Ukraines Rohstoffschatz: 53 Prozent besetzt
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Ukraines Rohstoffschatz: 53 Prozent besetzt

Ukraine besitzt bedeutende Manganvorkommen und 20 Prozent des globalen Graphits. Als Alternative zu Chinas Rohstoffmacht wäre das strategisch bedeutsam. Aber 53 Prozent dieser Ressourcen liegen in russisch besetztem Gebiet und das wertvollste Lithiumdepot fiel erst im Juni 2025.

17. Mai 2026, 14:36 Uhr 768 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Seit Kriegsbeginn 2022 folgt die russische Besatzungsfront einem auffälligen Muster: Die mineralreichsten Regionen der Ukraine werden systematisch angegriffen. Das Land hält fünf Prozent der weltweiten Mineralreserven, darunter bedeutende Manganvorkommen und zwanzig Prozent des global bekannten Graphits. Für Europas Energiewende wäre das ein strategischer Ausweg aus der Abhängigkeit von China. Doch 53 Prozent dieser Ressourcen liegen inzwischen in russisch besetztem oder umkämpftem Gebiet. Das Schewtschenko-Lithiumdepot in der Oblast Donezk, eines der wertvollsten des Landes, fiel im Juni 2025 unter russische Kontrolle.

Batteriemetalle für Europas grüne Transition

Die Europäische Union verarbeitet kaum kritische Rohstoffe in eigenem Hoheitsgebiet. 97 Prozent der globalen Lithiumverarbeitung und 90 Prozent der Verarbeitung Seltener Erden kontrolliert China. Diese Abhängigkeit ist kein Zufall, sondern das Ergebnis zweier Jahrzehnte staatlich geförderter chinesischer Raffinierungskapazitäten und systematischer Investitionen in Minen auf drei Kontinenten. Der EU Critical Raw Materials Act von 2023 setzt das politische Ziel, die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten bis 2030 auf 65 Prozent zu begrenzen. Ein Bericht des Europäischen Rechnungshofs vom Februar 2026 stellt nüchtern fest, dass dieses Ziel beim aktuellen Tempo kaum erreichbar ist.

Ukraine taucht in diesem Zusammenhang seit dem russischen Angriff 2022 regelmäßig als potenzielle Lösung auf. Das Land verfügt laut Ukrainischem Geologischem Dienst über 20.000 Lagerstätten mit 116 verschiedenen Mineraltypen. Bei Mangan weist der Ukrainische Geologische Dienst 2,4 Milliarden Tonnen nachgewiesene Reserven aus, eines der bedeutendsten Vorkommen weltweit. Bei Graphit, das als Anodenmaterial in Lithium-Ionen-Batterien unverzichtbar ist, kontrolliert die Ukraine rund 18,6 Millionen Tonnen oder etwa zwanzig Prozent der weltweiten Reserven, mehr als jedes andere europäische Land. Die Titanreserven des Landes entsprechen sieben Prozent der globalen Vorkommen, ebenfalls Europas größter Bestand. Viele Nickel- und Kobaltlagerstätten liegen im nicht besetzten Kirowohrad und Dnipropetrowsk.

Vier Hauptlagerstätten, zwei davon in Feindeshand

Am stärksten im Fokus westlicher Aufmerksamkeit stehen die ukrainischen Lithiumvorkommen. Das Polokhiwske-Deposit in der Oblast Kirowohrad gilt nach Angaben von United24, dem ukrainischen Fundraising-Portal, mit 760.000 Tonnen Lithiumkarbonat-Äquivalent als eine der größten Einzellagerstätten Europas. Die Dobralagerstätte, ebenfalls in Kirowohrad, umfasst rund 1,2 Millionen Tonnen Lithiumerz. Beide liegen im von der Ukraine kontrollierten Inland.

Die strategisch wertvolleren Deposits sind verloren. Die Krutabalka-Lagerstätte in der Oblast Saporischschja geriet bereits im Frühjahr 2022 unter russische Kontrolle. Das Schewtschenko-Deposit in der Oblast Donezk, dessen Erz nach Angaben des Kyiv Independent zu rund 90 Prozent aus Spodumen besteht und damit besonders leicht zu verarbeiten ist, fiel nach Gefechten am 26. und 27. Juni 2025 an russische Kräfte. Ukraine kontrolliert damit nur noch zwei seiner vier größten Lithiumlagerstätten. Insgesamt liegen nach verschiedenen Analysen 53 Prozent des gesamten ukrainischen Mineralvermögens in teilweise oder vollständig russisch besetztem Gebiet.

