Carney wettet 2,3 Milliarden auf Kanadas KI-Wende
Kanada hat ein Produktivitätsproblem, das alle anderen G7-Staaten kennen, aber wenige so offen benennen: Nur 12,2 Prozent der kanadischen Unternehmen nutzen Künstliche Intelligenz, einer der niedrigsten Werte unter den Industrieländern. Premierminister Mark Carney will das mit einem 2,3-Milliarden-Dollar-Paket ändern. Seine Wette: 250.000 neue Arbeitsplätze bis 2031, drei Prozent mehr Wirtschaftsleistung und eine Adoptionsquote, die bis 2034 von zwölf auf sechzig Prozent steigen soll.
Zwölf Prozent. Kanadas KI-Lücke
Die Zahlen des Statistikamts Statistics Canada zeigen das Ausmaß des Rückstands. Zwar hat sich die KI-Adoptionsrate der Unternehmen im vergangenen Jahr verdoppelt, aber von sechs auf 12,2 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland nutzen laut Bitkom 41 Prozent der Unternehmen KI aktiv. Kanada liegt damit unter dem OECD-Durchschnitt.
Das Paradoxe daran: Kanada ist kein KI-Entwicklungsland. Montréal gilt als eines der wichtigsten KI-Forschungszentren der Welt; das Mila-Institut beherbergt rund 1.200 Forschende. Yoshua Bengio, einer der einflussreichsten KI-Wissenschaftler weltweit und Träger des Turingpreises 2018, arbeitet an der Université de Montréal. Das Problem ist nicht der Mangel an Talenten, sondern die Lücke zwischen Forschung und betrieblicher Anwendung.
Das C.D. Howe Institute, Kanadas wichtigster wirtschaftspolitischer Thinktank, schätzt, dass die Adoptionsrate selbst ohne neue Förderprogramme bis 2036 auf 48 Prozent steigen könnte. Die Produktivitätsgewinne würden dennoch hinter anderen G7-Ländern zurückbleiben. Carney will diesen Kurs beschleunigen; ob das die strukturelle Produktivitätslücke schließt, bezweifeln unabhängige Ökonomen.
2,3 Milliarden für Compute, Kapital und Qualifizierung
Die Strategie "AI for All", die Carney am 4. Juni in Toronto vorstellte, bündelt drei Förderrichtungen.
Erstens Kapital für Unternehmen: Die staatliche Business Development Bank stellt 500 Millionen Kanadische Dollar bereit, mit denen kleine und mittlere Unternehmen Zugang zu KI-Werkzeugen finanzieren können. Bisher scheiterten viele KMUs an den Einstiegskosten der notwendigen Software und Infrastruktur.
Zweitens Rechenkapazität: Der AI Compute Access Fund wird von 300 Millionen auf eine Milliarde Kanadische Dollar aufgestockt. Damit sollen Rechenzentren entstehen, die bis 2030 mindestens 850 Megawatt Leistung bereitstellen. Ergänzt wird das durch einen öffentlichen KI-Supercomputer. Hintergrund ist eine Engpasssituation: Kanadische Unternehmen verlieren nach Darstellung der Regierung Aufträge, weil ihnen die nötige Recheninfrastruktur fehlt.
Drittens Qualifizierung: Eine Nationale KI-Literacy-Initiative soll eine Million Hochschulstudierende mit KI-Grundkenntnissen ausstatten. Zusätzlich finanziert die Regierung bis zu 90.000 Praktika und Arbeitsstellen im KI-Bereich für junge Kanadierinnen und Kanadier. Diese 90.000 Plätze sind ein anderes Programm als die versprochenen 250.000 neuen Jobs insgesamt. Letztere sollen nicht direkt staatlich finanziert werden, sondern durch den KI-getriebenen Produktivitätsschub in der Gesamtwirtschaft entstehen.
