Selenskyj schreibt Putin: Treffen in neutralem Land
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Selenskyj schreibt Putin: Treffen in neutralem Land

Selenskyj hat am 4. Juni den ersten offenen Brief an Putin seit 2022 veröffentlicht. Das Schreiben schlägt ein Treffen in einem neutralen Land vor, mit vollständiger Waffenruhe und US-europäischen Garantien.

5. Juni 2026, 2:40 Uhr 839 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Als Wladimir Putin am 4. Juni auf dem Wirtschaftsforum SPIEF in St. Petersburg vor Chefredakteuren internationaler Nachrichtenagenturen sprach, erschien auf der Website der ukrainischen Präsidentschaft der erste offene Brief Selenskyjs an Putin seit Beginn der Vollinvasion. Darin schlägt der ukrainische Präsident ein persönliches Treffen in einem neutralen Drittstaat vor, begleitet von einer vollständigen Waffenruhe für die Dauer der Gespräche. Der Brief erschien wenige Stunden nach einem ukrainischen Drohnenangriff auf die Stadt.

Was der Brief konkret enthält

Selenskyj nennt drei mögliche Gastgeberländer: die Schweiz, die Türkei oder einen arabischen Staat. Moskau und Kyiw schloss er ausdrücklich aus. Das Angebot umfasst vier Punkte: eine vollständige Waffenruhe während der Gespräche, einen Gefangenenaustausch nach dem Prinzip „alle gegen alle“ als ersten Schritt, die Einbindung der USA und Europas als Garantiemächte sowie die Festlegung eines konkreten Termins. Selenskyj forderte Putin auf, „ein klares Datum zu nennen.“

Auffällig ist, was der Brief nicht enthält: Territorium. Selenskyj macht keine inhaltlichen Zugeständnisse und stellt keine Bedingungen an das Verhandlungsergebnis. Er schlägt einen Prozess vor, keinen Kompromiss. Das ist kein Versehen. Jede Vorwegnahme territorialer Ergebnisse würde im Westen wie in der Ukraine als Kapitulation gewertet. Mit dem Fokus auf Verfahrensfragen lässt Selenskyj die inhaltlich strittigen Fragen vorerst offen.

In der Argumentationslinie des Briefs richtet sich Selenskyj auch direkt an die russische Öffentlichkeit: Sie leide unter Inflation, Treibstoffknappheit und Drohnenangriffen auf eigenem Territorium. Selenskyj schrieb laut Kyiv Independent, Russland sei „zum ersten Mal in seiner Geschichte vollständig von einem anderen Staat abhängig“, nämlich von China. Putin sei „der erste russische Herrscher, der Nordkorea um Hilfe bitten musste.“ Das ist Verhandlungsdiplomatie mit innenpolitischem Kalkül: Selenskyj adressiert nicht nur den Kreml, sondern die russische Gesellschaft, die für Kriegsmüdigkeit zunehmend empfänglich ist.

Die Dramaturgie des Timings

Der Brief erschien exakt während Putins Pressekonferenz auf dem SPIEF. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte auf Anfrage, Putin habe das Schreiben noch nicht gesehen. Er sei mit seinem Terminplan beschäftigt gewesen. Inhaltlich lieferte Peskow nur einen einzigen Satz: Selenskyj könne „jederzeit nach Moskau kommen.“ Das ist dieselbe Formel, die Moskau seit zwei Jahren wiederholt. Selenskyj hatte sie im Brief bereits im Voraus abgelehnt.

Wenige Stunden zuvor hatten ukrainische Drohnen den Marinehafen Kronstadt und ein Ölterminal in St. Petersburg getroffen, rund 1.100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Selenskyj verwies im Brief ausdrücklich auf diesen Angriff: „Unsere Langstreckendrohnen haben die Eröffnung Ihres Forums besucht.“ Die Kombination ist bewusst: militärische Stärke vorführen und gleichzeitig ein Gesprächsangebot unterbreiten. Die Ukraine verhandelt, weil sie es will, nicht weil sie muss.

