Acht Zirkons und kein Wort aus Washington
In Kyjiw und Dnipro wurden am Morgen des 2. Juni Trümmer aus eingestürzten Gebäuden beiseitegeschafft. Mindestens 17 Menschen sind tot, mehr als hundert verletzt. Acht der abgefeuerten Raketen waren Zirkon-Hyperschallraketen, die selbst westlichen Luftabwehrsystemen erhebliche Probleme bereiten. Selenskyj hat Trump per Brief um mehr Patriot-Raketen gebeten. Washington hat nicht geantwortet.
Der Angriff in Zahlen
Russland feuerte in der Nacht vom 1. auf den 2. Juni 73 Raketen und 656 Drohnen auf die Ukraine. Die Schwerpunkte lagen auf den Regionen Kyjiw, Dnipro und Charkiw. In Kyjiw starben sechs Menschen, mehrere wurden in Trümmern eingeschlossen. In Dnipro zählten die Behörden elf Tote, darunter ein Kind; Gebäude stürzten teils vollständig ein. Ukraines Luftverteidigung fing nach offiziellen Angaben 40 der 73 Raketen und 602 der 656 Drohnen ab oder drängte sie vom Kurs ab.
Russlands Verteidigungsministerium erklärte, die Schläge hätten militärindustrielle Anlagen, Kraftstofflager und Militärbasen getroffen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow begründete den Angriff mit Ukraines Drohnenangriff auf ein Schülerwohnheim im russisch kontrollierten Starobilsk am 22. Mai, bei dem 21 Menschen getötet worden waren. Selenskyj hatte am Abend des Angriffstags davor gewarnt, Russland könnte noch in derselben Nacht einen zweiten Großangriff starten.
Zirkon-Premiere im Massenangriff
Unter den 73 Raketen befanden sich acht Hyperschallraketen des Typs Zirkon. Die Zirkon erreicht Mach 8 bis 9, fliegt auf einer flachen Trajektorie und stellt westliche Luftabwehrsysteme vor erhebliche Probleme: Bisherige Patriot-Konfigurationen sind nicht primär auf Hyperschallziele dieser Geschwindigkeitskategorie ausgelegt.
Bisherige Zirkon-Einsätze im Ukraine-Krieg beschränkten sich auf einzelne Raketen oder kleine Salven. Der Schritt zu acht Stück in einer Nacht hat zwei mögliche Erklärungen: Russland hat die Serienproduktion signifikant ausgebaut oder es greift auf strategische Reserven zurück, um kurzfristig maximale Wirkung zu erzielen. Beide Szenarien sind für die Ukraine und ihre westlichen Unterstützer militärisch bedeutsam, aus gegensätzlichen Gründen.
Der Brief, den Washington nicht beantwortet hat
Selenskyj hat Trump und den US-Kongress in einem Schreiben um mehr Patriot-PAC-3-Abfangraketen gebeten. Ballistische Raketen seien Putins letzter großer Vorteil auf dem Schlachtfeld, schrieb er. Das derzeitige Liefertempo werde der tatsächlichen Bedrohung nicht mehr gerecht. Die Ukraine erklärte, sie sei bereit, die benötigten Systeme und Abfangraketen käuflich zu erwerben, falls die USA sie nicht als Hilfe liefern können.
Der Brief wurde laut ukrainischen Regierungsberatern Ende Mai verschickt; der Tagesspiegel berichtete, mindestens ein US-Senator habe Selenskyjs Anfrage Zustimmung signalisiert. Eine offizielle Antwort der Trump-Administration steht aus. Die Ursache für den Engpass ist der Iran-Krieg: Seit dem 28. Februar 2026 setzen die USA in direkten Angriffen auf iranische Ziele eigene Patriot-Bestände ein und priorisieren deren Auffüllung. Defence-Express-Analysten schätzen den monatlichen ukrainischen Bedarf zur Abwehr russischer Ballistikraketen auf über 120 Abfangraketen. Die tatsächlichen Liefermengen bleiben nach ukrainischen Angaben deutlich darunter.
EU in Zypern: Einigkeit ohne Beschluss
Parallel zu den militärischen Entwicklungen tagten EU-Außenminister Ende Mai auf Zypern. Das zentrale Thema: eine gemeinsame Verhandlungsposition gegenüber Russland. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bezeichnete die Debatte über einen eigenen EU-Sonderbotschafter als Falle, in die Russland Europa locken wolle, besonders im Hinblick auf Spekulationen über den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder. Kallas präsentierte ein vertrauliches Papier mit europäischen Mindestforderungen: vollständiger Waffenstillstand, Rückzug Russlands aus Moldau und Georgien, Ende von Cyberangriffen und Desinformationskampagnen.
Kallas drohte Russland zudem mit verheerenden Konsequenzen, sollte Moskau ein NATO-Land angreifen. Diese Formulierung geht über bisherige EU-Erklärungen hinaus. Konkrete Beschlüsse gab es auf Zypern nicht. Die Außenminister einigten sich darauf, keine Einzelinitiativen zu starten, die Russland als europäische Uneinigkeit nutzen könnte. Alle wesentlichen Entscheidungen wurden auf den EU-Gipfel am 18. und 19. Juni vertagt.
EU-Gipfel am 18. Juni: Drei offene Fragen
In zweieinhalb Wochen kommen EU-Staats- und Regierungschefs zusammen. Drei Fragen werden dann im Mittelpunkt stehen: Wie reagiert Washington auf Selenskyjs Brief? Formuliert die EU eine kohärente Verhandlungsstrategie für eventuelle Russland-Gespräche? Und reicht Ukraines Luftverteidigung, bis neue Munition eintrifft?
Im Hintergrund läuft Ukraines EU-Beitrittsprozess weiter. Ungarn signalisierte zuletzt, keine weiteren Fortschritte beim ukrainischen Beitrittsprozess blockieren zu wollen. Wie rasch Washington auf Selenskyjs Hilferuf eingeht, dürfte in Brüssel ebenso aufmerksam beobachtet werden wie in Kyjiw: Ohne ausreichend Abfangraketen ist jede Diskussion über Sicherheitsgarantien für die Ukraine abstrakt.
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