Vier russische Schiffe im Kaspischen Meer getroffen
Seit Kriegsbeginn 2022 feuert Russlands Kaspische Flottille von einem Binnenmeer im Süden des Landes Kalibr-Marschflugkörper auf ukrainische Städte ab, mehr als tausend Kilometer von der Front entfernt, bisher außerhalb ukrainischer Reichweite. Im Mai 2026 hat sich das geändert. Die Ukraine traf innerhalb von drei Wochen vier russische Militärschiffe im Hafen Kaspijsk mit Drohnen aus eigener Produktion und einer Reichweite, die bis dahin in diesem Krieg ohne Entsprechung war.
Die vier Treffer im Mai
Am 7. Mai traf eine ukrainische Fire-Point-FP-2-Drohne eine Korvette der Karakurt-Klasse (Projekt 22800) im Marinehafen Kaspijsk in Dagestan. Kaspijsk ist seit 2020 Hauptstützpunkt der russischen Kaspischen Flottille und liegt rund 1.500 Kilometer von der ukrainischen Frontlinie entfernt. Den Angriff führte das ukrainische Kommando für unbemannte Systeme durch. Am 15. Mai traf dieselbe Einheit in der gleichen Basis zwei weitere Schiffe: ein kleines Raketenschiff und ein Minensuchboot. Am 16. Mai schlugen die ukrainischen Kräfte erneut zu: Ein Patrouillenboot der Projekt-10410-Klasse, das dem russischen Grenzdienst des FSB untersteht, wurde durch eine Fire-Point-FP-1-Drohne am Heck getroffen, rund 986 Kilometer hinter der Frontlinie.
Den genauen Umfang der Schäden hat Russland nicht bestätigt. Das ukrainische Militär meldet, alle vier Schiffe seien außer Gefecht gesetzt worden. Westliche Beobachter stufen die Angriffe auf Basis verfügbarer Aufklärungsdaten als erfolgreiche Präzisionstreffer ein, können das Schadensausmaß jedoch nicht unabhängig verifizieren.
Russlands letzter sicherer Seeraum
Das Kaspische Meer hat in Russlands Kriegsstrategie eine spezifische Funktion. Es ist das einzige größere Gewässer, das Russland nutzen kann, ohne mit ukrainischen Langstreckenwaffen oder westlicher Marineaufklärung direkt konfrontiert zu werden. Die Türkei hat auf Grundlage der Montreux-Konvention den Bosporus für Kriegsschiffe der Konfliktparteien gesperrt. Die Schwarzmeerflotte kann nicht verstärkt werden. Das Kaspische Meer bot bisher einen Ausweg: Von Kaspijsk aus können Schiffe der Buyan-M-Klasse und Karakurt-Klasse Kalibr-Marschflugkörper mit einer Reichweite von bis zu 2.500 Kilometern abfeuern. Die Flottille war Russlands stille Abschussrampe, die kein ukrainisches System erreichen konnte.
Russland hat diesen Raum auch diplomatisch abgesichert. Im Oktober 2024 unterzeichneten Russland, Iran, Kasachstan und Aserbaidschan einen Kooperationspakt, der ausländische Militärpräsenz im Kaspischen Meer ausdrücklich ausschließt. Dieser Pakt richtete sich gegen potenzielle westliche Präsenz. Gegen ukrainische Drohnen, die 1.500 Kilometer durch russischen Luftraum fliegen, bietet er keinen Schutz.
Der Wolga-Don-Kanal als Flaschenhals
Das Kaspische Meer ist vollständig von Land umschlossen: Russland, Kasachstan, Turkmenistan, Iran und Aserbaidschan teilen seine Küsten. Die einzige Wasserverbindung zu anderen russischen Gewässern ist der Wolga-Don-Kanal, der das Meer über die Wolga mit dem Don und damit dem Asowschen Meer verbindet. Dieser Kanal hat enge technische Grenzen: Die Schleusen erlauben nur Schiffe bis zu einer bestimmten Breite und einem begrenzten Tiefgang. Schiffe für das Kaspische Meer müssen eigens für die Kanaldurchfahrt dimensioniert sein.
Das bedeutet: Beschädigte oder zerstörte Einheiten lassen sich nicht durch Überführung aus der Schwarzmeerflotte oder der Baltischen Flotte ersetzen. Russland müsste Neubauten in der richtigen Kanalklasse bestellen, produzieren und über den Kanal überführen. Die Karakurt-Klasse hat eine Bauzeit von mehreren Jahren. Hinzu kommt, dass Russlands Schiffbaukapazitäten durch westliche Sanktionen und den allgemeinen Kriegsverschleiß bereits stark beansprucht sind. Wer die Kaspische Flottille trifft, trifft etwas, das Russland strukturell nicht schnell ersetzen kann.
Die Fire-Point-Drohnen, mit denen die Ukraine die Angriffe durchführte, sind eigene Entwicklungen. Das FP-2-System, das beim Angriff auf die Karakurt-Korvette verwendet wurde, überbrückt nach ukrainischen Militärangaben Entfernungen von mehr als 1.500 Kilometern. Die FP-1, eingesetzt beim FSB-Patrouillenboot, schlug 986 Kilometer hinter der Frontlinie ein. Beide Systeme wurden in der Ukraine entwickelt und produziert, ohne westliche Langstreckenkomponenten zu benötigen.
Territoriale Wende hält im Mai an
Parallel zur Drohnenkampagne setzt sich Ukraines Geländewende fort. Seit Februar 2026 gewinnt die Ukraine netto mehr Territorium zurück als sie an Russland verliert, zum ersten Mal seit dem Kursk-Vorstoß im Sommer 2024. Im Zeitraum vom 12. bis 19. Mai verlor Russland nach Angaben westlicher Analysten rund 75 Quadratkilometer; in den vier Wochen davor waren es netto 179 Quadratkilometer russischer Verlust.
Selenskyj hat die Entwicklung öffentlich bestätigt und betont, die Ukraine erhöhe gezielt die Reichweite ihrer Angriffe auf russische Militärinfrastruktur. Die Kaspischen Treffer passen in dieses Muster: Statt ausschließlich auf der eigenen Frontlinie zu verteidigen, greift die Ukraine Russlands Angriffsmittel bei der Quelle an. Das Kommando für unbemannte Systeme operiert nach Eigenangaben mittlerweile gegen mindestens vier russische Marinebasen gleichzeitig: Kaspijsk im Kaspischen Meer, Noworossijsk und die Krimhäfen am Schwarzen Meer sowie Baltijsk an der Ostsee.
EU-Beitritt 2027 als Selenskyjs Friedensgarantie
In laufenden Verhandlungen über eine mögliche Friedenslösung bringt die Ukraine eine Forderung ein, die in westlichen Diplomatenkreisen zunehmend Gewicht bekommt: ein verbindliches Datum für den EU-Beitritt. Selenskyj hat Anfang 2026 das Jahr 2027 als technisches Zieldatum genannt. In ukrainischen und europäischen Verhandlungskreisen gilt die EU-Mitgliedschaft als Sicherheitsgarantie für einen dauerhaften Frieden, die eine NATO-Mitgliedschaft politisch ersetzen könnte. Im Juni 2026 sollen weitere Verhandlungscluster geöffnet werden. Europäische Außenminister haben signalisiert, sich an Friedensgesprächen in den kommenden Wochen beteiligen zu wollen. Trumps 20-Punkte-Friedensplan soll nach Angaben ukrainischer Verhandlungsführer ein EU-Beitrittsdatum enthalten; die US-Seite hat dem öffentlich nicht widersprochen.
Kommentare