Russland 2026: Schrumpfende Wirtschaft, nervöse Eliten
Russlands Wirtschaft schrumpfte in den ersten beiden Monaten dieses Jahres um 1,8 Prozent. Vizeregierungschef Alexander Nowak korrigierte die staatliche Wachstumsprognose für 2026 von 1,3 auf 0,4 Prozent. Das allein wäre schon bemerkenswert. Was die Lage grundlegend verändert: Erstmals seit dem Beginn der Invasion 2022 hat Moskau die Verteidigungsausgaben gesenkt und in Putins Führungskreis herrscht laut Berichten von Exilmedien und westlichen Geheimdiensten eine Paranoia, die Insider als Zustände mit stalinistischen Ausmaßen beschreiben.
Kriegswirtschaft am Wendepunkt
Die russische Wirtschaft lief seit 2022 im Rüstungsmodus. Staatliche Aufträge pumpten Geld in Waffenfabriken, die Arbeitslosigkeit sank auf unter 3 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt wuchs. Hinter dieser Kulisse akkumulierten sich Probleme, die 2026 gleichzeitig sichtbar werden. Der russische Oppositionsökonom Wladimir Milow hatte diese Konstellation bereits zu Jahresbeginn als unheilige Dreifaltigkeit beschrieben: Rezession, Inflation und Haushaltskrise treffen erstmals gemeinsam auf. Russlands größte Bank, die Sberbank, rechnet für das gesamte Jahr mit einem Wachstum von nur 0,5 bis 1 Prozent bei einer Inflation von 6 bis 6,5 Prozent.
Die auffälligste Kennziffer ist die Entwicklung beim Rüstungsetat. Moskau kürzte die Verteidigungsausgaben für 2026 um 6,7 Prozent: von 13,5 auf 12,6 Billionen Rubel. Das ist das erste Mal seit der Invasion im Februar 2022, dass der Rüstungsetat sinkt. Gleichzeitig erhöhte die russische Regierung 2025 die Steuern: Der Einkommensteuer-Spitzensatz stieg auf 22 Prozent, die Mehrwertsteuer ebenfalls auf 22 Prozent. Der Versuch, den Haushalt über Steuererhöhungen zu konsolidieren, zeigt, wie knapp die Spielräume geworden sind.
Der Internationale Währungsfonds hat seine Russland-Prognose auf ebenfalls 0,4 Prozent gesenkt. Das ist ungewöhnlich: Normalerweise weichen russische Eigenprognosen von IWF-Schätzungen merklich ab, weil Moskau die Zahlen historisch eher freundlich auslegte. Dass beide Prognosen jetzt übereinstimmen, deutet darauf hin, dass Nowaks Korrektur der politische Mindestkonsens ist, nicht die optimistische Variante.
Paranoia im Führungskreis
Parallel zur wirtschaftlichen Eintrübung verdichten sich Berichte über die politische Stimmung im Kreml-Innenzirkel. Das russische Exilmedium Wichtige Geschichten (Важные истории) berichtete im Mai unter Berufung auf einen europäischen Geheimdienstbericht, Putin fürchte einen Anschlag oder Putschversuch aus dem Innern der Elite. Drohnen seien dabei als mögliches Mittel für ein Attentat identifiziert worden. Insider aus dem Kreml-Umfeld beschreiben die Atmosphäre als von tief paranoid-stalinistischen Zuständen geprägt, in denen Führungskräfte jede eigene Kommunikation als potenziell abgehört betrachten.
Michael McFaul, früherer US-Botschafter in Russland und einer der profiliertesten Russlandexperten des Westens, sieht wachsende Risse im Machtapparat des Kremls. Er verwies auf das Moskauer Wirtschaftsforum im April, auf dem prominente russische Ökonomen ungewöhnlich offene Kritik an der Wirtschaftspolitik geäußert hätten. Solche Aussagen seien 2022 noch vollständig undenkbar gewesen. Der Deutschlandfunk, der mehrere Russlandexperten befragte, zitierte die Einschätzung, das Regime sei ins Wanken geraten. Im Zentrum stehe keine offene Opposition, sondern eine tiefe Verunsicherung: Auch Loyale wissen nicht mehr, was sie schützt.
Als Reaktion auf die Kritik verschärfte der Kreml die Internetkontrolle drastisch. Die Medienaufsichtsbehörde Roskomnadzor schränkte Telegram-Kanäle ein, die Analysen zur Wirtschaftslage veröffentlichten. VPN-Dienste, über die Millionen Russinnen und Russen gesperrte Seiten aufrufen, werden zunehmend blockiert. Die Unterdrückung von Wirtschaftskritik ist neu: Während Putin Berichte über militärische Rückschläge lange schon zensierte, galten Wirtschaftsdebatten bisher als relativ sicheres Terrain.
Was die Zahlen für den Krieg bedeuten
Die Kürzung des Rüstungsetats muss man einordnen. Russland gibt immer noch 12,6 Billionen Rubel pro Jahr für die Rüstung aus. Das ist keine Entwaffnung. Aber die erstmalige Senkung zeigt, dass Moskau beginnt, wirtschaftliche Grenzen anzuerkennen, die es jahrelang ignoriert hat. Und das Signal ist strategisch relevant: Wenn Rüstungsausgaben und Wirtschaftswachstum gleichzeitig sinken, während die Inflation hoch bleibt, gerät die Finanzierung des Krieges unter strukturellen Druck.
Für die Ukraine ist das ein ambivalentes Signal. Ein wirtschaftlich erschöpftes Russland könnte verhandlungsbereiter werden. Es könnte aber auch die militärischen Mittel konzentrierter einsetzen, um mit knapperen Ressourcen maximalen Schaden anzurichten. Die Reduzierung der Drohnen- und Raketenproduktion würde sich nicht sofort in weniger Angriffen niederschlagen, weil bestehende Bestände über Monate aufgebraucht werden müssen, bevor weniger Angriffe spürbar würden.
Die Sanktionen des Westens zeigen erst jetzt, nach vier Jahren, ihre kumulative Wirkung. Technologieimporte sind eingeschränkt, Energieexporterlöse durch den gesunkenen Ölpreis geringer, Schattenflotten zur Sanktionsumgehung stoßen an Kapazitätsgrenzen. Russland hat diese Probleme durch staatliche Ausgaben und Militärkonjunktur überdeckt. Diese Überdeckung kostet nun mehr, als der Haushalt hergibt.
Die Haushaltsfrage 2027: Russlands nächster Stresstest
Im Herbst 2026 beginnen in Russland die Haushaltsverhandlungen für 2027. Sie werden zeigen, ob die aktuelle Korrektur ein einmaliger Rückgang ist oder der Beginn einer strukturellen Konsolidierung auf Kosten der Kriegsfähigkeit. Nowak hat angedeutet, dass keine weiteren Steuererhöhungen geplant sind. Aber wenn das Wirtschaftswachstum bei 0,4 Prozent stagniert und die Kriegskosten nicht entsprechend sinken, ist diese Zusage kaum zu halten. Der Nationale Wohlstandsfonds, Russlands Reservepuffer für Krisenzeiten, ist nach Einschätzung westlicher Ökonomen bei aktuellem Ausgabetempo mittelfristig erschöpft. Dann würde die Wahl zwischen Hyperinflation und Kriegsfinanzierung zu einer wirtschaftlichen Frage werden, die Putin bislang durch Buchführungsoptimismus aufgeschoben hat. Der Herbst wird zeigen, ob Russland diese Entscheidung noch einmal vertagen kann.
Kommentare