USA treffen Irans Radar: Teheran feuert zurück
Als der Brentölpreis am Dienstag auf fast 100 Dollar kletterte, lagen die Ursachen auf der Insel Qeschm: US-Streitkräfte hatten dort und in Bandar Abbas iranische Radaranlagen und Luftabwehrsysteme getroffen, auf direkten Befehl von Präsident Trump. Das Zentralkommando CENTCOM bezeichnete die Schläge als „verhältnismäßige Reaktion“ auf den Abschuss eines US-Apache am Vortag. Teheran ließ die Islamische Revolutionsgarde (IRGC) umgehend Raketen und Drohnen starten. Gleichzeitig liefen Verhandlungen über ein Abkommen, das Trump noch am Montag für „zwei bis drei Tage“ entfernt erklärt hatte.
Vergeltungsbefehl: Qeschm, Bandar Abbas, Goruk
CENTCOM gab am Dienstagnachmittag bekannt, auf ausdrückliche Anweisung des Oberbefehlshabers Schläge gegen iranische Ziele eingeleitet zu haben. Die Angriffe richteten sich laut CENTCOM gegen mehrere Luftabwehrsysteme und Radarstationen rund um die Straße von Hormus. Explosionen wurden an drei strategisch bedeutsamen Orten gemeldet: auf der Insel Qeschm, in der Hafenstadt Bandar Abbas und im Küstenort Jask.
Die Insel Qeschm gilt als Kernstück des iranischen Verteidigungsbogens entlang der Meerenge. Bandar Abbas, die wichtigste Hafenstadt Irans am Persischen Golf mit rund 700.000 Einwohnern, beherbergt sowohl einen Marinestützpunkt als auch Luftwaffeneinheiten. Dem Bericht von Haaretz zufolge wurde in Goruk, einer weiteren Küstenstation, ein Küstenüberwachungsradar getroffen. Repräsentantenhaussprecher Mike Johnson bezeichnete die Angriffe als „gezielte Schläge gegen Radaranlagen, Raketenstellungen und Führungsinfrastruktur“ und erklärte sie zur Reaktion auf „ungerechtfertigte iranische Aggression“.
Für Teheran treffen die Angriffe Schlüsselanlagen, ohne die eine effektive Kontrolle der Straße von Hormus kaum möglich ist. Die Meerenge, durch die täglich rund ein Fünftel des globalen Rohölhandels fließt, ist seit Anfang März de facto von iranischen Streitkräften gesperrt. Der Angriff auf die Radarstationen schwächt Irans Frühwarnsystem für genau jene Routen, die Teheran absperren will.
Teheran feuert zurück: Die Kehrtwende der IRGC
Iran schlug zurück. Die Islamische Revolutionsgarde meldete über Telegram den Start von Raketen und Drohnen auf amerikanische Ziele in der Region. Außenminister Abbas Araghchi erklärte unmissverständlich: „Unsere Streitkräfte werden keinen Angriff unbeantwortet lassen.“ In einem zweiten Statement formulierte er die Botschaft direkter: „Verlasst unsere Region, wenn ihr sicher sein wollt.“
Die Eskalation vom Dienstag enthält einen bemerkenswerten Widerspruch. Am Montagabend hatte das Khatam-Al-Anbiya-Kommando, das gemeinsame Operationshauptquartier der iranischen Streitkräfte, offiziell die Einstellung seiner Militäroperationen gegen Israel erklärt. Wenige Stunden später schlug eine iranische Shahed-Drohne den US-Apache ab. Und nach den amerikanischen Vergeltungsschlägen am Dienstag eröffnete die IRGC erneut das Feuer. Teheran hat die Waffenruhe in einem Zeitraum von weniger als 48 Stunden zweimal selbst unterbrochen.
Ob die Gegenangriffe der IRGC die US-Ziele trafen, wurde zunächst nicht bestätigt. CENTCOM meldete, man habe die eigenen Kräfte gegen weitere Angriffe verteidigt. Mehrere arabische Golfstaaten erhöhten nach den Raketenabschüssen ihre Alarmstufen.
Verhandlungen unter Beschuss
Trump hatte am Montag, nach den NBA Finals in New York, erklärt, ein Abkommen mit Iran sei „in zwei oder drei Tagen“ erreichbar; die Straße von Hormus werde unmittelbar danach wieder geöffnet. Ähnliche Ankündigungen hatte er in den Wochen zuvor mehrfach gemacht, ohne dass ein Abschluss folgte.
