgarden einen Öltanker in der Hormusstraße mit Warnschüssen. In sieben Tagen tauschten USA und Iran damit mindestens fünf Angriffszyklen aus, während beide Seiten beteuern, ein Abkommen sei erreichbar und das fertiggestellte 60-Tage-Memorandum weiter auf Unterzeichnung wartet.

25. bis 27. Mai: Die Auslösung

Auslöser der aktuellen Eskalationswelle war eine Operation der Islamischen Revolutionsgarden in der Woche vom 25. Mai: Schnellboote der IRGC-Marine versuchten in der Hormusstraße Seeminen auszulegen, um den kommerziellen Schiffsverkehr zu gefährden. Das US Central Command (CENTCOM) reagierte mit Luftschlägen gegen die Boote und zwei Raketenstellungen an der iranischen Südküste. Mindestens vier iranische Marineoffiziere kamen dabei ums Leben. Iran bezeichnete die Schläge als klare Verletzung des Waffenstillstands und drohte mit Vergeltung. CENTCOM nannte sie Selbstverteidigungsmaßnahmen zur Sicherung der Schifffahrt.

In den Nächten auf den 27. und 28. Mai folgten weitere US-Operationen gegen eine Militäranlage bei Bandar Abbas. Nach Angaben eines US-Regierungsvertreters galten die Schläge einem Drohnenstartgelände, von dem unbemannte Flugzeuge US-Marineschiffe und Handelstanker bedrohten.

28. Mai: Rakete auf kuwaitischen Boden

Am 28. Mai weitete Iran den Konflikt geografisch aus. Die Revolutionsgarden feuerten eine ballistische Rakete auf kuwaitisches Staatsgebiet. Kuwaits Luftabwehr fing sie ab, doch die Trümmer trafen den US-Militärstützpunkt Ali Al Salem Air Base. Etwa fünf amerikanische Soldaten wurden verletzt, eine MQ-9-Reaper-Drohne wurde zerstört. Kuwaits Außenministerium verurteilte den Angriff als gefährliche Eskalation. CENTCOM nannte ihn einen eklatanten Waffenstillstandsverstoß.

Kuwait ist formal neutral im Irankrieg, beherbergt aber US-Truppen und gehört dem Golfkooperationsrat an. Ein Raketenangriff auf kuwaitisches Staatsgebiet weitet den Konflikt auf eine dritte Partei aus, die den Krieg bisher zu meiden versucht hatte.

29. und 30. Mai: Tanker und Drohnenstationen

In der Nacht auf Samstag stoppten Revolutionsgarden einen amerikanischen Öltanker in der Hormusstraße mit Warnschüssen und zwangen vier weitere Schiffe zur Umkehr. US-Streitkräfte schossen vier iranische Drohnen ab und zerstörten eine Drohnenkontrollstation am Stadtrand von Bandar Abbas. Iran traf als Vergeltung einen US-Militärstützpunkt, dessen Lage CENTCOM nicht nannte.

Parallel dazu beriet Trump am 29. Mai im Situation Room über das fertiggestellte 60-Tage-Memorandum. Er verließ die Sitzung nach zwei Stunden ohne Entscheidung. Der Rohölpreis der Sorte Brent fiel auf 91 Dollar pro Barrel, den tiefsten Stand seit Beginn der Hormuskrise. Die Märkte preisten eine baldige Einigung ein. Im Persischen Golf warteten weiterhin rund 230 Tanker auf Einlass in die gesperrte Straße.

Sonntagmorgen: Runde fünf

In der Nacht auf Sonntag griffen US-Streitkräfte erneut iranische Ziele an. Deutschlandfunk, Tagesschau, ZDF und mehrere weitere Medien berichteten über neue Luftangriffe auf Stellungen in Südiran. Irans Staatsfernsehen meldete daraufhin einen Vergeltungsschlag auf einen US-Militärstützpunkt. Revolutionsgarden feuerten Warnschüsse auf einen weiteren Öltanker. Der genaue Umfang der Operationen war zunächst unklar.

Die Waffenruhe die nie schriftlich war

Der Waffenstillstand vom 8. April war nie verbindlich schriftlich fixiert worden. Pakistan vermittelte eine verbale Vereinbarung, in der beide Seiten erklärten, direkte Angriffe auf das jeweils andere Staatsgebiet zu unterlassen. Was als direkter Angriff gilt, ist seither Gegenstand der Auslegung.

