Iran droht Gesprächsabbruch nach CENTCOM-Schlägen
Noch am Dienstag, dem 9. Juni, übermittelte Iran über omanische Vermittler einen Gegenvorschlag zu den amerikanischen Verhandlungsangeboten über ein Atomabkommen. Einen Tag später, nach Vergeltungsschlägen des US-Zentralkommandos CENTCOM auf iranische Radaranlagen und einem Gegenangriff der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) auf US-Stützpunkte in Bahrain, Kuwait und Jordanien, erklärte Außenministeriumssprecher Esmail Baghaei, Teheran werde die Gespräche nun "neu bewerten". Fünf Tage vor dem G7-Gipfel in Évian-les-Bains stehen die Atomverhandlungen erneut vor dem Abbruch.
"Widersprüchliche Botschaften aus Washington"
Baghaeis Erklärung vom Mittwoch war präzise formuliert. Iran werde die Verhandlungen nach dem jüngsten Schlagabtausch neu bewerten, sagte der Außenministeriumssprecher gegenüber Journalisten. Gleichzeitig lieferte er eine Deutung des militärischen Geschehens: "Was letzte Nacht gezeigt hat, ist, dass Irans tapfere Streitkräfte beim Schutz des Landes nicht zögern." Der eigentliche Kern seiner Botschaft richtete sich jedoch gegen die diplomatische Logik Washingtons: "Die Vereinigten Staaten untergraben diesen Prozess durch widersprüchliche Botschaften."
US-Präsident Donald Trump hatte in einem Fox-News-Interview am Mittwoch unabhängig davon erklärt, Iran werde in den Verhandlungen "viel aggressiver". Beide Signale zusammen beschreiben eine Situation, in der Militäraktion und Diplomatie in separaten Spuren laufen, die sich gegenseitig blockieren. Iran feuert auf US-Stützpunkte und verhandelt über Oman. Washington schlägt iranische Radaranlagen und erklärt gleichzeitig, ein Abkommen sei greifbar.
Baghaeis Erklärung ist nach innen wie nach außen gerichtet. Die Islamische Revolutionsgarde ist keine Verhandlungsdelegation und handelt nach eigener Logik. Wenn Teheran diplomatisch nachgibt, ohne dass die IRGC dies unterstützt, verliert die Regierung innenpolitisch an Glaubwürdigkeit. Die Ankündigung, Gespräche neu zu bewerten, gibt der Führung die Möglichkeit, weiterzuverhandeln und gleichzeitig Stärke zu demonstrieren.
Die drei ungelösten Kernfragen
Iran hatte den amerikanischen Vorschlag am 9. Juni als "inakzeptabel" zurückgewiesen, bevor die Militäreskalation begann. Das US-Angebot sah laut Berichten Hilfe beim Bau ziviler Kernkraftwerke vor und erlaubte begrenzte Urananreicherung, bis ein regionaler Konsortiumsbetrieb die Versorgung übernehmen kann. Teheran wies dies zurück und übermittelte einen eigenen Gegenvorschlag über Oman.
Hinter der abgelehnten Formulierung stehen drei strukturelle Konfliktpunkte, die seit Beginn der Verhandlungen im April 2025 ungelöst sind. Erstens verlangt Washington den vollständigen Verzicht auf Urananreicherung in Iran; Teheran erklärt das Recht auf Eigenanreicherung für nicht verhandelbar. Zweitens verfügt Iran nach Berechnungen von PBS NewsHour noch über rund 440 Kilogramm hochangereichertes Uran. Washington fordert den Abtransport dieser Bestände ins Ausland; Teheran lehnt das ab. Drittens verknüpft Washington Sanktionserleichterungen mit konkreten nuklearen Zugeständnissen; Iran fordert eine Vorabanerkennung seiner Rechte, bevor Kompromisse möglich seien.
Das Omaner Vermittlerformat war die einzige Verbindung zwischen diesen Positionen. Oman hat seit Februar 2026 mehrere Verhandlungsrunden arrangiert und gilt als neutraler Kanal, dem beide Seiten vertrauen. Wenn Baghaeis Ankündigung einer Neubeurteilung bedeutet, dass Iran diesen Kanal aussetzen will, fehlt ein Ersatz.
