Schweden liefert 36 Gripen: Ukraine rüstet Luftabwehr
36 Kampfjets und ein Notruf an Washington: Selenskyj hat am Mittwoch in Stockholm die bisher größte Einzellieferung von Kampfflugzeugen für die Ukraine besiegelt. Gleichzeitig übergab seine Botschafterin in Washington einen fünfseitigen Brief, in dem er Trump und den US-Kongress vor einem akuten Mangel an Patriot-Abwehrraketen warnt.
Luftkampf mit leeren Magazinen
Seit Frühjahr 2026 erhält die Ukraine deutlich weniger Patriot-Abfangraketen als benötigt. Hintergrund ist der Iran-Krieg: Die USA haben in den Angriffen auf iranische Ziele seit dem 28. Februar erhebliche Teile ihrer eigenen Präzisionsraketen verbraucht und müssen die eigenen Bestände auffüllen, bevor sie weitere abgeben können. Das PURL-Programm, über das die Ukraine einen Großteil ihrer Patriot-Raketen erhielt, läuft de facto unterhalb des Bedarfs.
Das Rüstungsanalyseportal Defence Express beziffert den monatlichen Bedarf der Ukraine zur Abwehr russischer Iskander-Ballistic-Missiles auf 122 bis 244 PAC-3-MSE-Raketen. Die USA produzieren nach eigenen Rüstungsplanungen derzeit insgesamt unter 200 Stück im Jahr. Das Pentagon hat im Januar 2026 mit Lockheed Martin einen Sieben-Jahres-Rahmenvertrag geschlossen, der die Produktion bis 2030 auf rund 2.000 Stück jährlich steigern soll. Bis das Produktionsvolumen ansteigt, bleibt die Lücke.
Russland nutzt das Fenster. Im April 2026 feuerte Moskau in zwei Großangriffen 666 und 703 Drohnen und Raketen auf die Ukraine ab. Die ukrainische Luftverteidigung schoss jeweils rund 92 Prozent davon ab, aber die verbleibenden Einschläge trafen Wohngebiete in Dnipro, Kyjiw und Charkiw. Jedes abgefeuerte Abfanggeschoss verkleinert den verfügbaren Vorrat. Wenn die Magazinkapazität sinkt, sinkt auch die Abfangquote.
Schwedens historisches Bekenntnis
In Stockholm unterzeichneten Selenskyj und Premierminister Ulf Kristersson am Mittwoch eine Erklärung zur Vertiefung der Verteidigungskooperation. Das konkrete Paket sieht nach Angaben von Defense News und Euronews vor: 16 Gripen-C/D-Modelle aus dem Bestand der schwedischen Luftwaffe, die als Spende übertragen werden und ab Frühjahr 2027 geliefert werden sollen, sowie 20 Gripen-E/F-Modelle, die Ukraine kauft und ab 2030 erhalten soll. Finanziert werden die E/F-Modelle über den EU Ukraine Support Loan Mechanism mit 2,5 Milliarden Euro.
Der Kreditrahmen entstammt dem 90-Milliarden-Euro-Unterstützungsprogramm für die Ukraine, das der Europäische Rat am 23. April 2026 verabschiedet hat. Davon sind 60 Milliarden Euro für Rüstungsbeschaffungen und Verteidigungsinvestitionen vorgesehen. Schwedens Vertrag über 20 Gripen E/F ist der erste Einzelauftrag, der vollständig aus diesem Topf finanziert wird.
Kristersson nannte den Gripen laut Defense News die beste und optimale Wahl für die Ukraine und bezeichnete die Entscheidung als historisch für Schweden. Selenskyj sagte, dies sei eine neue Seite für die Ukraine. Die Ausbildung von Piloten und Technikern läuft nach Angaben Stockholms bereits und soll im Herbst 2026 intensiviert werden. Für die C/D-Variante wird die erste Lieferung für Frühjahr 2027 angepeilt, die moderneren E/F-Maschinen werden nicht vor 2030 verfügbar sein.
Parallel dazu ließ Selenskyj durch seine Botschafterin Olha Stefanishyna fünfseitige Briefe an Trump und den Kongress übergeben, darunter an Speaker Mike Johnson. Kern: Die Patriot-Lieferungen über das PURL-Programm entsprechen nicht mehr der Realität der Bedrohung, der die Ukraine gegenübersteht. Die PAC-3-MSE-Rakete sei die effektivste Verteidigung gegen jeden Typ russischer ballistischer Raketen. Ohne schnelle Aufstockung werde die Luftverteidigung systematisch ausgezehrt.
