Mehr Gäste, weniger Geld: Das Tourismus-Paradox
Wirtschaft

Mehr Gäste, weniger Geld: Das Tourismus-Paradox

Deutschland zählt im ersten Quartal 2026 so viele Übernachtungen wie lange nicht. Trotzdem sinken die realen Umsätze im Gastgewerbe auf den niedrigsten Stand seit 2022. Ein Paradox, das tief in die Struktur der Branche reicht.

3. Juni 2026, 7:11 Uhr 780 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Im ersten Quartal 2026 buchten Reisende in Deutschland 86,7 Millionen Übernachtungen, 2,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der März allein brachte 33,6 Millionen Übernachtungen, davon 28,3 Millionen von inländischen Gästen, ein Plus von 3,8 Prozent. Wer diese Zahlen sieht, könnte glauben, das Gastgewerbe erlebt seinen erhofften Aufschwung. Die Umsatzzahlen zeichnen das Gegenteil: Real sanken die Erlöse im Gastgewerbe im März 2026 um 5,2 Prozent. Es ist der niedrigste Stand seit März 2022.

Zwei Berichte, ein Widerspruch

Das Statistische Bundesamt (Destatis) veröffentlichte im Mai 2026 zwei Berichte, die sich auf den ersten Blick widersprechen. Auf der Seite der Gästezahlen ist der Trend eindeutig positiv. Deutschland verzeichnete in Beherbergungsbetrieben ab zehn Betten im ersten Quartal 86,7 Millionen Übernachtungen, ein Anstieg von 2,5 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2025. Besonders auffällig: Deutsche Gäste reisen häufiger im eigenen Land. Im März buchten 28,3 Millionen inländische Gäste eine Übernachtung, das stärkste Wachstumssegment des Berichts.

Auf der Seite der Einnahmen kehrt sich das Bild um. Der reale Umsatz im Gastgewerbe, also der um Preissteigerungen bereinigte Wert, fiel im März 2026 um 5,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Gastronomie-Betriebe verloren real 5,7 Prozent, Hotels und Pensionen immerhin 4,2 Prozent. Damit liegen die Erlöse auf dem tiefsten Niveau seit März 2022, einer Zeit, als die Branche noch mit den unmittelbaren Nachwirkungen der Pandemie rang. Dass beide Werte im selben Monat zutreffen, ist kein Rechenfehler, sondern ein Strukturproblem.

Der Energieschock und die Sparsamkeit der Gäste

Der Schereneffekt entsteht, weil Gäste pro Besuch weniger ausgeben, während Betriebe für denselben Gast mehr aufwenden müssen.

Energiekosten belasten Gastronomie und Hotellerie seit dem Ausbruch der Hormus-Krise im Frühjahr 2026 erneut stark. Restaurants und Küchenbetriebe verbrauchen pro Quadratmeter deutlich mehr Energie als der Einzelhandel. Kleine und mittlere Betriebe können langfristige Lieferverträge meist nicht abschließen und zahlen dadurch höhere Spotpreise. Dazu kommen Lebensmittelpreise, die seit 2022 auf erhöhtem Niveau verharren und sich nicht in gleichem Maß normalisiert haben wie etwa Rohöl.

Auf der anderen Seite zeigen Daten des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW), dass 40 Prozent der befragten Deutschen angaben, im Jahr 2026 beim Reisen sparen zu wollen. Das schlägt sich in der Rechnung nieder: kein zweites Getränk, das günstigere Gericht, frühere Abreise. Die Gäste kommen, aber sie geben pro Aufenthalt weniger aus. Die Branche wächst im Volumen, schrumpft im Wert.

Hinzu kommt der Personalmangel. Fachkräfte verlassen das Gastgewerbe seit Jahren in Richtung Industrie und Handel, wo Löhne höher und Arbeitszeiten verlässlicher sind. Wer dennoch öffnen will, setzt teurere Aushilfskräfte ein. Die Personalkosten steigen, ohne dass die Einnahmen mithalten. Das Ergebnis ist eine Kostenspirale, die keine gute Konjunktur von außen allein lösen kann.

Was das für die 2,1 Millionen Beschäftigten bedeutet

Im deutschen Gastgewerbe sind rund 2,1 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hat erhoben, dass 90 Prozent der Beschäftigten in Gastronomie und Hotellerie einen gestiegenen Arbeitsaufwand melden; 73 Prozent nennen Personalmangel als wesentlichen Grund. Mehr Gäste bedeuten mehr Arbeit, aber das Personal, das diese Arbeit aufteilen könnte, ist nicht da.

Die NGG fordert für die laufenden Tarifrunden Lohnerhöhungen zwischen 4 und 6 Prozent. Das kollidiert mit den wirtschaftlichen Realitäten vieler Betriebe: Wenn reale Umsätze fallen, obwohl Gästezahlen steigen, fehlt der finanzielle Spielraum für Lohnzuwächse. Betriebe, die trotzdem keine Erhöhungen gewähren, riskieren weitere Abwanderung. Der Kreislauf ist geschlossen und er dreht sich in die falsche Richtung.

Aus Verbraucherperspektive bedeutet das: Die Preise für Restaurantbesuche und Übernachtungen werden weiter steigen, auch wenn die nominalen Kosten der Betriebe sinken sollten. Betriebe, die Verluste kompensieren wollen, geben sie an die Preisliste weiter. Für Haushalte im unteren Einkommensdrittel wird ein Restaurantbesuch damit zunehmend zu einer Gelegenheitsausgabe statt zur Gewohnheit.

Sommersaison entscheidet über die Richtung

Traditionell entfällt gut die Hälfte aller Jahresübernachtungen auf die Monate Juni bis September. Die Frühjahrszahlen lassen noch keinen Rückschluss darauf zu, ob der Sommer die realen Umsatzverluste aufholen kann.

Zwei Indikatoren werden in den kommenden Monaten Aufschluss geben. Erstens veröffentlicht Destatis die Daten für April und Mai Ende Juni; diese zeigen erstmals, ob die Tagesausgaben der Gäste mit den Besucherzahlen mitgezogen haben. Zweitens entscheidet die NGG-Tarifrunde im Herbst 2026 darüber, ob die 2,1 Millionen Beschäftigten reale Lohnzuwächse erhalten oder ob der Personalschwund anhält und Betriebe ihre Kapazitäten weiter einschränken müssen. Von der Antwort auf diese Frage hängt ab, ob das Tourismus-Paradox des ersten Quartals ein vorübergehender Datenpunkt bleibt oder sich als strukturelle Schwäche verfestigt.

Quellen (6)

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