Die drei ungelösten Kernfragen des Konflikts blieben am Dienstag unberührt. Erstens: Iran besitzt nach Berechnungen von PBS NewsHour noch rund 440 Kilogramm hochangereichertes Uran und lehnt einen vollständigen Verzicht auf Anreicherung ab. Zweitens: Teheran fordert die Freigabe eingefrorener iranischer Auslandsgelder und Sanktionserleichterungen, Washington knüpft beides an nukleares Entgegenkommen. Drittens: Iran hatte als Bedingung für eine Waffenruhe das Ende der israelischen Luftangriffe im Libanon genannt. Israel setzt diese Angriffe fort und Trump hat signalisiert, das nicht erzwingen zu wollen.
US-Angriffe auf iranisches Territorium machen diese drei Fragen nicht leichter zu lösen. Denn Teheran steht innenpolitisch unter dem Druck, auf jeden Angriff sichtbar zu reagieren. Araghchis Erklärungen sind deshalb auch nach innen gerichtete Signale: Die IRGC demonstriert, dass sie kämpft, unabhängig davon, was Diplomaten aushandeln. Friedensgespräche und Vergeltungsschläge laufen damit in zwei getrennten Spuren, die sich gegenseitig untergraben.
Fünf Tage bis G7 in Évian-les-Bains
Am 15. Juni trifft sich die Gruppe der sieben führenden Industrienationen in Évian-les-Bains am Genfer See. Der Irankonflikt stand schon vor dem Dienstag oben auf der Agenda. Die europäischen Verbündeten, die eine kontrollierte Deeskalation fordern, sehen nun einen amerikanischen Präsidenten, der am selben Tag Friedensgespräche lobt und Angriffe auf Iran anordnet.
Für Trump läuft der innenpolitische Druck in die entgegengesetzte Richtung. Republikanische Kongressmitglieder begrüßten die Schläge ausdrücklich. Einen Angriff auf US-Soldaten unbeantwortet zu lassen wäre in Washington politisch kaum zu verteidigen gewesen. Der Vergeltungsbefehl war damit auch ein innenpolitisches Kalkül: Stärke zeigen, ohne formal den Rahmen der laufenden Verhandlungen zu verlassen.
Konkrete Lageinformationen mit Schadensbewertung soll CENTCOM noch am Dienstag veröffentlichen. Davon hängt ab, ob Washington die Schläge als abgeschlossene Episode wertet oder ob weitere Angriffe folgen. Araghchi hat diese Wahl bereits beantwortet: Teheran werde zurückschlagen, „gleich wie die Lage sich entwickelt.“
Aktualisierungen
Update 10. Juni, 09:04 Uhr: CENTCOM bestätigte in den frühen Morgenstunden des Mittwochs den Abschluss seiner Angriffsserie: Insgesamt 20 iranische Einrichtungen wurden getroffen, darunter Radarstationen, Luftabwehrsysteme und Bodenkontrollstationen rund um die Straße von Hormus. Washington sieht die Schläge damit als verhältnismäßige und abgeschlossene Reaktion auf den Apache-Abschuss. Die IRGC führte in derselben Nacht die bisher geografisch weiteste Gegenoffensive des Konflikts durch: Drohnen und Raketen trafen US-Militärbasen in Bahrain (Hauptquartier der US-Fünften Flotte), Kuwait (Stützpunkt Ali al-Salem) und Jordanien (Basis Muwaffaq Salti nahe Al-Azraq). Jordanien meldete fünf abgefangene Raketen ohne Schäden. Über Bahrain ertönten zweimal landesweite Luftschutzsirenen. Die IRGC behauptet, 21 US-Ziele getroffen und vier davon zerstört zu haben, darunter Hangars für F-35-Jets in Jordanien. US-Bestätigungen für Schäden lagen bis Mittwochvormittag nicht vor.
Update 10. Juni, 15:00 Uhr: Mittwochmittag drohte Trump auf Truth Social, er stehe kurz davor, neue Schläge auf iranische Kraftwerke und Brücken anzuordnen. Iran verhandele zu langsam und werde "den Preis bezahlen". Gleichzeitig wurden die humanitären Folgen der Nachtangriffe sichtbar: In der Stadt Kuhestak in der Provinz Hormuzgan und in elf umliegenden Dörfern haben nach Angaben der iranischen Nachrichtenagentur Mehr über 20.000 Einwohner keinen Zugang mehr zu Trinkwasser. Iranische Medien veröffentlichten Fotos zerstörter Wasserbecken. Temperaturen überschreiten in der Küstenregion 30 Grad Celsius.
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