Adoption ohne Schutz: die Kritik
Melissa Lantsman, stellvertretende Vorsitzende der Konservativen Partei, nannte die Strategie "sehr ambitioniert, aber mit vielen Detaillücken". Besonders die Sicherheitsversprechen seien "nirgendwo in den Dokumenten zu finden". Die Konservativen verweisen auf einen schmerzhaften Kontext: Seit Januar 2026 haben mehr als 112.000 Kanadierinnen und Kanadier ihren Job verloren, unter anderem durch Handelsturbulenzen infolge der US-Zölle. Wie 250.000 neue entstehen sollen, legt das Strategiedokument nicht schlüssig dar.
Noch schärfer fiel die Kritik der NDP aus. Abgeordneter Don Davies sagte, die Strategie lasse "Kanadier gefährlich ungeschützt" und forderte eine "Menschen-zuerst-KI-Strategie". Parteichef Avi Lewis kritisierte gegenüber The Tyee, das Programm setze auf Adoptionsanreize, ohne klare Regulierungsrahmen oder Arbeitnehmerschutz zu liefern. In Vancouver gingen Anwohner gegen neue Rechenzentren auf die Straße, die Lärm, Wasserverbrauch und Bodenversiegelung befürchten.
Das strukturelle Problem: Die Strategie enthält nach aktuellem Stand keine verbindlichen Zeitrahmen für neue KI-Sicherheitsgesetze und keine Durchsetzungsarchitektur für Risikofälle.
Ein dritter Weg zwischen Brüssel und Washington
Carney positioniert Kanada zwischen zwei Extremen. Die Europäische Union hat mit dem AI Act den Weg der Regulierung zuerst gewählt: verbindliche Risikoklassen, Verbote für Hochrisikoanwendungen, Bußgelder bis zu sieben Prozent des Jahresumsatzes. Die USA unter Präsident Donald Trump haben die Gegenrichtung eingeschlagen: eine Durchführungsverordnung, die Regulierung minimal hält und auf freiwillige Industriestandards setzt.
Kanada beansprucht einen mittleren Kurs: Adoption fördern, aber verantwortungsvoll. In der Praxis bedeutet das bislang, dass ein erweitertes Canadian AI Safety Institute mehr Kapazität bekommt, konkrete Durchsetzungsbefugnisse aber unklar bleiben. Die Regierung will bestehende Datenschutzgesetze modernisieren und Deepfakes sowie Surveillance Pricing unterbinden, also die automatische Preisgestaltung auf Basis von Nutzerverhaltensdaten. Eine eigenständige KI-Aufsichtsbehörde mit Sanktionsmöglichkeiten gibt es nicht.
Deutschland geht einen anderen Weg: Der KI-Robotikbooster der Bundesregierung fokussiert auf industrielle KI und verkörperte Intelligenz, also humanoide Roboter und lernfähige Fabriksysteme. Kanadas Ansatz ist breiter angelegt, dafür weniger auf konkrete Industriebranchen zugeschnitten.
Von zwölf auf sechzig Prozent bis 2034
Die ehrgeizigste Zahl des Programms ist die Adoptionszielmarke: 60 Prozent bis 2034. Das wäre eine Verfünffachung in acht Jahren. Das C.D. Howe Institute projiziert selbst unter optimistischen Annahmen eher 48 Prozent bis 2036. Die Regierung liegt also deutlich über dem Markttrend und die Differenz ist größer als sie klingt: Zwischen 48 und 60 Prozent liegen Tausende von Unternehmen, die aktiv überzeugt oder unterstützt werden müssten.
Die nächsten konkreten Schritte sind die Ausschreibungen für den KI-Supercomputer und die Vergabe der Bildungsförderung im laufenden Jahr. Gesetzgebung zur Regulierung von KI-Risiken ist für 2026 und 2027 angekündigt, ohne feste Termine. Kanada hat damit eine Strategie, aber noch keinen Fahrplan für ihren schwierigsten Teil: den Schutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die nicht zu den 90.000 Gewinnern des Programms gehören werden.
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