Militär und Diplomatie in getrennten Spuren
CENTCOM teilte am Mittwoch mit, die Angriffsserie auf iranische Luftabwehrsysteme und Radarstationen sei abgeschlossen. Insgesamt wurden 20 iranische Einrichtungen getroffen. Auf den CENTCOM-Abschluss folgte der IRGC-Gegenangriff auf Stützpunkte in Bahrain, Kuwait und Jordanien. Ein US-Beamter sagte gegenüber Reuters, „nahezu alle“ iranischen Raketen und Drohnen seien abgefangen worden. Konkrete Schadensmeldungen aus US-Quellen lagen bis Mittwochmittag nicht vor.
Der Ausgangspunkt der aktuellen Eskalation war der Abschuss eines US-Kampfhubschraubers vom Typ AH-64E Apache am 9. Juni über der Straße von Hormus durch eine iranische Shahed-Drohne. CENTCOM wertete dies als Anlass für die Vergeltungsschläge auf Qeschm und Bandar Abbas. Iran hatte in der vorangegangenen Nacht offiziell die Einstellung seiner Militäroperationen gegen Israel erklärt. Innerhalb von 48 Stunden war die Waffenruhe faktisch aufgehoben.
Araghchi hatte am Dienstag unverändert erklärt, Iran werde jeden Angriff beantworten. Das ist keine neue Position, aber sie illustriert das grundlegende Problem: Die IRGC ist keine Partei, die diplomatische Signale in militärische Zurückhaltung übersetzt. Sie reagiert nach eigenem Kalkül. Solange die Angriffe andauern, bleibt die IRGC unter innenpolitischem Druck zu reagieren.
Fünf Tage bis G7 in Évian-les-Bains
Vom 15. bis 17. Juni trifft sich die Gruppe der sieben führenden Industrienationen in Évian-les-Bains am Genfer See. Der Irankonflikt stand schon vor der jüngsten Eskalation oben auf der Agenda. Die europäischen Verbündeten, die seit Monaten eine Deeskalation fordern, sehen nun ein Bild, das ihre Position erschwert: Washington schlägt militärische Ziele im Iran, verhandelt über Oman und erklärt gleichzeitig, Iran werde in den Gesprächen aggressiver.
Frankreich, Deutschland und Großbritannien waren über das frühere Atomabkommen (JCPOA) hinaus nie Partei der neuen Verhandlungen. Sie haben keinen direkten Einfluss auf die Omaner Vermittlungslinie. Ihr Spielraum beim G7 beschränkt sich auf Appelle, die Washington im bisherigen Verlauf des Konflikts nicht sonderlich beeindruckt haben.
Baghaei hat die Ankündigung einer Neubeurteilung bewusst offen gelassen. Sie bedeutet nicht zwingend einen endgültigen Abbruch, aber sie setzt den Omaner Vermittlungsprozess unter Druck. Die nächste Frage lautet, ob Oman eine neue Gesprächsrunde vor dem G7-Gipfel arrangieren kann und ob Washington und Teheran bereit sind, die Militärlogik kurz genug stillzulegen, damit Diplomaten arbeiten können.
Aktualisierungen
Update 10. Juni, 23:00 Uhr: Am Mittwochabend erklärte Trump gegenüber Reportern, er werde den Iran „noch heute“ und „sehr hart“ treffen. Ob dabei Kraftwerke und Brücken ausgeschaltet würden, ließ er offen. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung warnte zeitgleich, der durch den Irankrieg ausgelöste Energiepreisschock gefährde die wirtschaftliche Erholung in Deutschland. Der Tagesspiegel berichtete von einem Stimmungseinbruch in mehreren deutschen Branchen infolge des Konflikts.
Update 11. Juni, 01:00 Uhr: Am frühen Donnerstag setzte das US-Militär die Angriffe auf Iran fort: Trump bestätigte den Einsatz von 49 Tomahawk-Raketen, die Ziele bis 65 Kilometer vor Teheran trafen. Die IRGC antwortete mit Drohnenangriffen auf das Hauptquartier der US-Fünften Flotte in Bahrain und störte nach eigenen Angaben Kommunikationsantennen und Radaranlagen des Patriot-Systems; Bahrain erließ Luftalarm. Iran erklärte daraufhin die Straße von Hormus erneut für vollständig geschlossen, CENTCOM wies das zurück und teilte mit, der Schiffsverkehr laufe weiter. Trump stoppte die Angriffe vorerst und drohte, sie am Freitag fortzusetzen, falls kein Deal zustande komme. Als zentralen Streitpunkt nannte er 24 Milliarden Dollar eingefrorene iranische Vermögenswerte, deren Freigabe Teheran als Vorbedingung für Fortschritte fordert.
Kommentare