Ölkonzern betreibt weltgrößte CO2-Saugmaschine
Im texanischen Ector County nimmt gerade die weltgrößte Anlage zur direkten CO2-Abscheidung aus der Luft ihren Betrieb auf. STRATOS, betrieben von 1PointFive, einer Tochtergesellschaft des Ölkonzerns Occidental, soll bei voller Kapazität 500.000 Tonnen CO2 pro Jahr aus der Atmosphäre entfernen. Das entspricht in etwa dem jährlichen Ausstoß von 100.000 Deutschen und demonstriert erstmals, dass industrielle CO2-Entnahme in diesem Maßstab technisch möglich ist.
Wie die Anlage CO2 aus der Luft holt
Bei der direkten Luftabscheidung (Direct Air Capture, DAC) wird Außenluft durch Ventilatoren in Kontakt mit einer chemischen Lösung gebracht, die CO2 selektiv bindet. STRATOS nutzt eine von Carbon Engineering entwickelte Flüssigtechnologie: Eine wässrige Kaliumhydroxidlösung reagiert mit dem CO2 aus der Luft und bildet Kaliumkarbonat. Durch anschließende Erhitzung (Kalzinierung) wird das CO2 konzentriert und abgetrennt. Es wird dann komprimiert und in tiefe Salzsoleaquifere unter der texanischen Erdoberfläche gepresst, wo es dauerhaft gespeichert bleibt.
Das Verfahren ist energieintensiv. 1PointFive gibt an, STRATOS werde mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen betrieben, um die CO2-Bilanz der Anlage nicht durch Eigenemissionen zu belasten. Kritiker weisen darauf hin, dass der texanische Strommix noch zu großen Teilen auf fossilen Brennstoffen beruht und die tatsächliche Nettobilanz der Anlage schwer zu verifizieren sei.
Im Vergleich: Was andere Anlagen leisten
Bisher war die isländische Anlage Mammoth von Climeworks die größte DAC-Anlage der Welt. Mammoth, die 2024 in Betrieb ging, scheidet laut Herstellerangaben 36.000 Tonnen CO2 pro Jahr ab. STRATOS soll bei voller Kapazität 500.000 Tonnen erreichen, das Vierzehnfache von Mammoth. Die globale DAC-Kapazität lag vor STRATOS bei rund 57.000 Tonnen pro Jahr. Mit STRATOS steigt sie auf über 550.000 Tonnen.
Zum Einordnen dieser Größenordnung: Die Menschheit emittiert laut IPCC-Schätzungen rund 37 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr. 500.000 Tonnen entsprechen etwa 0,0014 Prozent davon. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat berechnet, dass im Netto-Null-Szenario bis 2050 rund eine Milliarde Tonnen CO2 jährlich mechanisch aus der Atmosphäre entnommen werden müssten. STRATOS ist damit ein bedeutender Beweis der technischen Machbarkeit, aber kein Gamechanger für das Globalklima.
Was STRATOS dennoch von früheren Anlagen unterscheidet: das modulare Design mit mehreren parallelen Produktionseinheiten (sogenannten "Trains"), das eine stufenweise Skalierung erlaubt und die erstmals in diesem Maßstab demonstrierte wirtschaftliche Betreibbarkeit unter realen industriellen Bedingungen.
Microsoft als Abnehmer, Occidental als Betreiber
Der größte Einzelkäufer für die STRATOS-Kohlenstoffentnahme-Zertifikate ist Microsoft. Das Unternehmen hat sich laut 1PointFive vertraglich verpflichtet, 500.000 Tonnen CO2-Entnahme zu kaufen, was nach eigenen Angaben den bisher größten einzelnen DAC-Kaufvertrag darstellt. Microsoft hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 kohlenstoffneutral zu werden und bis 2050 alle historischen Emissionen seit Unternehmensgründung 1975 auszugleichen.