Europa übernimmt die Rechnung
Das Gripen-Abkommen ist politisch mehr als ein Rüstungsgeschäft. Schweden ist erst seit März 2024 NATO-Mitglied. Zuvor galt es jahrzehntelang als militärisch neutral und exportierte Rüstungsgüter nie an aktive Konfliktparteien. Ein Direkttransfer von 16 Kampfflugzeugen an ein Land im aktiven Krieg ist ohne Präzedenzfall in der schwedischen Nachkriegsgeschichte.
Die EU-Kreditfinanzierung für die 20 E/F-Modelle ist ein bewusst gewählter Mechanismus: Europa finanziert, was Washington wegen des Iran-Kriegs zurückhalten muss. Deutschland hat im April ein bilaterales Rüstungspaket über vier Milliarden Euro unterzeichnet, das Patriot-Raketen und IRIS-T-Systeme umfasst. Finnland und Frankreich haben ähnliche Lieferzusagen gemacht. Diese Pakete ersetzen das ausgefallene US-PURL-Volumen nicht vollständig, aber sie zeigen den Trend: Je länger der Iran-Krieg die amerikanische Aufmerksamkeit bindet, desto eigenständiger organisiert Europa die Ukraine-Verteidigung.
Das Gripen-Abkommen betrifft ein anderes Verteidigungsproblem als Patriot: Kampfjets für Luftüberlegenheit und Angriffsfähigkeit, nicht für bodengebundene Abwehr ballistischer Raketen. Die Ukraine braucht beides gleichzeitig. Der Brief an Washington zeigt, dass Selenskyj die historische Gripen-Zusage nicht als Lösung des Patriot-Problems begreift, sondern als zwei getrennte Baustellen.
Piloten in Ausbildung, erste Jets im Frühjahr 2027
Die erste schwedische Gripen-Lieferung ist für das Frühjahr 2027 geplant, elf Monate von heute. Die ukrainische Luftwaffe hat die Pilotenausbildung und Wartungsausbildung bereits begonnen; im Herbst 2026 soll sie intensiviert werden. Zum Vergleich: Die F-16-Ausbildung, die ab 2023 in Dänemark begann, dauerte fast 18 Monate bis zur ersten einsatzbereiten Staffel.
Die 20 moderneren Gripen E/F werden nicht vor 2030 eintreffen. Darüber hinaus besteht nach Angaben beider Regierungen ein Letter of Intent vom Oktober 2025 über eine mögliche Gesamtbeschaffung von 100 bis 150 Gripen-E-Flugzeugen, abhängig von Verhandlungen und EU-Mitteln. Der aktuelle Vertrag umfasst ausschließlich die 36 Jets.
Ob die Ukraine die entscheidenden zwölf bis achtzehn Monate bis zur ersten Gripen-Lieferung überbrückt, hängt wesentlich von Trumps Reaktion auf Selenskyjs Patriot-Brief ab. Die Antwort aus dem Weißen Haus war bis Redaktionsschluss nicht bekannt.
Aktualisierungen
Update 31. Mai, 05:10 Uhr: US-Verteidigungsminister Pete Hegseth reagierte am 30. Mai erstmals öffentlich auf Selenskyjs Brief. Er erklärte gegenüber Reportern, die USA würden „einen Weg finden“, um der Ukraine zu helfen, machte aber keine konkreten Zusagen für zusätzliche PAC-3-Raketen. Euromaidan Press berichtete, Hegseth habe die Forderung faktisch umschifft. Die Dringlichkeit verdeutlicht der russische Großangriff in der Nacht vom 29. auf den 30. Mai: Russland feuerte etwa 290 Drohnen und Raketen auf ukrainisches Staatsgebiet ab; die Luftverteidigung fing 284 davon ab, eine Abfangquote von 97,9 Prozent. Selenskyj warnte auf Basis von Geheimdienstinformationen vor einem weiteren Großangriff. Ob Washington das Patriot-Loch schließt oder Europa die fehlenden Rüstungslieferungen kompensieren muss, bleibt offen.
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