Drohne trifft AKW Saporizhzhia: IAEA warnt
International

Drohne trifft AKW Saporizhzhia: IAEA warnt

Am 30. Mai traf eine Drohne die Turbinenhalle von Reaktor 6 im Kernkraftwerk Saporizhzhia. IAEA-Chef Grossi warnte vor 'Spielen mit dem Feuer' und forderte Zugang zur beschädigten Halle. Der Vorfall reiht sich in 15 Stromausfälle und wachsende Sicherheitsrisiken an dem seit 2022 russisch besetzten Atomkraftwerk ein.

31. Mai 2026, 11:04 Uhr 714 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wer die Drohne abgefeuert hat, ist zwei Tage nach dem Angriff noch ungeklärt. Russlands staatlicher Atomkonzern Rosatom beschuldigt die Ukraine; Kiew hat sich nicht geäußert. Fest steht: Am 30. Mai traf eine Drohne die Turbinenhalle von Reaktor 6 im Kernkraftwerk Saporizhzhia, dem größten Atomkraftwerk Europas. Es war der erste Angriff, der ein Gebäude der Kernanlage selbst traf, seit April 2024.

Das Kraftwerk und seine Geschichte

Das Kernkraftwerk Saporizhzhia liegt in der Stadt Enerhodar am Fluss Dnipro in der Südukraine und verfügt über sechs Reaktorblöcke mit einer früheren Nennleistung von 5.700 Megawatt. Vor dem russischen Angriffskrieg deckten sie bis zu 20 Prozent des ukrainischen Strombedarfs. Seit März 2022 steht die Anlage unter russischer Militärkontrolle. Im September 2022 wurden alle sechs Reaktoren in den sogenannten Kaltabschaltzustand versetzt und produzieren keinen Strom mehr.

Doch auch abgeschaltete Reaktoren brauchen aktive Kühlung. Der abklingende Kernbrennstoff in den Reaktorbehältern erzeugt noch jahrzehntelang Restwärme und muss kontinuierlich mit Wasser gekühlt werden. Fällt die externe Stromversorgung aus, übernehmen Dieselaggregate. Im September 2025 erlebte die Anlage ihren bis dato schwersten Ausfall: 30 Tage lang arbeiteten die Aggregate als einzige Energiequelle für die Kühlung. Zum Vergleich: In Fukushima 2011 versagte die Notstromversorgung nach weniger als einem Tag Dieselbetrieb. Die technischen Ausgangsbedingungen sind verschieden, aber das Muster wachsender Verletzlichkeit ist seit der russischen Invasion dokumentiert.

Insgesamt hat die Anlage seit der russischen Invasion 15 Mal ihre externe Stromversorgung verloren, nach Angaben des Euromaidanpress-Monitors. Vor dem Krieg verfügte Saporizhzhia über fünf externe Stromleitungen mit unterschiedlichen Spannungsebenen. Die schrittweise Zerstörung dieser Redundanz macht jeden weiteren Ausfall riskanter als den vorherigen.

Der Angriff vom 30. Mai

Rosatom meldete den Vorfall in einer Pressemitteilung: Eine ukrainische Drohne habe die Turbinenhalle von Reaktor 6 getroffen. Die IAEA, die seit Herbst 2022 dauerhaft Personal vor Ort hat, bestätigte den Einschlag und forderte sofortigen Zugang zur beschädigten Halle. Erste Berichte des Bundesamts für Strahlenschutz und des österreichischen Strahlenschutzamts meldeten keine Beschädigungen an kritischen Systemen, keine Radioaktivitätslecks und keine Ausfälle der Sicherheitsinfrastruktur.

IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi reagierte mit einer klaren Warnung. Laut Behördenangaben erklärte er: "Attacking nuclear sites is like playing with fire." In einer gesonderten Stellungnahme betonte die IAEA, dass selbst Angriffe, die keine unmittelbare Gefahr auslösen, die strukturelle Integrität der Anlage langfristig schwächen. Die Drohnentreffer häuften sich in den vergangenen Wochen: Am 3. Mai 2026 tötete ein Drohnenangriff einen Fahrer in einem Transportgebäude nahe der Anlage. Der jüngste Einschlag in die Turbinenhalle selbst stellt eine neue Qualität dar.

Die Frage der Verantwortlichkeit bleibt offen. Kiew hat weder die Verantwortung übernommen noch die russischen Behauptungen ausdrücklich bestritten. Das Kraftwerk liegt in russisch kontrolliertem Gebiet. In der Vergangenheit haben russische Kräfte selbst Angriffe auf die Anlage durchgeführt und sie der Ukraine angelastet; ukrainische Stellen haben ihrerseits Russland für mehrere Stromausfälle verantwortlich gemacht.

Die Stromlage seit März 2026

Unabhängig vom jüngsten Drohnenangriff ist die Stromversorgung der Anlage seit Monaten kritisch. Seit dem 24. März 2026 ist die 750-kV-Hauptleitung Dniprovska unterbrochen. Die Anlage hängt seither an einer einzigen 330-kV-Reserveleitung. Am 14. und 16. April verlor Saporizhzhia innerhalb von zwei Tagen zweimal seine externe Versorgung. Am 26. April fiel diese letzte Reserveleitung für rund 60 Minuten aus, die Dieselaggregate übernahmen. Das Bundesamt für Strahlenschutz stufte die Situation nach dem 26. April als "angespannt" ein.

Zum Vergleich mit dem Ausgangszustand: 2021, also ein Jahr vor dem Einmarsch, betrieb Saporizhzhia sieben Transformatoren und mehrere Hochspannungsleitungen parallel. Die heutige Lage entspricht einem Vielfachen der ursprünglichen Ausfallrisiken.

IAEA-Verhandlungen um eine Feuerpause für die Stromleitung

Die IAEA führt seit Herbst 2025 Gespräche mit beiden Kriegsparteien über lokal begrenzte Waffenruhen, die eine Reparatur der 750-kV-Leitung ermöglichen würden. Grossi hatte bereits im Frühjahr 2026 einen "Schutzperimeter" für die Anlage vorgeschlagen: eine Zone begrenzter militärischer Aktivitäten im unmittelbaren Umfeld des Kraftwerks. Bislang scheiterte dieser Vorschlag.

Nach dem Drohnenangriff vom 30. Mai dringt die IAEA erneut auf Zugang zur Turbinenhalle von Reaktor 6, um den Schaden unabhängig zu bewerten. Ob Russland diesen Zugang gewährt, ist offen. In der Vergangenheit hat Moskau IAEA-Teams wiederholt an vollständigen Inspektionen gehindert. Solange die 750-kV-Leitung nicht repariert ist und Drohnenangriffe auf die Anlage weitergehen, bleibt Saporizhzhia das verwundbarste Atomkraftwerk der Welt.

Update 1. Juni, 19:07 Uhr: Die IAEA hat nach eigenständiger Inspektion die physischen Spuren des Drohnenangriffs bestätigt. Experten der Behörde fanden Trümmerteile, verkohlte Reste von Glasfaserkabeln sowie Beschädigungen an der Außenverkleidung des Turbinengebäudes und einer metallenen Zugangsluke. Die Schäden seien "konsistent mit einem Drohnenangriff", teilte die IAEA über den Kurznachrichtendienst X mit. Die Strahlungswerte auf dem Gelände blieben unauffällig.

Quellen (10)

Kommentare