Kostjantyniwka hält: Russlands Offensive stagniert
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Kostjantyniwka hält: Russlands Offensive stagniert

Russlands Frühjahrsoffensive im Donbas verfehlte ihr erklärtes Ziel: Kostjantyniwka blieb ukrainisch. Das ISW dokumentiert einen starken Rückgang des russischen Vorrücktempos. Was das für die Lage an der Front bedeutet und was beim EU-Außenministertreffen in Limassol auf dem Tisch liegt.

21. Mai 2026, 18:38 Uhr 783 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Die russische Frühjahrsoffensive hatte ein klares Ziel: Kostjantyniwka im östlichen Donbas, Einfallstor zur Industrieachse Kramatorsk-Slowjansk. Zwei Monate nach Offensivbeginn kontrolliert die Ukraine die Stadt noch immer. Das Institute for the Study of War (ISW) dokumentiert, dass das durchschnittliche tägliche Vorrückstempo russischer Truppen von 9,7 auf 2,9 Quadratkilometer gefallen ist. Was als größte Bodenoffensive des Jahres begann, steckt fest.

Das Ziel, das Russland verfehlte

Kostjantyniwka liegt unmittelbar hinter dem ukrainischen Verteidigungsgürtel im Donbas, den ISW als "Fortress Belt" bezeichnet. Wer die Stadt nimmt, öffnet einen Korridor zu Kramatorsk und Slowjansk weiter nordwestlich. Russland startete seine Frühjahrsoffensive laut ISW spätestens am 17. März 2026. Laut ISW-Analyse war Kostjantyniwka das primäre Angriffsziel, das bis Ende April unter russische Kontrolle gebracht werden sollte.

Russische Kräfte drangen bis zur Zinkhütte im Stadtzentrum vor, sicherten aber nie die volle Kontrolle über die Stadt. Kostjantyniwka ist deshalb aufschlussreich, weil Städte dieser Größe in früheren Kriegsphasen unter vergleichbarem russischen Druck oft schneller fielen. Dass die Verteidigung hält, zeigt, dass der ukrainische Festungsgürtel im Donbas unter schwerem Beschuss strukturell belastbarer geworden ist als im Vorjahr.

Das Bild an anderen Frontabschnitten ist uneinheitlicher. Richtung Sumy und Pokrowsk verzeichnet Russland begrenzte Geländegewinne. Am 20. und 21. Mai wurden entlang von 177 Frontabschnitten Kampfhandlungen gemeldet, die höchste Zahl auf dem Pokrowsk-Abschnitt. Russland verliert in einer Schlüsselregion an Tempo, gewinnt andernorts langsam weiter.

Wie die Ukraine die Initiative zurückgewinnt

Die territoriale Bilanz hat sich erstmals seit Jahren gedreht. Armeegeneral Oleksandr Syrskyj bestätigte im März, dass ukrainische Einheiten im Februar 2026 erstmals seit dem Sommer 2023 mehr Terrain zurückgewannen als verloren. Das ISW belegte positive Nettogewinne in einzelnen Februarwochen. Selenskyj bezifferte die seit Jahresbeginn zurückgewonnenen Flächen gegenüber ukrainischen Medien auf rund 460 Quadratkilometer.

Die militärischen Grundlagen dieser Verschiebung: Die Ukraine verknüpft gezielte Drohnenangriffe auf russische Versorgungslinien mit dem Einsatz neuer Präzisionswaffen. Das staatliche Rüstungsprogramm Brave1 stellte Mitte Mai den Vyrivniuvach vor, eine in 17 Monaten entwickelte Gleitbombe mit 250-Kilogramm-Sprengkopf, die ukrainischen Angaben zufolge ein Drittel des Preises einer US-amerikanischen JDAM-ER kostet. Das Prinzip dahinter: keine Abhängigkeit von westlichen Lieferbedingungen, einsetzbar gegen Versorgungsknoten tief im russischen Hinterland.

Russlands Ölraffinierung auf dem tiefsten Stand seit 2009

Neben der Frontlinie trifft der Wirtschaftskrieg Russland messbar. Laut ukrainischen Geheimdiensten sank die russische Ölraffinierungskapazität 2026 um 10 Prozent. Analysen des US-Fachmediums 19FortyFive bestätigen: Die durchschnittliche Tageskapazität russischer Raffinerien liegt bei 4,69 Millionen Barrel, dem niedrigsten Stand seit Dezember 2009. Seit Jahresbeginn wurden mindestens 16 russische Raffinerien durch ukrainische Drohnen getroffen.

Die Konsequenzen sind zweifacher Art. Kurzfristig leidet die Versorgungslogistik entlang der Frontlinie, insbesondere in versorgungsfernen Abschnitten, wo Treibstoffmangel Angriffsbewegungen verlangsamt. Mittelfristig drückt sinkende Raffinierungskapazität auf den russischen Energieexporterlös. Die russische Staatskasse finanziert etwa 30 Prozent ihrer Einnahmen aus dem Energiesektor. Ein dauerhafter Rückgang dieser Kapazität begrenzt den finanziellen Spielraum für die Kriegführung.

Limassol am 27. Mai: Was Europa entscheiden muss

Die nächste diplomatische Wegmarke liegt eine Woche entfernt. Am 27. und 28. Mai treffen sich EU-Außenminister informell im zyprischen Limassol. Das sogenannte Gymnich-Treffen steht unter Vorsitz von Zyperns Außenminister Constantinos Kombos und EU-Außenbeauftragter Kaja Kallas. Auf der Tagesordnung steht, welche Bedingungen Europa formulieren müsste, bevor Verhandlungen mit Russland möglich wären und welche Rolle die EU dabei spielen kann.

Parallel dazu arbeitet Kiew an einem weiteren Schritt: Außenminister Andrij Sybiha erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax Ukraine, die Ukraine wolle am 26. Mai das erste Verhandlungscluster "Grundlagen" im EU-Beitrittsverfahren eröffnen. Das wäre der erste formale Verhandlungsschritt seit Beginn der Beitrittsgespräche 2024. Kiew will diesen Schritt vor dem Gymnich-Treffen setzen, um eine klare politische Botschaft zu senden: Der EU-Kurs der Ukraine steht nicht zur Disposition.

Russland hat bislang keine Bedingungen formuliert, die für Kiew akzeptabel wären. Das Gymnich-Treffen ist dennoch ein Signal: Europa ist bereit, den Verhandlungsrahmen aktiv zu gestalten, statt auf amerikanische Vermittlung zu warten. Ob die militärische Lage an der Front diesen diplomatischen Schritten Spielraum gibt, entscheidet sich nicht in Limassol, sondern im Donbas.

Quellen (7)

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