Dass das Schreiben erschien, während Putin vor internationalen Journalisten sprach, verstärkte seine öffentliche Wirkung. Jeder Reporter auf dem Forum stand sofort vor der Frage: Warum lehnt Putin ein Treffen in der Schweiz ab? US-Sondergesandter Steve Witkoff, der bisherige Ukrainevermittler, war nach ukrainischen Angaben in diesen Wochen vollständig mit den Iranverhandlungen beschäftigt. Selenskyj ging damit den direkten Weg.

Moskaus unveränderter Standpunkt

Putin gab sich auf dem SPIEF siegessicher. Russland kontrolliere nach eigenen Angaben 100 Prozent der Volksrepublik Luhansk sowie mehr als 85 Prozent der Donezker und 80 Prozent der Region Saporischschja. Eine Waffenruhe brauche es für Verhandlungen nicht: Besser sei es, den Krieg vollständig zu beenden als ihn zu pausieren. Das klingt nach Bereitschaft zum Kompromiss, ist es nicht. Vollständiges Beenden bedeutet für Moskau ukrainische Kapitulation, nicht einen ausgehandelten Kompromiss.

Die russischen Grundforderungen sind seit Monaten unverändert: vollständiger ukrainischer Rückzug aus Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson, Anerkennung der Krim, dauerhafter NATO-Ausschluss, Russisch als Amtssprache und vollständige Aufhebung aller westlichen Sanktionen. Selenskyjs Brief geht auf keine dieser Forderungen ein. Das eigentliche Publikum des Briefs ist daher nicht allein der Kreml, sondern die internationale Gemeinschaft: Selenskyj will Trump zeigen, dass die Ukraine gesprächsbereit ist. Er will die russische Bevölkerung ansprechen, die Inflation und Treibstoffmangel auf sich nehmen muss. Und er will Europa zeigen, dass Kyiw nicht auf Verhandlungen verzichtet.

Bis zum 8. Juni

Trump kommentierte den Brief auf Truth Social: „Putin und Selenskyj sind sehr gute Menschen. Es wäre toll, wenn sie sich treffen könnten.“ Es ist das positivste Signal, das Trump bisher zu einem ukrainischen Friedensvorstoß gegeben hat, ohne sich die konkreten Forderungen zu eigen zu machen. Dass eine US-Delegation erstmals seit Langem wieder am SPIEF teilnahm, wertet Moskau als Zeichen, dass die Gespräche zwischen Washington und Russland weiterlaufen.

Für die Ukraine ist der 8. Juni ein bedeutsames Datum: An diesem Tag läuft Trumps selbstgesetzte Frist für ein Atomabkommen mit Iran ab. Ob danach amerikanische Kapazitäten für Ukrainediplomatie freier werden, ist offen. Wenn ja, könnte Selenskyjs Brief als vorbereitende Geste wirken: konkrete Vorschläge auf dem Tisch, ehe Washington erneut stärker einsteigen kann. Die NATO-Verteidigungsminister beraten am 18. Juni in Brüssel unter anderem über weitere Luftverteidigungslieferungen für die Ukraine.

Update 7. Juni, 09:05 Uhr: Wladimir Putin hat am Freitag Selenskyjs Treffenvorschlag abgelehnt. Der russische Präsident erklärte, er sehe "derzeit keinen Sinn" in einem Gespräch. Als Begründung nannte Putin "Elemente von Unhöflichkeit" im Brief: Selenskyj habe seiner Auffassung nach auf Putins Alter von 73 Jahren und seine lange Amtszeit angespielt. Selenskyj nannte Putins Absage eine "schwache Antwort", die "viele in der Welt enttäuscht" habe und erklärte: "Leider wählt die russische Seite erneut den Krieg."

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