Anschlag auf Stromnetz: 20.000 Haushalte in Reutlingen
Um 1:43 Uhr klingelte bei der Reutlinger Feuerwehr das erste Telefon: Brand im Umspannwerk Reutlingen-West. Zwei Minuten später der zweite Alarm: Feuer auch in einer weiteren Netzanlage. Am Morgen standen 200 Einsatzkräfte vor verkohlten Transformatoren, rund 40.000 Menschen in Reutlingen hatten keinen Strom und der Staatsschutz Baden-Württemberg hatte die Ermittlungen übernommen. Drei gleichzeitige Brandstellen, ein aufgeschnittener Zaun: Der Netzbetreiber Netze BW hat Strafanzeige erstattet.
Was in der Nacht passierte
Die Feuerwehr rückte um 1:43 Uhr aus und fand im Umspannwerk Reutlingen-West zwei Transformatoren in Flammen. Der Brand war um 2:15 Uhr unter Kontrolle und um 3:30 Uhr gelöscht. 200 Einsatzkräfte waren im Einsatz. Die Kernstadt Reutlingens hatte ab etwa 6 Uhr morgens wieder Strom. Stadtteile wie Betzingen, Ohnenhausen und das Industriegebiet Mark West blieben deutlich länger ohne Versorgung. Mehrere Stunden nach dem Brandereignis waren nach Angaben von Netze BW noch rund 7.600 Haushalte, etwa 30.000 Menschen, ohne Strom.
Innenminister Manuel Hagel sprach von insgesamt rund 40.000 betroffenen Menschen. Der Schaden an der Anlage wird auf mehrere Millionen Euro geschätzt. Die Vollversorgung aller Stadtteile, so die Prognose von Netze BW, könnte bis zu 48 Stunden dauern, da beschädigte Transformatoren nicht binnen Stunden ausgetauscht werden können.
Das Kreisklinikum: Zehn Operationen verschoben
Das Klinikum am Steinenberg, Teil der Kreiskliniken Reutlingen, lief bis etwa 6 Uhr auf Notstromaggregaten. Zehn geplante Operationen wurden bis zum Mittag verschoben. Verletzte wurden durch den Ausfall nicht gemeldet. Die Klinik konnte die unmittelbare Notfallversorgung aufrechterhalten, aber der Notstrombetrieb bringt Einschränkungen mit sich: Klimaanlagenanlagen, Fahrstühle und Teile der Kommunikationsinfrastruktur laufen nicht auf voller Kapazität.
Dass der Vorfall überhaupt so glimpflich ausging, liegt an Vorschriften, die seit Jahren gelten: Krankenhäuser der Maximalversorgung sind in Deutschland gesetzlich verpflichtet, Notstromaggregate vorzuhalten, die einen vollständigen Netzausfall für mindestens 24 Stunden überbrücken können. In Reutlingen hat diese Vorschrift funktioniert.
Drei Brandstellen und ein aufgeschnittener Zaun
Netze BW teilte mit, bei der Inspektion der Anlage seien drei separate Brandstellen gefunden worden. Zusätzlich seien der Zaun und das Gelände vor der Anlage beschädigt worden. Der Netzbetreiber erklärte: „Es bestehen Anhaltspunkte dafür, dass der Brand durch eine vorsätzliche Straftat gelegt wurde.“ Der Staatsschutz Baden-Württemberg hat die Ermittlungen übernommen, was auf einen möglichen politisch motivierten Hintergrund hindeutet.
Innenminister Hagel betonte, man ermittle ergebnisoffen. Oberbürgermeister Thomas Keck warnte, drei gleichzeitige Brände müssten nicht zwangsläufig auf Brandstiftung hindeuten. Der Verfassungsschutz Baden-Württemberg teilte mit, es liege noch kein Bekennerschreiben vor. Aus Sicherheitskreisen verlautete jedoch, das Vorgehen erinnere an ähnliche Anschläge in Berlin und es bestünden Hinweise auf ein linksextremistisches Täterumfeld.
Das Berliner Muster von 2025 und 2026
Die Parallele zu Berlin ist nicht neu. Am 9. September 2025 legten Unbekannte Feuer an zwei Strommasten in Berlin-Adlershof und mehreren Ortschaften in Brandenburg. Rund 50.000 Privathaushalte und etwa 2.000 Gewerbetriebe lagen bis zu 60 Stunden ohne Strom. Die Berliner Polizei ermittelt seitdem wegen des Verdachts einer linksextremistischen Tat gegen vier Verdächtige im Alter von 28 bis 36 Jahren. Im Januar 2026 ereignete sich ein weiterer Ausfall in Berlin, der rund 100 Stunden andauerte. Im März 2026 führte das Landeskriminalamt Berlin Durchsuchungen in Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Kyritz durch, ohne jedoch Verhaftungen vorzunehmen.
Das Ziel Umspannwerk ist für militante Linksextremisten kein neues Konzept. Infrastrukturanschläge auf die Energieversorgung haben in der linksextremen Szene eine längere ideologische Tradition. Die Anschläge richten sich nicht primär gegen Menschen, sondern gegen das, was die Szene als „Infrastruktur des Kapitals“ bezeichnet. Reutlingens Lage als Industriestandort mit mehreren großen Arbeitgebern passt in dieses Zielschema.
48 Stunden bis zur Vollversorgung: Verwundbare Infrastruktur
Der Reutlinger Vorfall wirft eine Frage auf, die der Vorfall in Berlin bereits 2025 gestellt hatte: Wie schutzwürdig sind Umspannwerke? In Deutschland gibt es rund 800 Hochspannungsumspannwerke, viele davon mit keiner oder minimaler physischer Absicherung außer einem Zaun. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat kritische Energieinfrastruktur als Schutzobjekt eingestuft, aber konkrete bundesweite Mindeststandards für die physische Sicherung von Mittelspannungsanlagen und Niederspannungsanlagen gibt es nicht.
Das Bundesinnenministerium hat nach dem ersten Berliner Vorfall 2025 einen Maßnahmenkatalog angekündigt, der auch Empfehlungen zur physischen Sicherung von Umspannwerken enthalten sollte. Ob und inwieweit diese Empfehlungen in Baden-Württemberg umgesetzt wurden, konnte Netze BW auf Anfrage zunächst nicht beantworten. Die Millionenschäden und die tagelange Vollversorgungslücke zeigen: Ein aufgeschnittener Zaun und zwei brennende Transformatoren reichen aus, um Zehntausende Menschen von der Grundversorgung abzuschneiden.
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