Der Kyiv Independent berichtete nach dem Verlust des Schewtschenko-Depots, das laufende Rohstoffabkommen mit den USA werde dadurch nicht grundlegend gefährdet. Diese Einschätzung hängt allerdings daran, dass die verbliebenen, sicheren Lagerstätten tatsächlich erschlossen werden können und der Krieg die Infrastruktur nicht weiter zerstört.

Das Abkommen und sein Rechnungsproblem

Am 30. April 2025 unterzeichneten die USA und die Ukraine ein Rohstoffabkommen. Beide Seiten brachten je 75 Millionen Dollar in einen gemeinsamen Investitionsfonds ein, der 57 Mineraltypen abdeckt, darunter Lithium, Titan, Kobalt, Graphit, Uran und Seltene Erden. Gewinne werden für zehn Jahre in die Ukraine reinvestiert, danach teilen USA und Ukraine die Erlöse je zur Hälfte. Das Abkommen bezieht sich ausschließlich auf neue Lagerstätten. Im Januar 2026 ging der erste große Auftrag raus: Das Dobra-Lithiumprojekt in Kirowohrad wurde an das Konsortium Dobra Lithium Holdings JV vergeben, hinter dem die US-Investoren TechMet und The Rock Holdings stehen. Das Konsortium verpflichtete sich laut einem Bericht von NV Ukraine zu einem Mindestinvestment von 179 Millionen Dollar, im vollständigen Ausbau könnten es über 1,8 Milliarden werden.

Diese Summen täuschen über den Zeithorizont hinweg. Für das Dobra-Projekt sind zunächst 2,5 Jahre geologischer Erkundung nötig, danach vier bis fünf Jahre Minenbau und Aufbau der Verarbeitungsanlage. Selbst bei optimalem Verlauf, ohne weitere Kriegseskalation, ohne Finanzierungslücken, ohne politische Umbrüche, kommt das erste Lithium aus Dobra frühestens 2032 auf den Markt.

Hinzu kommt ein grundlegender Streit über den tatsächlichen Wert der ukrainischen Mineralreserven. Der Ukrainische Geologische Dienst beziffert das Gesamtvermögen auf rund 15 Billionen Dollar, manche Schätzungen gehen bis 26 Billionen. Internationale Analysten kommen auf deutlich niedrigere Zahlen, in unabhängigen Bewertungen auf rund 775 Milliarden Dollar. Die Washington Post schrieb nach einer Umfrage unter Geologen und Ökonomen im Februar 2025: Niemand weiß es genau. Die Unsicherheit ergibt sich aus schwankenden Rohstoffpreisen, geologischen Surveys aus der Sowjetzeit und weitgehend unbekannten Abbaukosten.

Dobra fördert frühestens 2032

Für Europa bedeutet das: Ukraine als alternativer Rohstofflieferant bleibt auf absehbare Zeit eine strategische Option, keine operative Realität. Die EU hat eine Strategische Rohstoffpartnerschaft mit der Ukraine geschlossen, finanziert über die Europäische Investitionsbank und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Und selbst wenn Ukraine eines Tages fördert, müsste das Erz verarbeitet werden, genau diese Kapazitäten fehlen in Europa derzeit strukturell.

Die geostrategische Dimension ist dennoch real und wird in westlichen Hauptstädten zunehmend bewusster wahrgenommen. Russland hat nicht nur ukrainisches Territorium besetzt, sondern nachweislich die rohstoffreichsten Regionen systematisch angegriffen. Die Krutabalka-Lagerstätte in Saporischschja 2022, das Schewtschenko-Deposit in Donezk 2025: Das Muster wiederholt sich. Jede Verhandlungslösung, die russische Gebietsgewinne einfriert, würde gleichzeitig einen erheblichen Teil der Grundlage für einen ukrainischen Wiederaufbau dauerhaft russischer Kontrolle überlassen. Für Europa, das Ukraine als Rohstofflieferanten der Zukunft eingeplant hat, wäre das eine stille Niederlage jenseits jeder Waffenstillstandslinie.

Quellen (9)

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