Weißer Wasserstoff in Kanadas Urgestein
Unter Kanadas Milliarden Jahre altem Grundgestein entsteht seit Urzeiten natürlich Wasserstoff. Im Januar 2026 bestätigte das Unternehmen MAX Power Mining die erste erfolgreiche kanadische Bohrung auf natürlichen Wasserstoff am Lawson-Projekt in Saskatchewan, 140 Kilometer südlich von Saskatoon. Die Konzentrationen lagen nach Unternehmensangaben bei bis zu 28,6 Prozent Wasserstoff im Reservoir. Weltweit wird natürlicher Wasserstoff bisher nur an einem einzigen Ort kommerziell genutzt. Der Weg vom Fund zur Nutzung ist lang und mit offenen wissenschaftlichen Fragen gepflastert.
Was weißer Wasserstoff ist und wie er entsteht
Wasserstoff hat in der Energiebranche Farben, die seine Herkunft beschreiben. Grauer Wasserstoff entsteht aus Erdgas mit CO2-Ausstoß. Blauer Wasserstoff fängt dieses CO2 ab. Grüner Wasserstoff entsteht durch Elektrolyse aus erneuerbarem Strom. Weißer oder goldener Wasserstoff entsteht ohne menschliches Zutun tief im Erdreich.

Der geologische Prozess heißt Serpentinisierung: Wasser reagiert mit eisenreichen und magnesiumreichen Gesteinen in großen Tiefen. Dabei entstehen Wärme und molekularer Wasserstoff. Diese Reaktionen laufen seit Milliarden Jahren ab. Im Canadian Shield, dem archaischen Grundgestein des nordamerikanischen Kontinents, akkumuliert sich dieser Wasserstoff nach aktuellem Forschungsstand in porösen Gesteinsschichten. Die Frage ist, ob und wie viel davon zugänglich und wirtschaftlich nutzbar ist.
Was das Lawson-Projekt in Saskatchewan gefunden hat
MAX Power Mining hat das Lawson-Projekt per dreidimensionaler Seismik vermessen. Die Auswertung ergab eine geologische Abschlussstruktur von etwa 14,2 Quadratkilometern. In mehreren Horizonten wurden Konzentrationen von 168.000 bis 286.000 ppm gemessen, entsprechend 17 bis 28,6 Prozent Wasserstoff. Das Unternehmen identifizierte zudem einen 475 Kilometer langen Geländestreifen in Saskatchewan, den sogenannten Genesis Trend, mit potenziell mehreren vergleichbaren Strukturen.
Zum Vergleich: In einem Bergwerk in der kanadischen Stadt Timmins entweicht natürlicher Wasserstoff ungenutzt aus rund 15.000 Bohrlöchern. Forscher der Universität Toronto schätzten diese unbeabsichtigte Leckage auf rund 140 Tonnen jährlich, genug für 4,7 Millionen Kilowattstunden. Das Lawson-Projekt hat anderen geologischen Kontext, zeigt aber, dass Gestein des Canadian Shield tatsächlich Wasserstoff in relevanten Mengen enthält.
Mali: Das einzige kommerzielle Vorbild der Welt
Bourakébougou, ein Dorf 60 Kilometer nördlich von Bamako in Mali, ist der einzige Ort weltweit, an dem natürlicher Wasserstoff kommerziell genutzt wird. 1987 entdeckten Brunnenbohrer beim Suchen nach Trinkwasser statt Wasser ein brennbares Gas, das sich als 98 Prozent reiner Wasserstoff herausstellte. Seit 2012 versorgt dieses Feld die umliegenden Gemeinden mit Strom. Die Struktur überspannt fünf geologische Schichten auf einer Fläche von rund 8 Quadratkilometern.

Das Beispiel zeigt, dass natürlicher Wasserstoff nutzbar ist, wo er rein und zugänglich vorliegt. Es zeigt aber auch, wie außergewöhnlich dieser Fall ist: Trotz weltweiter Suche in den vergangenen Jahren hat keine andere Nation ein vergleichbares Feld in kommerzielle Produktion gebracht.
Worauf Kritiker hinweisen
Die Royal Society veröffentlichte 2025 eine Bewertung natürlichen Wasserstoffs und wies auf erhebliche Wissenslücken hin. Zentrale Einwände: Ressourcenmengen seien noch nicht zuverlässig quantifizierbar, Extraktionsverfahren kaum erprobt und es sei unklar, ob bei der Förderung CO2 oder andere Treibhausgase freigesetzt würden. Letzteres wäre bedeutsam, denn ein Wasserstoff, dessen Förderung Treibhausgase freisetzt, verliert seinen Klimavorteil gegenüber grauem oder blauem Wasserstoff.
Hinzu kommt das Problem der unternehmerischen Kommunikation: Die Schätzung auf 140 Tonnen aus Timmins stammt aus unkontrolliertem Austritt an einem Bergwerk, nicht aus gesteuerter Förderung. Ob das Lawson-Projekt wirtschaftlich zugänglichen Wasserstoff enthält, werden unabhängige Reservegutachten des Unternehmens GLJ Ltd. zeigen müssen, die nach Unternehmensangaben noch ausstehen.
Drei Voraussetzungen bis zur kommerziellen Nutzung
Für weißen Wasserstoff als Energiequelle müssen nach aktuellem Stand mindestens drei Bedingungen erfüllt sein:
- Verlässliche Ressourcenquantifizierung: Bohrungen und unabhängige Gutachten müssen belegen, wie viel Wasserstoff tatsächlich zugänglich ist. Das Lawson-Projekt steht am Anfang dieses Prozesses.
- Emissionsarme Extraktion: Die Förderung darf keine nennenswerten CO2-Mengen freisetzen. Sonst verliert weißer Wasserstoff seinen zentralen Vorteil.
- Regulatorischer Rahmen: Kanada hat bisher kein spezifisches Regelwerk für natürlichen Wasserstoff. Saskatchewan verfügt über bestehende Energieinfrastruktur, aber die rechtlichen Grundlagen für geologischen Wasserstoff fehlen noch.
Der Fund in Saskatchewan ist wissenschaftlich bedeutsam. Er zeigt, dass der Canadian Shield Wasserstoff in messbaren Konzentrationen enthält. Ob daraus je eine Energiequelle wird, weiß heute niemand mit Sicherheit. Vorerst bleibt Mali der einzige Beweis, dass natürlicher Wasserstoff tatsächlich lieferbar ist.
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