Jaguar kehrt nach 70 Jahren nach Argentinien zurück
Siebzig Jahre lang war Argentinien ein Land ohne freilebende Jaguare. Der letzte wurde in den 1950er-Jahren gesichtet, dann war die Art im Land ausgestorben. Im Mai 2026 filmten Tourguides im Iberá-Nationalpark einen Jaguar auf einem öffentlichen Wanderweg: Ombú, ein junger Rüde, der allein das Gelände durchstreifte. Hinter dieser Aufnahme steckt eine der bemerkenswertesten Wiederansiedlungsgeschichten der Naturschutzgeschichte.
1950er Jahre: Das letzte Tier
Jaguare, auf Spanisch Yaguaretés, waren in Argentinien einst weit verbreitet. Im Gran Chaco, in den Iberá-Feuchtgebieten und in den Regenwäldern der Provinz Misiones jagten sie Pekaris, Kaimane und Tapire. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts drängten Bejagung, Habitatverlust und Konflikte mit Viehzüchtern die Tiere vollständig aus dem Land. Argentinien galt seither als Land ohne Jaguare in freier Wildbahn.

In der Provinz Corrientes, wo der Iberá-Nationalpark liegt, waren Jaguare noch Jahrzehnte nach ihrer Ausrottung kulturell präsent: als Wappentier, in der Folklore der Guaraní und als Namensgeber für Ortschaften. Die Rückkehr ist daher nicht nur biologisch, sie verändert das Verhältnis einer Gesellschaft zu dem, was sie verloren hat.
2021: Erste Rückkehr
Rewilding Argentina, eine NGO, die aus dem Erbe des US-amerikanischen Naturschützers Doug Tompkins entstanden ist, begann 2021 mit der Wiederansiedlung von Jaguaren im Iberá-Feuchtgebiet. Die Tiere stammten aus Zuchtprogrammen in Brasilien und wurden zunächst in weitläufigen Gehegen akklimatisiert, um Jagdverhalten zu erlernen ohne Kontakt zu Menschen. Zugleich wurden Beutetierbestände wie Capybaras und Pekaris im Park aktiv gefördert.
2022: Die ersten frei geborenen Jungen
2022 wurden im Iberá die ersten Jungen dokumentiert, die ohne menschliches Zutun in Freiheit geboren wurden. Ein entscheidender Moment: Wildgeborene Tiere sind weit scheuerer als nachgezüchtete und verhalten sich natürlicher gegenüber Beute und Reviergenossen. Bis Mai 2026 wuchs die Iberá-Population auf über 50 Tiere.
Mai 2026: Ombú streift allein
Dass Ombú auf einem öffentlichen Wanderweg auftauchte und sich dabei filmen ließ, ist kein Zeichen schlechter Konditionierung, sondern normales Verhalten junger Rüden bei der Reviersuche. Sie verlassen die vertrauten Kerngebiete und erkunden angrenzende Zonen. Die Aufnahmen, die La Nación und internationale Medien im Mai 2026 veröffentlichten, zeigen ein Tier in gutem Zustand, das den Weg quert ohne Anzeichen von Stress.
Lokale Viehzüchter außerhalb des Parks sehen die wachsende Jaguarpopulation mit Skepsis. Rewilding Argentina hat ein Entschädigungsprogramm für Nutztierrisse eingerichtet und arbeitet mit Ranches in der Pufferzone zusammen. Ob das die Akzeptanz langfristig sichert, wird sich zeigen, je weiter die Tiere ihr Revier ausdehnen.

Im Vergleich: Luchs und Bartgeier als Maßstab
Der Iberische Luchs galt 2002 mit unter 100 Tieren als die am stärksten gefährdete Katzenart der Welt. Durch koordinierte Zuchtprogramme und Auswilderungsprogramme in Spanien und Portugal wuchs die Population bis 2024 auf über 2.000 Tiere, laut Daten der Weltnaturschutzunion IUCN. Der Bartgeier wurde 1913 in den Alpen ausgerottet. Seit dem Start der Wiederansiedlung 1986 leben nach Angaben der Vulture Conservation Foundation heute über 300 freifliegende Bartgeier in der Alpenregion.
Beide Comebacks zeigen: Wenn Lebensraum vorhanden ist und ausreichend Nahrung verfügbar ist, wächst eine wiederangesiedelte Population schneller als zunächst erwartet. Die Iberá-Feuchtgebiete, mit über 1,3 Millionen Hektar eines der größten Binnengewässersysteme Südamerikas, bieten dafür gute Voraussetzungen. Das gilt auch für den Gran Chaco und die Atlantischen Regenwälder, die Rewilding Argentina als langfristige Zielgebiete für Wanderkorridore ausgewiesen hat.
Von 0 auf 50: Fünf Jahre Iberá in Zahlen
1950er: letzter frei lebender Jaguar in Argentinien. 2021: erste Auswilderung im Iberá. 2022: erste in Freiheit geborene Jungen. 2026: über 50 Tiere, erste Begegnung mit einem frei streifenden Jaguar auf Kamera festgehalten.
Das Tempo ist bemerkenswert. Beim Iberischen Luchs dauerte es zwei Jahrzehnte von der kritischen Schwelle bis zur stabilen Population. Jaguare brauchen größere Territorien und pflanzen sich langsamer fort. Dass die Iberá-Population in fünf Jahren auf mehr als 50 Tiere gewachsen ist, übertrifft die ursprünglichen Erwartungen von Rewilding Argentina.
Die größte Herausforderung bleibt das Land außerhalb des Parks. Jaguare wandern weite Strecken. Sobald sie die Grenzen des Nationalparks verlassen, stoßen sie auf Viehwirtschaft und Wilderer. Rewilding Argentina arbeitet an Schutzkorridoren zu Schutzgebieten in Brasilien und Paraguay, um langfristig stabile Wanderrouten zwischen den verbliebenen Jaguarpopulationen in Südamerika zu schaffen.
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