Trump vermittelt Dreitageswaffenruhe in der Ukraine
Am Freitagabend verkündete US-Präsident Donald Trump via Truth Social eine dreitägige Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine, beginnend am 9. Mai: Alle Kampfhandlungen sollen ausgesetzt, je 1.000 Kriegsgefangene ausgetauscht werden. Sowohl Präsident Wolodymyr Selenskyj als auch der Kreml bestätigten die Vereinbarung noch am selben Abend. Die Realität zum Zeitpunkt der Ankündigung sah anders aus: Russland hatte bereits seine eigene Parade-Feuerpause für den Siegestag gebrochen, bevor Trumps Version offiziell beginnen sollte.
Selenskyj akzeptiert, um Gefangene freizubringen
Selenskyj begründete seine Zustimmung auf X mit einer ungewöhnlich direkten Aussage: „Der Rote Platz ist weniger wichtig als das Leben ukrainischer Gefangener, die nach Hause gebracht werden können.“ Er verzichte bewusst auf die Option, Putins Parade durch Angriffe zu stören, wenn dafür 1.000 Landsleute freikommen. Wegen der hohen Zahl an auszutauschenden Personen soll der Prozess drei Tage in Anspruch nehmen. Damit wird die Dreitageswaffenruhe auch logistisch begründet, nicht nur mit dem Jahrestag.
Parallel landete Rustem Umjerow, Ukraines Chefunterhändler und Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, in Miami zu direkten Gesprächen mit US-Sondergesandtem Steve Witkoff und Jared Kushner. Es ist der erste hochrangige Kontakt zwischen Kiew und Washington seit Wochen. Der Iran-Krieg hatte die amerikanische Diplomatie monatelang abgelenkt: Witkoff und Kushner hatten Kiew seit Kriegsbeginn im Februar nicht mehr besucht. Umjerows Reise nach Miami ist ein Zeichen, dass Washington das Ukrainethema wieder aktiv aufnimmt.
Die Parade-Logik: Waffenruhe als Theater
Russland hatte am 7. Mai bereits eine eigene Feuerpause vom 8. bis 10. Mai angekündigt, mit Verweis auf den Siegestag am 9. Mai. Diese Feuerpause kollabierte unmittelbar. Ukrainische Stellen zählten in den ersten Stunden nach dem offiziellen Beginn mehr als 850 Drohnenangriffe, über 140 Angriffe auf Frontpositionen und rund zehn Sturmversuche. Selenskyj fasste das so zusammen: Russland habe „nicht einmal einen symbolischen Versuch unternommen, eine Waffenruhe an der Front einzuhalten“.
Kiew schlug zurück. In der Nacht griffen ukrainische Langstreckendrohnen die Raffinerie im russischen Jaroslawl an, rund 250 Kilometer nordöstlich von Moskau und setzten sie in Brand. Kiew bezeichnete das als Reaktion auf anhaltende russische Angriffe gegen ukrainische Städte. Russland drohte seinerseits, Kiew anzugreifen, sollte die Ukraine während der Parade Moskau attackieren.
Selenskyj nannte Moskaus Logik „seltsam und unangemessen“: Man wolle eine Pause, um den Roten Platz für eine Stunde sicher zu nutzen, „und dann weiter töten, töten, töten“. Dieses Muster hat sich in den vergangenen Wochen wiederholt: Feuerpause für symbolische Ereignisse, dann Krieg wie zuvor. Bereits im April hatte es eine kurze Feuerpause für das Osterfest gegeben, die ebenfalls von beiden Seiten gebrochen wurde.
Donezk und die festgefahrene Verhandlungslage
Die eigentliche Blockade der Friedensgespräche liegt tiefer. Russland verlangt, dass die Ukraine ihre Truppen aus Teilen der Region Donezk abzieht, die Moskau zwar beansprucht, aber nie vollständig besetzt hat. Kiew lehnt das ab. Dieser Streitpunkt hat die Gespräche zwischen Washington, Moskau und Kiew seit Monaten zum Stillstand gebracht.