Die USA definieren IRGC-Drohnenoperationen und das Auslegen von Seeminen als Angriffe auf US-Streitkräfte, die Gegenschläge rechtfertigen. Iran definiert die US-Gegenschläge als Waffenstillstandsverletzungen, die Vergeltung erlauben. Diese Asymmetrie der Definitionen macht jeden Versuch, die Eskalation einzufrieren, ohne schriftliches Regelwerk illusorisch. Beide Seiten bleiben formal in den Verhandlungen, weil der Vertragsentwurf für beide vorteilhaft ist: Iran bräuchte die Sanktionserleichterungen, die USA bräuchten den Ölpreisrückgang und die Öffnung der Hormusstraße.

US-Senator Mark Kelly (Demokrat, Arizona) warnte öffentlich, die amerikanischen Munitionsvorräte seien nach drei Monaten Krieg schockierend niedrig. Ein vollständiger Nachschub werde Jahre erfordern. Die Warnung unterstreicht, dass die militärische Option für Washington teurer wird, als die täglichen Schlagzeilen über Luftangriffe vermuten lassen.

Warum Trumps Unterschrift ausbleibt

Das fertiggestellte 60-Tage-Memorandum enthält nach Berichten von Bloomberg und CNN zwei Kernelemente: Iran öffnet die Hormusstraße, die USA geben zwölf Milliarden Dollar an eingefrorenen iranischen Vermögenswerten frei. Trump besteht jedoch auf Vorbedingungen, die laut Iran im ausgehandelten Text nicht stehen: einen schriftlichen Verzicht auf den Aufbau nuklearer Waffen und die Öffnung der Straße ohne zusätzliche Durchfahrtsgebühren.

Irans Außenamtssprecher Esmail Baghaei nannte Trumps Nuklearforderungen grundlos. Außenminister Marco Rubio hatte zuletzt erklärt, ein Deal sei in wenigen Tagen erreichbar. Trump sagte im Kabinett am 27. Mai: Mich interessieren die Midterms nicht. Damit machte er klar, dass er sich nicht zu einer eiligen Unterzeichnung drängen lässt, selbst wenn der politische Kalender anderes nahelegen würde.

G7-Gipfel in Évian als nächstes Entscheidungsfenster

Nächster multilateraler Fixpunkt ist der G7-Gipfel in Évian-les-Bains vom 15. bis 17. Juni 2026. Deutschland, die EU und Japan erwarten dort einen Aktionsplan für die Hormuskrise. Frankreichs Wirtschaftsminister Roland Lescure hatte beim G7-Finanzministertreffen in Paris gewarnt, bei fortgesetzter Blockade seien bis zu 50 Millionen Menschen weltweit von Lebensmittelengpässen bedroht. Ein Drittel des weltweit gehandelten Grunddüngers passiert die Straße von Hormus.

Solange das 60-Tage-Memorandum ungezeichnet bleibt, werden beide Militärapparate fortfahren, was sie in den vergangenen sieben Tagen getan haben: angreifen, behaupten, das sei Selbstverteidigung und auf die Reaktion der anderen Seite warten. Die Waffenruhe war nie mehr als eine Absichtserklärung. Was das bedeutet, ist seit Sonntag wieder einmal sichtbar geworden.

Update 31. Mai, 23:12 Uhr: Das US-Militär hat am 29. Mai erstmals in diesem Konflikt eine Hellfire-Rakete gegen ein ziviles Handelsschiff eingesetzt. Die Gambia-flagge M/V Lian Star missachtete nach CENTCOM-Angaben mehr als 20 Warnungen und steuerte trotzdem auf einen gesperrten iranischen Hafen zu. US-Streitkräfte feuerten eine Rakete in den Maschinenraum und legten das Schiff lahm. Es ist das sechste Handelsschiff, das seit dem Start der Blockade am 13. April kampfunfähig gemacht wurde; insgesamt wurden 116 Schiffe an der Einfahrt in iranische Häfen gehindert. Opfer wurden nicht gemeldet. Ebenfalls am Sonntag behaupteten iranische Staatsmedien, eine US-MQ-1-Predator-Drohne über iranischem Luftraum abgeschossen zu haben; CENTCOM bestätigte das bis Redaktionsschluss nicht.

Quellen (19)

Kommentare