Nabatieh: Israels nächstes Ziel im Libanon
Als israelische Truppen der Division 162 am Wochenende neue Operationsgebiete im Südlibanon erschlossen, waren es nicht die ersten Kilometer, die Israel seit Kriegsbeginn besetzt hatte, sondern die jüngsten. Rund ein Fünftel des libanesischen Staatsgebiets steht inzwischen unter israelischer Militärkontrolle. Premierminister Nawaf Salam bezeichnet die israelische Vorgehensweise als "Scherbenpolitik" und fordert das Eingreifen des UN-Sicherheitsrats.
März 2026: Krieg kommt in den Libanon
Der Krieg begann im März 2026 mit einer Eskalation, die sich über Wochen aufgebaut hatte. Israel startete Bodenoperationen im Südlibanon, zunächst in einem engen Streifen nördlich der Grenze, mit erklärtem Ziel: Hisbollah-Stellungen zu zerstören und eine Pufferzone zu schaffen, die israelische Grenzdörfer vor Raketenbeschuss schützt. Die Hisbollah verteidigte die Gebiete, kämpfte aber auf verlorenem Terrain.
Innerhalb weniger Wochen rückte Israel in mehrere Grenzstädte und -dörfer ein. Die libanesische Armee, die offiziell keinen Kriegseintritt erklärt hatte, zog sich aus den betroffenen Gebieten zurück. Rund 1,2 Millionen Libanesen flohen aus dem Süden nach Beirut und in die Bekaa-Ebene. Die Hisbollah hielt ihre Infrastruktur in tieferen Landesteilen aufrecht, verlor aber Kommandostrukturen und Depots an der Grenze.
31. Mai: Beaufort und die Zahrani-Linie
Ende Mai überschritt Israel eine Grenze, die seit 26 Jahren nicht mehr überschritten worden war. Der Litani-Fluss, nach dem israelischen Rückzug im Jahr 2000 zur inoffiziellen Demarkationslinie geworden, wurde von israelischen Einheiten überwunden. Zehn Kilometer nördlich davon liegt der Zahrani-Fluss, der zur neuen Operationsgrenze wurde. Das israelische Militär erließ sofortige Evakuierungsanordnungen für alle Zivilisten südlich des Zahrani.
Gleichzeitig nahmen israelische Truppen die Beaufort-Festung ein, eine 900 Jahre alte Kreuzritterburg auf einem Höhenrücken im Südlibanon, die bis zum israelischen Abzug im Jahr 2000 als Militärstützpunkt diente. Es war das erste Mal seit 26 Jahren, dass Israel diesen Punkt kontrollierte. Premierminister Netanyahu ordnete die Vertiefung der Operationen jenseits des Litani an. Frankreich forderte eine Notstandssitzung des UN-Sicherheitsrats.
7. Juni: Division 162 rückt auf Nabatieh vor
Am heutigen Sonntag weitete die israelische Armee ihre Operationen auf weitere Gebiete aus. Division 162 operiert nach israelischen Angaben mit dem Ziel, die sogenannte Pufferzone weiter auszudehnen. Die Richtung des Vorstoßes ist bedeutsam: Nabatieh, eine der wichtigsten Städte im Südlibanon, gerät zunehmend in den Operationsraum. Evakuierungsaufrufe für umliegende Gemeinden wurden ausgeweitet.
Libanesischer Premierminister Nawaf Salam hat die israelischen Operationen am schärfsten seit Kriegsbeginn verurteilt. Er warf Israel vor, eine "gefährliche und beispiellose Eskalation" zu betreiben und beschrieb die Vorgehensweise als "Scherbenpolitik" sowie "kollektive Bestrafung". Israel vernichte Städte und Ortschaften und vertreibe die Bevölkerung, um "Libanons Erinnerung auszulöschen". Salam bekräftigte, Diplomatie sei der "am wenigsten kostspielige Weg" und appellierte an den UN-Sicherheitsrat, sofort zu handeln.
Ein Fünftel des Libanon, 3.593 Tote
Israelische Truppen kontrollieren nach aktuellen Schätzungen rund ein Fünftel des libanesischen Staatsgebiets. Seit Kriegsbeginn wurden nach Angaben der libanesischen Regierung 3.593 Menschen getötet und 10.990 weitere verletzt, Stand 6. Juni 2026. Die Vereinten Nationen verzeichnen 1,2 Millionen Binnenvertriebene.
Der dritte Versuch einer US-vermittelten Waffenruhe ist am 4. Juni gescheitert, nachdem die Hisbollah das Abkommen abgelehnt hatte, das nur Hisbollah zu einer Feuereinstellung verpflichtet hätte, nicht aber Israel. US-Außenpolitiker haben seither betont, die Gespräche gingen weiter, ohne jedoch neue Verhandlungsdaten zu nennen.
Parallel zum Libanon-Krieg führt das US-Militär eine Seeblockade gegen Iran durch. Im Golf von Oman haben US-Streitkräfte erneut ein Schiff gestoppt, das die Blockade zu durchbrechen versuchte und es durch Beschuss des Maschinenraums außer Gefecht gesetzt. Seit Beginn der Blockade am 13. April 2026 wurden nach Angaben des US Central Command bereits fünf Schiffe auf diese Weise gestoppt.
Salam fordert sofortiges Eingreifen des Sicherheitsrats
Premierminister Salam hat den UN-Sicherheitsrat ausdrücklich zum Handeln aufgerufen. Ob das in konkrete Resolutionen mündet, ist fraglich: Die USA haben im Sicherheitsrat ein Vetorecht und haben bisher jede Resolution blockiert, die Israel zur Einstellung seiner Operationen im Libanon verpflichten würde.
Die militärische Logik des israelischen Vorgehens: Je mehr Hisbollah-Infrastruktur zerstört und je weiter die Pufferzone ausgedehnt wird, desto besser die israelische Verhandlungsposition in einem zukünftigen Waffenstillstand. Das ist eine Strategie, die Zeit braucht und die libanesische Zivilbevölkerung den Preis zahlen lässt. Nabatieh wäre, wenn es tatsächlich Ziel militärischer Operationen wird, die erste echte Großstadt im Südlibanon, die von der Bodenoffensive direkt betroffen wäre.
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