Russland verliert erstmals seit 2024 netto Terrain
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Russland verliert erstmals seit 2024 netto Terrain

Nach zwanzig Monaten stetiger russischer Geländegewinne zeigen ISW-Daten für April 2026 einen Trendbruch: Russland verlor netto 116 Quadratkilometer. Was hinter dem Momentumwechsel steckt und wie lange der Vorteil für die Ukraine hält.

16. Mai 2026, 2:40 Uhr 667 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Die Frontlinie im Donbass galt seit August 2024 als unverrückbar in eine Richtung: Russland gewann, langsam aber stetig. Jetzt zeigen Daten des Institute for the Study of War (ISW), dass dieser Trend im April 2026 gebrochen ist. Russland verlor netto 116 Quadratkilometer ukrainisches Territorium und die durchschnittliche tägliche Gewinnsrate sank von 9,76 auf 2,9 Quadratkilometer. Erstmals seit der ukrainischen Kursk-Inkursion im August 2024 schrumpfte Moskaus Gebietsstand.

Zwanzig Monate Vormarsch, dann der Bruch

Im Jahr 2025 besetzte Russland nach ISW-Daten über 4.300 Quadratkilometer ukrainisches Territorium, mehr als anderthalbmal die Fläche des Saarlandes. Monat für Monat wich die Frontlinie nach Westen. Der letzte Moment substanziellen Gebietsverlusts für Russland war die ukrainische Kursk-Inkursion im August 2024, als ukrainische Truppen auf russisches Kernland vorstießen und Moskau zur Rückverlegung von Kräften zwangen.

April 2026 änderte das. Das ISW verzeichnete für den Monat einen Nettoverlust von 116 Quadratkilometern für Russland. Selbst wenn man kurzfristige russische Infiltrationsbewegungen als kontrollierten Gebietsstand einrechnet, schrumpft der russische Nettoverlust auf rund 28 Quadratkilometer. In den darauffolgenden Wochen zwischen dem 28. April und dem 12. Mai verlor Russland nach ISW-Zählung weitere 65 Quadratkilometer netto.

Wo die Ukraine vorrückt und was die Drohnen leisten

Die Geländegewinne konzentrieren sich auf mehrere Frontabschnitte. Im Sektor Slowjansk und Druschkiwka meldete der ukrainische Generalstab Vorstöße in den Ortschaften Oleksandrivka und umliegenden Dörfern. Im westlichen Saporischschja-Abschnitt bei Huljaipole, einer seit 2022 immer wieder umkämpften Region, verzeichnete die ISW-Karte Bewegung zugunsten Kyjiws.

Dahinter steckt kein klassischer Gegenangriff mit Panzerverbänden, sondern Druckausübung über Langstreckendrohnen. Sie treffen russische Logistikknoten, bevor Truppen überhaupt die Frontlinie erreichen. In der Nacht auf den 14. Mai griffen ukrainische Drohnen nach Angaben des ukrainischen Sonderoperationskommandos das Tamanneftegaz-Ölterminal auf der Taman-Halbinsel im Krasnodar Krai an. Das Terminal ist einer von Russlands wichtigsten Schwarzmeer-Exportknotenpunkten für Rohöl. Die NASA bestätigte über ihr FIRMS-Satellitensystem Brände, die stundenlang brannten.

Verlustrate übersteigt Rekrutierung: Russlands strukturelles Problem

Das Momentum-Problem Russlands liegt nicht nur in den Frontkilometern, sondern im Verhältnis von Geländegewinn zu Preis. Westliche Militäranalysten schätzen die russischen Verluste für Mai 2026 auf rund 35.000 Soldaten pro Monat, Gefallene, Verwundete und Gefangene zusammengenommen. Die Rekrutierungsrate hält damit kaum noch Schritt.

Sichtbarstes Zeichen der Erschöpfung war die Siegesparade am 9. Mai in Moskau: Es fehlten schwere Waffensysteme, Panzer, ballistische Raketen und gepanzerte Fahrzeuge. Das Verteidigungsministerium gab keine Begründung. Im selben Zeitraum tauschten beide Seiten im Rahmen einer von US-Präsident Donald Trump vermittelten dreitägigen Feuerpause je über 200 Kriegsgefangene aus. Dass Russland zustimmte, deuteten Analysten als Zeichen innenpolitischen Drucks.

Parallel dazu dokumentiert Save the Children die zivilen Kosten des Krieges: Seit 2022 wurden demnach über 3.500 Kinder in der Ukraine getötet oder verletzt, 791 davon getötet, 2.752 verletzt. Die Organisation dokumentiert damit nicht nur die humanitäre Dimension des Krieges, sondern auch seine langfristigen gesellschaftlichen Kosten.

Ist 116 Quadratkilometer wirklich ein Wendepunkt?

Nicht alle Militäranalysten teilen das Bild eines dauerhaften Wendepunkts. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) betonte in seiner Mai-Analyse, dass das Frühjahr 2026 den Verteidigern klimatisch besonders zugutekam: Das Tauwetter nach dem harten Winter 2025/26 verwandelte weite Teile des Donbass in schwer passierbares Gelände und schränkte russische Panzermobilität ein. Diese Schlammsaison gilt als saisonal befristet.

Zudem begrenzt die Länge der Frontlinie, die über 1.100 Kilometer misst, die Wirkung punktueller ukrainischer Vorstöße auf die Gesamtbilanz. Was im ISW-Diagramm wie ein klarer Trendbruch aussieht, verteilt sich auf der Karte über viele kleine Abschnitte. Das schränkt die strategische Tiefe des Momentums ein.

Bis Mitte Juni: Das Fenster, das sich bald schließt

Das Zeitfenster für die Ukraine ist begrenzt. Sobald der Boden im Frühjahr trocknet, was in der Südukraine typischerweise Mitte Juni geschieht, kehrt die russische Panzer- und Fahrzeugmobilität zurück. Historische ISW-Daten zeigen, dass russische Geländegewinne nach dem Tauwetter regelmäßig wieder anziehen, weil schwere Fahrzeuge wieder operieren können.

Für die Ukraine bedeutet das: Die nächsten vier bis fünf Wochen entscheiden, ob aus dem April-Trend strukturelle Gebietsgewinne werden oder ob Russland die Verluste im Sommer kompensiert. Das ISW wird Anfang Juni seine nächste monatliche Frontanalyse veröffentlichen. Bis dahin gilt: Jeder Tag mit ukrainischer Geländeinitiative ist ein Tag, an dem Russland Terrain nicht zurückgewinnt.

Quellen (6)

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