Erschwert wird die Lage durch das Durcheinander konkurrierender Waffenstillstandserklärungen: Kiew hatte am 6. Mai eine eigene Waffenruhe ausgerufen, die Russland ignorierte. Moskau rief die Parade-Feuerpause aus, die sofort brach. Trump verkündete nun eine dritte Waffenruhe. Für Beobachter außerhalb der Konfliktzone wird damit kaum noch nachvollziehbar, welche Feuerpause eigentlich gilt, wer sie hält und wer sie verletzt.
Trump schrieb in seinem Truth-Social-Post, die Gespräche über ein Kriegsende liefen weiter und man komme „dem Ende täglich näher“. Eine konkrete Verhandlungsgrundlage oder ein Datum nannte er nicht.
Bis Dienstag: Gefangenenaustausch als Mindestgewinn
Auch wenn die Waffenruhe erneut auf dem Papier bleibt, ist der Gefangenenaustausch für beide Seiten ein konkretes Ergebnis. Selenskyj hat das explizit zur Priorität erklärt. 1.000 ukrainische Kriegsgefangene, die nach Hause zurückkehren, sind politisch und menschlich bedeutsam, unabhängig davon, ob die Waffen an der Front schweigen.
Ob aus den Miami-Gesprächen mehr wird, hängt davon ab, wie weit Witkoff und Kushner auf die russische Maximalforderung rund um Donezk eingehen. Die USA haben im Iran-Konflikt erhebliche Kapazitäten gebunden. Dass Trump persönlich eingreift und beide Seiten zu einer Bestätigung gebracht hat, ist ein Signal an Moskau: Washington schaut nicht weg. Ob das reicht, um die Verhandlungen aus dem Stillstand zu lösen, wird sich bis Dienstag zeigen.
Aktualisierungen
Update 8. Mai, 23:00 Uhr: Während die Dreitageswaffenruhe läuft, öffnet sich parallel ein neuer diplomatischer Kanal: EU-Ratspräsident António Costa bereitet Gespräche mit Putin vor und hat dafür die Zustimmung von Präsident Selenskyj erhalten. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bestätigte, Putin sei zu Verhandlungen mit Europäern bereit, werde aber selbst keinen ersten Schritt unternehmen. Zusätzlich kündigte Außenminister Johann Wadephul eine eigene Initiative Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens im E3-Format an. Wadephul erklärte, man sei bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen. Der Hintergrund: Europäische Regierungen sind zunehmend frustriert darüber, dass Washington seit Monaten durch den Iran-Konflikt abgelenkt ist und die Ukraine-Diplomatie ins Stocken geraten war. Erstmals seit Kriegsbeginn positioniert sich Europa nicht nur als Unterstützer der Ukraine, sondern als potenzieller Verhandlungsakteur gegenüber Moskau.
Update 9. Mai, 03:00 Uhr: Die Dreitageswaffenruhe ist seit dem 9. Mai formal in Kraft, die ukrainische Luftwaffe meldete jedoch, in der Nacht 56 russische Drohnen abgeschossen zu haben. Selenskyj erklärte, Russland unternehme erneut keinen Versuch, die Waffenruhe tatsächlich einzuhalten. Der Gefangenenaustausch von je 1.000 Personen gilt nach ukrainischen Angaben dennoch als geplant. Für die laufenden Verhandlungen in Miami zwischen Chefunterhändler Rustem Umjerow und US-Sondergesandtem Steve Witkoff ist entscheidend, ob Washington Druck auf Moskau ausübt oder die erneuten Verstöße stillschweigend hinnimmt.
Update 9. Mai, 09:00 Uhr: Putins Militärparade zum 9. Mai fand ohne Panzer, Raketen und gepanzerte Fahrzeuge statt, zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren. Als offizielle Begründung nannte der Kreml Sicherheitsbedenken wegen ukrainischer Drohnenangriffe. Selenskyj hatte zuvor ironisch einen Erlass veröffentlicht, der Russland die Parade "erlaubt", mit Verweis auf die russische Ankündigung, die Ukraine in drei Tagen zu besiegen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bezeichnete das als "dummen Witz" und erklärte: "Wehe dem, der versucht, sich über den Siegestag lustig zu machen." Der Gefangenenaustausch von je 1.000 Personen hat nach Angaben beider Seiten am 9. Mai begonnen.
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