Dass ausgerechnet ein Ölkonzern die weltgrößte Klimaanlage betreibt, wirft Fragen auf. Occidental produziert täglich rund 1,2 Millionen Barrel Öl; die CO2-Emissionen aus der Verbrennung dieser Menge übersteigen die jährliche STRATOS-Kapazität bei weitem. Die Anlage ist für Occidental auch ein Geschäftsmodell: Kohlenstoffentnahme-Zertifikate werden zu Preisen zwischen 400 und 1.000 US-Dollar pro Tonne gehandelt. Bei voller Auslastung könnte STRATOS damit bis zu einer halben Milliarde US-Dollar Jahresumsatz erzielen.
Worauf Klimaforscher und NGOs hinweisen
Mehrere Klima-NGOs und Wissenschaftler kritisieren das STRATOS-Modell als strukturelles Greenwashing. Der Vorwurf: Direct Air Capture in der Hand eines Ölkonzerns dient nicht primär dem Klimaschutz, sondern liefert eine Legitimation, die fossile Förderung fortzusetzen. Occidental hat in den letzten Jahren mehrfach angekündigt, abgeschiedenes CO2 für Enhanced Oil Recovery (EOR) zu nutzen, also CO2 in alte Ölfelder zu pressen, um zusätzliche Fördermengen zu erschließen. Pro Tonne verpresstes CO2 lassen sich auf diese Weise zwei bis drei zusätzliche Barrel Öl gewinnen.
Das Climate Justice Alliance Network und Greenpeace USA haben in Stellungnahmen geschrieben, der DAC-Boom ermögliche es Ölkonzernen, ihr Geschäftsmodell als "klimaneutral" zu vermarkten, während die fossilen Emissionen aus der Verbrennung des geförderten Öls ein Vielfaches der Abscheidung betragen. Auch das International Institute for Sustainable Development (IISD) warnt: Solange CO2-Abscheidung billiger gefördert wird als Emissionsvermeidung an der Quelle, verzögert sie den Strukturwandel statt ihn zu beschleunigen.
Hinzu kommt die Frage der Energiebilanz: DAC-Anlagen brauchen rund 1.500 bis 2.000 Kilowattstunden Strom pro Tonne abgeschiedenem CO2. Im texanischen Strommix, der laut Energy Information Administration weiterhin zu rund 60 Prozent auf Erdgas und Kohle beruht, ist die Netto-Klimabilanz nach Berechnungen unabhängiger Forscher unklar. 1PointFive verspricht eine Versorgung aus erneuerbaren Energien, hat aber die genauen Lieferkettenverträge bisher nicht öffentlich gemacht.
Der Fahrplan durch 2026
STRATOS begann laut 1PointFive Anfang 2026 mit dem phasenweisen Hochfahren der Produktionskapazität. Volle Betriebskapazität soll im weiteren Verlauf des Jahres 2026 erreicht sein. Rund eine Milliarde US-Dollar sollen die Baukosten betragen, was einem Preis von 2.000 US-Dollar pro Tonne jährlicher Kapazität entspricht.
Die Branche rechnet damit, dass diese Kosten durch Skaleneffekte in den nächsten Jahrzehnten deutlich sinken werden, ähnlich wie bei der Solarenergie: Ein Solarmodul kostete 1976 noch rund 100 US-Dollar pro Watt; heute liegt der Preis unter 0,30 US-Dollar. Wenn eine ähnliche Lernkurve für DAC gilt, könnte CO2-Abscheidung in einigen Jahrzehnten wirtschaftlich konkurrenzfähig zu anderen Klimaschutzmaßnahmen werden. STRATOS ist der erste Hinweis, dass dieser Weg zumindest industriell gangbar ist.
Aktualisierungen
Update 5. Mai, 11:34 Uhr: Dieser Beitrag wurde nach Hinweisen aus der Community überarbeitet. Die Erstfassung war als Good-News-Artikel angelegt und stellte den positiven Aspekt der Anlage (technische Machbarkeit, Microsoft-Vertrag) zu prominent in den Vordergrund, während der Konflikt zwischen Occidentals Kerngeschäft als Ölproduzent und der Klimaschutz-Erzählung nur am Rand erwähnt wurde. Headline, Lead und Kategorie wurden geändert, eine eigene Kritik-Sektion ergänzt. Die zugrundeliegenden Fakten der Erstfassung bleiben gültig.
Kommentare